Bei Intel läuft es nicht rund. Nach desaströsen Quartalszahlen sucht das Unternehmen Mittel und Wege, seine Kosten zu drücken. Im Fokus dabei: Mitarbeitergehälter und Provisionen. Und Investitionen in neue Halbleiterfabriken – betroffen ist auch das EU-Prestigeprojekt in Magdeburg.
Aufgrund schwacher Absatzzahlen sieht sich Intel gezwungen, zu sparen. Dabei setzt das Unternehmen auch bei den Gehältern und Provisionen seiner Mitarbeitern an – und riskiert einen „Brain-Drain“.
Wie die US-amerikanische, auf die Halbleiterindustrie spezialisierte Marktanalysefirma Semianalysis berichtet, nimmt der Chiphersteller auf Kosten seiner Mitarbeiter aktuell enorme Kosteneinsparungen vor. Das hätten mehrere Intel-Mitarbeiter Semianalysis gegenüber bestätigt. Auch Medien wie Reuters, The Oregonian und Financial Times haben darüber berichtet. So würden vierteljährliche Gehaltsprämien gestrichen, Jahresprämien ausgesetzt, der Arbeitgeberanteil für den 401k-Plan (ein vom Arbeitgeber mitfinanziertes Modell der privaten Altersvorsorge in den USA) von 5 Prozent auf 2,5 Prozent halbiert, leistungsbezogene Erhöhungen ausgesetzt. Sogar die Belohnungen für Patentanmeldungen sollen demnach gekürzt werden. Dylan Patel von Semianalysis kritisiert, dass sich Intel auf der anderen Seite dazu entschlossen hat, die Dividende zu erhöhen.
Damit nicht genug: Abhängig von der Besoldungsgruppe kürzt die Geschäftsführung die Grundgehälter ihrer Mitarbeiter. Alle Angestellten unterhalb der US-Besoldungsgruppe Principal Engineer, also Ingenieure der US-Besoldungsgruppen Grade 7 bis 11, müssen mit einer Kürzung von 5 Prozent rechnen, für die VPs wird eine Verringerung von 10 Prozent eingeführt, und das Führungsteam erhält eine Kürzung von 15 Prozent, wobei Pat Gelsinger eine Kürzung von 25 Prozent hinnehmen muss. Zur Einordnung: Intel zahlt ordentliche Gehälter, Grade 7 soll im Mittel etwa 190.000 US-Dollar entsprechen. Eine 10-prozentige Kürzung entspräche also gut 10.000 US-Dollar.
Intel bestätigt die Maßnahmen grundsätzlich. Eine Mitteilung des Konzerns lautet: „Angesichts des anhaltenden makroökonomischen Gegenwinds und der Bemühungen, die Kosten im gesamten Unternehmen zu senken, haben wir mehrere Anpassungen an unseren Vergütungs- und Prämienprogrammen für 2023 vorgenommen. Diese Änderungen sollen sich stärker auf unsere Führungskräfte auswirken und dazu beitragen, die Investitionen und die Gesamtbelegschaft zu unterstützen, die erforderlich sind, um unsere Transformation zu beschleunigen und unsere langfristige Strategie zu erreichen. Wir danken unseren Mitarbeitern für ihr Engagement für Intel und ihre Geduld in dieser Zeit, denn wir wissen, dass diese Veränderungen nicht einfach sind.“
„Unglaublich dummer Schritt“
Die Kürzungen kommen zu einem Zeitpunkt, zu dem auch die Bürger in den USA mit einer erhöhten Inflation kämpfen. Patel kommentiert: „Das war ein unglaublich dummer Schritt, denn die Mitarbeiter verlieren an Moral und kündigen innerlich – also das, was man als ‚Quiet Quitting‘ beschreibt.“ Bonuskürzungen seien eine Sache, aber Kürzungen des Grundgehalts würden schmerzen, besonders in einem inflationären Umfeld. „Leider muss Intel aufgrund der immensen Barmittel, die es verbrennt, die Kosten drastisch senken – aber sie tun es auf die schlimmstmögliche Weise.“ Tatsächlich hatte Intel-CEO Pat Gelsinger bereits im letzten Jahr angekündigt, dass sein Unternehmen 2022 deutlich weniger Umsatz machen werde – trotz des weltweiten Halbleiter-Booms.
Die Führung von Intel habe beschlossen, dass die Dividende wichtiger sei als die Mitarbeiterbindung. „Für die langfristige Aussicht des Unternehmens ist dies eine schlechte Nachricht“, ist Patel überzeugt. Andere Unternehmen würden trotz der makroökonomisch schwierigen Bedingungen weiterhin Mitarbeiter einstellen, wenn auch langsamer als zuvor. Tatsächlich könnten Konzerne wie TSMC oder Samsung, die gerade in den USA neue Halbleiterwerke hochziehen, von Intels Vorgehen profitieren – nämlich dann, wenn die „Quiet Quitter“ sich überlegen sollten, tatsächlich zu kündigen – etwa, weil die Konditionen in anderen Unternehmen besser sind. Dieser „Brain Drain“, also der Verlust von hochkarätigen Experten und damit Wissen aus dem Unternehmen, könnte Intel später teuer zu stehen kommen.
