Kolumne Projektcoaching Welcher Entwickler-Typ sind Sie?

Redakteur: Martina Hafner

Sind Sie eher ein „natürlicher“, „wahrer“ oder „richtiger“ Softwareentwickler? Denken Sie doch spaßeshalber einmal mit mir über diese Frage und über die Konsequenz der Antwort nach.

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Gunter Dueck, Mathematiker und Querdenker bei IBM, hat diese Klassifizierung in seinem Buch „Omnisophie“ (Kunstwort, das so viel wie allumfassende Weisheit bedeutet) vorgeschlagen. Was mich als Gehirnfreak daran überzeugt, ist, dass sich die Eigenschaften dieser Typen sehr gut auf die Fähigkeiten unseres Gehirns abbilden lassen: intuitives Denken, analytisches Denken und Steuerung von praktischem Handeln. Der „Wahre“ nutzt vor allem die Intuition und das ganzheitliche Denken. Der „Richtige“ bevorzugt analytisches Denken. Der „Natürliche“ wird schließlich durch Lust am Handeln dominiert.

Revoluzer, Pedanten und Softwarechaoten

Der „Wahre“ lebt für gute Ideen und geniale Visionen, die nicht selten etablierte Paradigmen und Regeln über den Haufen werfen. Er sieht das große Ganze und übersieht dabei gerne Details. Er hinterlässt den „Richtigen“ und „Natürlichen“ die Suppe, die er genüsslich eingebrockt hat, zum Auslöffeln. Die sehen ihn als Traumtänzer, Prophet oder Revoluzzer.

Der „Richtige“ bevorzugt feste Regeln, klare Strukturen und definierte Prozesse. Er setzt sich vehement für Softwaremetriken, MISRA C, IEEE, CMMI, SPICE und Prozessmodelle ein. Die „Wahren“ und „Natürlichen“ nennen ihn genervt Bürokrat, Pedant oder Erbsenzähler.

Zu guter Letzt der „Natürliche“. Er liebt die Rolle des Machers oder Helden. Wenn andere längst verzweifelt die Flinte ins Korn geworfen haben, hat er immer noch ein paar Kniffe und Tricks auf Lager. Er holt das Letzte aus jedem Compiler und Echtzeitbetriebssystem heraus und sein Experimentierdrang scheut kaum ein Risiko. Ist die Herausforderung genial gemeistert, hinterlässt er den anderen das Schlachtfeld, damit sie die weniger ehrenvollen Aufgaben wie Dokumentation erledigen. „Richtige“ und „Wahre“ nennen ihn mit einem abfälligen Unterton „Praktiker“ oder weniger diplomatisch Hacker oder Softwarechaot.

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Warum der „Richtige“ den „Macher braucht und andersrum

Entwickler-Typen nach Gunter Dueck und ihre Ziele. Wo befindet sich Ihr Ich, wenn Sie an Ihre bevorzugte Rolle in Projekten denken? (Archiv: Vogel Business Media)

Natürlich gibt es diese Typen nicht in Reinkultur, und diese Art der Typisierung ist eine von vielen. Meiner Erfahrung nach weisen jedoch die meisten Menschen klare Tendenzen auf. Konflikte zwischen den unterschiedlichen Typen liegen in der Natur der Sache. Doch welcher Typ Sie auch immer sind, Sie werden die anderen brauchen. Monokulturen sind todlangweilig und tödlich. Ohne „Richtige“ keine Ordnung, ohne „Wahre“ keine bahnbrechenden Ideen und ohne „Natürliche“ kein Ausweg aus Projektkrisen.

Jeder Typ braucht im Team seinen Raum und seine Grenzen. Die Chancen der einen beruhen auf den Fähigkeiten der anderen. Klare Strukturen und Prozesse erschließen zeitliche und finanzielle Freiräume, die für Innovationen genutzt werden können. Innovationen schaffen neue Herausforderungen für Organisatoren und Macher. Die Macher erwecken Ideen auch unter widrigen Verhältnissen zum Leben. Die Grenzen der „Richtigen“ sind dort, wo sie die Macher am Machen hindern und den Visionären jeden kreativen Freiraum nehmen. Die Grenzen der „Wahren“ sind dort, wo Traumschlösser auf Sand gebaut werden, und die Grenzen der „Natürlichen“ dort, wo die pure Lust am Tun ins Chaos führt.

Der Konsens dieser Typen im Sinne eines gemeinsamen Zieles ist die wichtigste Basis für den Projekterfolg. Die Erkenntnis, dass das Optimum nicht in der Durchsetzung von Einzelpositionen, sondern im Ausgleich der Interessen liegt, macht aus einer Ansammlung von Typen ein schlagkräftiges Team. Betrachten Sie doch einfach Ihren nächsten Projektkonflikt durch diese Typenbrille und erkennen Sie die großen Chancen, die der Wille zum fairen Konsens bietet.

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