Meilensteine der Elektronik

Vom „Wanderprediger“, der ein berühmtes Kochbuch schrieb

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Als TTL-Wanderprediger missionierte er Europa

Ich bekam die Aufgabe (die mir in der Firma den Spitznamen „Wanderprediger“ eintrug), durch technische Seminare im deutschsprachigen Europa einem größeren Kundenkreis die Vorteile der neuen Produkte vorzustellen und Anwendungsbeispiele zu geben und zu erklären.

Eines dieser nicht ganz ernst gemeinten aber technisch anspruchsvollen Beispiele (der elektronische Taschenrechner wurde gerade erst eingeführt) war die sogenannte Meeting-Uhr.

Das mit TTL-Schaltungen realisierte Gerät zeigte nicht die verflossene Zeit an. Vielmehr gab jeder Meeting-Teilnehmer über eine Tastatur verdeckt sein Monatsgehalt ein, und das Display zeigte dann die aktuellen bis zu diesem Zeitpunkt (unter Berücksichtigung von Weihnachts- und Urlaubsgeld) angefallenen Kosten der Besprechung an.

Ende 1972 beruhigte sich der Markt wieder. Ein TTL-Kochbuch wurde dringender denn je benötigt. Da inzwischen wertvolle Zeit verstrichen war, war die Aufgabe für eine Person in kurzer Zeit nicht mehr lösbar. Es wurde ein Team aus Mitarbeitern von TI und externen Ingenieuren gebildet, die die einzelnen
Kapitel oder Teile davon verfassten.

Meine Aufgabe bestand darin, die jeweiligen Beiträge auf ihre Richtigkeit zu überprüfen, stilistisch anzupassen, wo wenn nötig Ergänzungen einzufügen, den Zeichnungen einheitliches Gesicht zu geben. Von Computern mit Programmen zur Textverarbeitung und Zeichenprogrammen wagten wir zu der Zeit noch nicht einmal zu träumen.

Damals das Fachbuch mit der höchsten Auflage

Die meisten Texte wurden handschriftlich eingereicht und von der Sekretärin in ein sauberes Format gebracht, das dann dem Drucker übergeben wurde. Mit Unterstützung eines Redakteurs einer Fachzeitschrift, der den Text noch einmal redaktionell überarbeitete und für ein ansprechendes Layout sorgte, entstand dann die endgültige Fassung, die im Jahr 1973 in Druck ging. Es wurde – wie man mir später erzählte – das Fachbuch mit der höchsten Auflage (ca. 60.000 Stück)

Die vielen TTL-Schaltungen seien in der DDR nicht notwendig

Eine interessante Nebenbemerkung: Auf der Leipziger Frühjahrsmesse versuchten wir einen Verlag in der DDR zum Nachdruck des Buches zu bewegen. Von den Funktionären – unseren Ansprechpartnern – wurde das Ansinnen aber abschlägig beschieden: die vielen integrierten TTL-Schaltungen, die in dem Buch behandelt wurden, seien nach Ansicht der zuständigen Funktionäre in der DDR nicht notwendig, und daher ein Nachdruck nicht erwünscht.

Ganz anders verhielten sich die Genossen in Ungarn. Die dafür zuständige Behörde erwarb offiziell von TI die Lizenz zum Nachdruck in Ungarischer Sprache. Im Jahr 1976 erschien die Übersetzung des TTL-Kochbuchs unter dem Titel „Texas TTL Receptek“ in Ungarn.

Anmerkung der Redaktion: Das TTL-Kochbuch wird immer noch gehandelt und ist im Internet für 10 bis 20 Euro bestellbar. Machen Sie sich einfach den Spaß und geben Sie TTL-Kochbuch bei Google ein.

* Eilhard Haseloff arbeitete ab 1970 für TI und erinnert sich genau, wie es zum heute legendären TTL-Kochbuch kam.

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