Investitionen fließen in Sonne, Wind und Speicher; Öl, Gas und Atom verlieren. Sowohl der neue Standort von Schneider Electric am Euref Campus in Düsseldorf als auch der Vortrag von Dr. Tim Meyer bei dessen Eröffnung beweisen: Nachhaltigkeit und Wirtschaftlichkeit sind kein Widerspruch – ganz im Gegenteil.
Der Euref-Campus: Schneider Electric bezieht in Düsseldorf das neue Hauptquartier.
(Bild: Manuel Christa)
„93 Prozent“, sagt Dr. Tim Meyer, „so viel der weltweit neu zugebauten Kraftwerkskapazitäten entfielen im letzten Jahr auf erneuerbare Energien.“ Auf dem Festakt zur Eröffnung des Schneider Electric Standorts auf dem Euref Campus Düsseldorf setzt der Energiewirtschaftler damit die Überschrift: „Folge dem Geld.“ Denn die Investitionen, nicht die Debatten, zeigen die Richtung. Meyer, Unternehmensberater (3Epunkt) und früherer Naturstrom Vorstand, beschreibt die Energiewende als industrielle Revolution, die man reitet oder verpasst. Zugleich warnt er vor neuen Abhängigkeiten in Netzen und Steuerungstechnik.
Der neue Euref Campus Düsseldorf: Kontext und Bedeutung
Der Euref-Campus: Die große Kuppel im Zentrum stammt aus Berlin und ist der des Reichstags nachempfunden.
(Bild: Manuel Christa)
Der Euref Campus Düsseldorf versteht sich als Schaufenster für die urbane Energiewende. Der Standort bündelt Unternehmen und Projekte rund um klimaneutrale Energieversorgung, digitale Gebäudeautomation und nachhaltige Mobilität. Schneider Electric bezieht dort einen neuen Bürostandort, der mehr ist als eine Arbeitsumgebung: Das Gebäude dient als technisches Testfeld und interaktives Schaufenster.
Die transparente Hülle und die geschwungene Dachstruktur stehen für Offenheit und Zukunftsorientierung. Sie sollen Energietechnik vor Ort erlebbar machen. In diesem Rahmen setzte der Vortrag von Dr. Meyer den inhaltlichen Akzent. „Die Technik ist da, wir müssen es nur noch machen“, betonte er in diesem Zusammenhang.
Tim Meyer ordnete in seinem Vortrag die aktuellen Entwicklungen in einen historischen Rahmen ein. Er sprach von drei großen Energierevolutionen: der Nutzung der Kohle im Zuge der industriellen Revolution, dem Aufstieg des Erdöls durch die Verbreitung des Automobils und schließlich dem Erdgas als dominierendem Energieträger des 20. Jahrhunderts. Heute, so Meyer, erlebe die Welt die vierte Revolution: Sonne und Wind steigen in einem Tempo auf, das in der Energiegeschichte beispiellos ist. Innerhalb von zwei Jahrzehnten habe sich ihr Anteil explosionsartig entwickelt.
Historisch wechselte das Primat der Energiesysteme mehrfach: Auf Kohle folgten Öl und später Gas – jeweils über Jahrzehnte und mit langen Investitionszyklen. Atomenergie legte seit den 1990er Jahren global nur begrenzt zu; viele Neubauten verzögerten sich oder verteuerten sich. Gegenstimmen verweisen auf Laufzeitverlängerungen und neue Reaktorkonzepte, prägen den weltweiten Zubau derzeit jedoch kaum.
Die Internationale Energieagentur (IEA) veröffentlicht jährlich den „World Energy Outlook“ (WEO). Der WEO liefert Szenarien, keine Punkt Prognosen. Analysen zu den WEO Jahrgängen zeigen: Zwischen 2005 und 2015 übertraf der reale PV Ausbau die IEA Kurven je nach Kennzahl bis zu Faktor 40. Für die Dekade danach (2015–2025) zeigen Auswertungen erneut deutliche Abweichungen; je nach Vergleichsgröße liegt der Abstand erneut bei rund Faktor 20–25. Aussagekern: Die WEO Basisszenarien rechneten über Jahre zu linear, während die Markt Lernkurven exponentielle Effekte lieferten.