Patel sieht dies als wahrscheinlich an: „Leistungsstarke Mitarbeiter werden wahrscheinlich aufhören zu arbeiten, während sie sich nach ihrem nächsten Job umsehen, da es keinen Anreiz gibt, weiterhin nachts und früh morgens zu arbeiten.“ Der Grenzwert für Stufe 7 sei zu niedrig angesetzt. Darunter würden einige Hochschulabsolventen und viele normale Absolventen mit ein paar Jahren Erfahrung fallen. Also Arbeitnehmer, die möglicherweise noch keine gefestigte Bindung zum Unternehmen haben.
Intel will mehr EU-Subventionen für Magdeburg-Fab
Im Oktober letzten Jahres hatte Intel damit begonnen, seine Lieferketten auf Potenziale zur Kostensenkung hin zu überprüfen. Laut Patel hat der Konzern seitdem ein Forschungs- und Entwicklungszentrum in Israel geschlossen, Tausende von Mitarbeitern entlassen, sein RISC-V-Pathfinder-Programm eingestellt, die Entwicklung von Netzwerk-Switches beendet, die Bestellungen von Anlagen für die Fabrik in Ohio gebremst und die Investitionsausgaben um Milliardenbeträge gekürzt.
Stand: 08.12.2025
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Von den Maßnahmen bleibt auch das geplante Mega-Chipzentrum im deutschen Magdeburg nicht verschont: Der Baubeginn seines Prestigeobjekts in der EU verzögert sich, zudem will Intel mehr öffentliches Geld: Statt der ursprünglich vereinbarten rund 6,8 Milliarden Euro Förderung verlangt der Chiphersteller nun einen Aufschlag von zusätzlich über drei Milliarden Euro. Das findet nicht nur Finanzminister Christian Lindner gar nicht lustig. In einem Interview mit dem „Handelsblatt“ sagte er deutlich: „Wir sind nicht erpressbar!“ Bereits die Vorgängerregierung habe Intel 6,8 Milliarden Euro Förderung in Aussicht gestellt.
Intel führt nun an, dass sich die Rahmenbedingungen geändert hätten – das schaue sich die Bundesregierung laut Lindner nun an. „Für mich stellt sich auch die Sinnfrage“, fügte Lindner hinzu. Er frage sich, ob die in Magdeburg hergestellten Chips wirklich von der deutschen Industrie benötigt würden oder an den Weltmarkt gingen. „Ein US-Unternehmen, das acht Milliarden Dollar Nettogewinn gemacht hat, ist kein natürlicher Empfänger von Steuergeld. Da sind Fragen erlaubt.“
Was Lindner offenbar nicht verstanden hat: Die in Deutschland produzierten Intel-Chips würden sowohl an die deutsche Industrie als auch an den Weltmarkt gehen. Also „und“, nicht „oder“. Schließlich ist es erklärtes Ziel der EU-Kommission, mithilfe des EU Chips Act den europäischen Anteil der Halbleiterproduktion am Weltmarkt von derzeit unter 10 auf möglichst 20 Prozent zu treiben. Ohne Branchengrößen wie Intel (und auch TSMC, das ebenfalls über eine Fabrik in Dresden nachdenkt), ist dieses Ziel noch utopischer als ohnehin schon.
Enttäuschung über Vorgehen von Intel-CEO Pat Gelsinger
Patel geht hart mit Intel und dessen CEO Pat Gelsinger ins Gericht – weil er von eben diesem enttäuscht ist: „Wir haben uns in Pat Gelsinger und seiner Mission für Intel getäuscht.“ In der Vergangenheit sei er überzeugt gewesen, dass Gelsinger Intels Strategie ändern würde, indem er stark in das Kerngeschäft investiere. Intel werde alles auf eine Karte setzen und jeden verdienten Cent ausgeben, um in die Produktion, das Design und allgemein in die Technologie zu investieren. Schließlich gelte es, den Vorsprung der Konkurrenz, namentlich TSMC und Samsung, aufzuholen. „Wir haben sogar geglaubt, dass Pat Gelsinger die Kultur von Intel verändert und alles dafür tut, Intel wieder zu seinem früheren Ansehen zu verhelfen.“
Nun aber zeige sich, dass auch Gelsinger dem früheren Intel-CEO Robert Swan sehr ähnlich sei, der eine Karriere als Chief Financial Officer bei mehreren börsennotierten Unternehmen hatte. „Es ist eine Schande, dass Intel beschlossen hat, Mittel für den Aufbau von Fabriken zu kürzen, während das Unternehmen die US-Regierung um Subventionen durch den CHIPS Act anfleht und sich verpflichtet, seine Dividende zu erhöhen“, schreibt Patel. Und weiter: „Diese Haltung der amerikanischen Führungskräfte ist genau der Grund, warum die USA in der Halbleiterindustrie verlieren werden.“ Maßnahmen wie der US CHIPS and Science Act seien nur Pflaster auf das Problem und würden nichts an den strukturellen Problemen in den USA ändern, glaubt Pater. (me)