Dass die Internationale Energieagentur diese Dynamik über Jahre systematisch unterschätzte, ist für Meyer ein Lehrstück: Politik und Prognosen tun sich mit disruptiven Technologien schwer.
Wirtschaftliche Dynamik und industrielle Chancen der Energiepolitik
Die Energiepolitik folgt vor allem ökonomischen Gesetzmäßigkeiten. „Follow the money“ ist die einfache Formel: Weltweit fließen Milliarden in erneuerbare Erzeugung und Speicher. Das sei ein Vielfaches dessen, was noch in Kohle, Gas oder Atom investiert wird. Dahinter steckt eine andere Skalierungslogik: Wind und Solartechnik sind modular, fabrikfertig und standardisiert.
Lernkurven drücken mit jeder installierten Einheit die Stückkosten, der CAPEX pro Kilowatt sinkt. Das beschleunigt Planung und Bau und verschiebt Investitionen von wenigen Großprojekten hin zu vielen verteilten Anlagen. Daraus ergibt sich eine klare Richtung, die sich nicht aufhalten lässt. Wer versucht, die Entwicklung zu blockieren, riskiert Standortnachteile. Als warnendes Beispiel nannte er die deutsche Automobilindustrie, die lange gezögert habe und nun im globalen Wettbewerb zurückfalle. Die deutsche Automobilindustrie hat die Welle zu spät gesurft.
Ein zweiter Hebel ist die Effizienz: In Verbrennungsmotoren verpuffen rund 70 bis 80 Prozent der Energie als Abwärme. Es kommen also nur 20 bis 30 Prozent an. Batterieelektrische Antriebe erreichen 75 bis 85 Prozent „Tank to Wheel“; inklusive Lade und Umwandlungsverlusten liegen „Well to Wheel“ typischerweise bei 60 bis 70 Prozent. Wärmepumpen liefern je Kilowattstunde Strom etwa das 2,5 bis 4 Fache an Nutzwärme. Die Konsequenz: gleiche Dienstleistung mit deutlich weniger Primärenergie. Vorausgesetzt, Netze, Speicher und Lastmanagement werden flexibel mitgebaut.
Stand: 08.12.2025
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Unabhängigkeit und Resilienz als strategische Ziele
Energieberater Dr. Tim Meyer: Ökologie und Ökonomie sind keine Gegensätze.
(Bild: Manuel Christa)
Dr. Meyer warnte eindringlich davor, die neuen Strukturen der Energiewelt unreflektiert aufzubauen und dadurch in neue Abhängigkeiten zu geraten, etwa bei Steuerungstechnik und Stromnetzen. Europa müsse seine Souveränität in der Elektrotechnik verteidigen und eigene Kompetenzen stärken. Der Standortvorteil einer traditionsreichen und leistungsfähigen Elektroindustrie in Deutschland und Europa sei dabei ein entscheidender Hebel, um Versorgungssicherheit und wirtschaftliche Resilienz zu sichern. „Da wollen wir nicht, dass irgendjemand, der uns nicht mehr mag, da plötzlich das Rückenmark abschaltet“, warnt Meyer.
Kommunikation und Mindset: Die zwei Hebel des Wandels
Die Transformation ist nicht nur technisch oder wirtschaftlich, sie braucht vor allem klare Kommunikation. Die grundlegende Technoökonomie müsse immer wieder erklärt werden, um Verständnis und Akzeptanz zu schaffen. Gleichzeitig brauche es Begeisterung und ein gemeinsames Mindset: Menschen müssten das Gefühl haben, Teil einer positiven Entwicklung zu sein. Der Euref Campus mit seiner symbolträchtigen Architektur und der Eröffnungsveranstaltung diene dafür als sichtbares Zeichen – ein „leuchtendes Symbol“ für den Aufbruch.
Dr. Meyer schloss seinen Vortrag mit einem klaren Appell an Wirtschaft, Politik und Gesellschaft: Die Energiewende müsse als gemeinsames Projekt verstanden und aktiv gestaltet werden. Der Euref Campus Düsseldorf stehe dabei exemplarisch für die Chancen und den Aufbruch, den diese Transformation mit sich bringt. „Geschäft machen mit einer guten Sache – und dabei auch noch Spaß haben.“