Ein Glücksfall für die Wissenschaft Michael Faraday: Der Weg vom Buchbinder zum Pionier der Elektrotechnik

Von Antonio Funes 7 min Lesedauer

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Michael Faraday zählt zu den wichtigsten Wissenschaftlern des 19. Jahrhunderts, doch sein Weg begann fernab der Akademie, und zwar als Lehrling bei einem Buchbinder. Im ersten Teil unseres Faraday-Artikels zeichnen wir seinen Aufstieg bis zum Eintritt in die wissenschaftliche Welt nach.

Faraday begann seine berufliche Karriere mit einer Lehre zum Buchbinder. Das öffnete dem jungen Mann Tür und Tor in die Wissenschaft.(Bild:  Dall-E / KI-generiert)
Faraday begann seine berufliche Karriere mit einer Lehre zum Buchbinder. Das öffnete dem jungen Mann Tür und Tor in die Wissenschaft.
(Bild: Dall-E / KI-generiert)

Das Verständnis der Auswirkungen und Effekte der Elektrizität und Magnetismus ist das Fundament für die moderne Elektrotechnik. Gegen Ende des 16. Jahrhunderts prägte der britische Forscher William Gilbert im Rahmen seiner Untersuchungen zum Magnetismus den Begriff electrica, also elektrisch. Heute befassen wir uns aber mit einem anderen der vielen Pioniere der Elektrizitätslehre und infolgedessen Grundlagengeber der Elektrotechnik: Michael Faraday.

Den Namen Faraday kennen sicherlich die meisten von dem Phänomen, bei dem ein Käfig aus Metall eine Abschirmung von äußeren elektrischen Einflüssen gewährt. Wegen der unzähligen Details, die über das Leben und die Werke von Michael Faraday bekannt sind, werden wir Ihnen in zwei Texten davon berichten. Im heutigen ersten Teil geht es um das Leben von Michael Faraday bis kurz vor dem Zeitpunkt, ab dem er sich erstmals intensiver mit den Themen Strom und Elektrizität beschäftigte. Wir starten nun zuerst mit dem Lebensbeginn des späteren Wissenschaftlers.

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Familiäre Hintergründe von Michael Faraday

Geboren wurde Michael Faraday am 22. September 1791 in Newington, das damals noch zur Grafschaft Surrey südlich von London gehörte, inzwischen aber ein Stadtteil von London ist. Dass Michael Faraday zu einem der wichtigsten, wenn nicht sogar zum allerwichtigsten Naturforscher und Wissenschaftler des 19. Jahrhunderts werden würde, konnte auf Basis seines Elternhauses damals sicher niemand ahnen. Denn Faraday kam aus einer Familie, die weder akademisch geprägt war noch auch nur ansatzweise zur höheren Gesellschaftsschicht gehörte.

Vielmehr arbeitete sein Vater James als Schmied, seine Mutter Margaret war eine Bauerntochter. Anfang des Jahres 1791, noch vor Michaels Geburt, lebte die Familie noch in der von Bergen, Seen und Landwirtschaft geprägten Grafschaft Westmorland ganz im Nordwesten von England. James und Margaret Faraday hatten mit den 1787 und 1788 geborenen Kindern Elizabeth und Robert bereits zwei Kinder und suchten als Familie ihr Glück in der Nähe von London. Denn wegen der Französischen Revolution war der Handel primär in den provinziellen Gegenden eingebrochen und die wirtschaftliche Zukunft zu unsicher, um mit zwei Kindern in der eher dünn besiedelten Grafschaft zu bleiben.

Kindheit und Ausbildung zum Buchbinder

Die Familie Faraday lebte nach dem Umzug nach London und der Geburt von Michael zuerst im Stadtteil Mayfair, direkt westlich von Soho. James Faraday arbeitete bei einem Eisenwarenhändler in London West End, sodass 1796 ein Umzug in eine größere Wohnung möglich wurde, in der im Jahr 1804 die kleine Schwester von Michael Faraday geboren wurde.

In diesem Jahr fand der inzwischen zwölfjährige Michael, der mittlerweile auf einer Tagesschule Lesen, Schreiben und Rechnen gelernt hatte, in der Nähe seines Elternhauses eine erste bezahlte Arbeit als Zeitungsausträger bei einem Buchhändler namens George Riebau. Dieser gab Michael Faraday im Oktober 1805 einen Ausbildungsvertrag zum Buchbinder, woraufhin Michael bei seinem Lehrmeister einzog, wie es damals üblich war. Durch seine Lehre kam er auch in Kontakt mit Werken, die bei ihm mehr und mehr das Interesse für die Wissenschaft weckten. Dank eines Buches, welches dazu riet, sich beim Lesen zu interessanten Themen Notizen zu machen, erstellte Michael Faraday eine kleine Sammlung aus Notizen und Gedankengängen rund um Kunst und Wissenschaft.

Riebau, dem Michaels Hang zur Wissenschaft nicht verborgen blieb, schlug ihm vor, zu dem vom Goldschmied John Tatum veranstalteten wissenschaftlichen Treffen für Lehrlinge und Handwerker zu gehen. Die Gebühr zur Teilnahme an mehreren Treffen bekam Michael von seinem großen Bruder Robert geschenkt.

Faraday profitiert vom Pech anderer

Im Jahr 1812, am Ende der siebenjährigen Lehre zum Buchbinder, hatte Michael Faraday andere Tätigkeiten im Sinn als das Buchbinden. Allerdings wurden seine ersten Bemühungen, beruflich in wissenschaftliche Sphären vorzudringen, von wichtigen Entscheidungsträgern zunächst nicht beachtet. Dass Faraday dann doch in die Kreise der Wissenschaft einkehren durfte, verdankt er gleich zwei Ereignissen, die für die jeweils anderen Beteiligten eher als Unglücksfall einzustufen waren.

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Das erste Ereignis war eine schwere Augenverletzung des angesehenen Naturforschers Humphry Davy (1778–1829), der unter anderem die Elemente Chlor, Kalium und Natrium entdeckt hatte. Anfang 1812 durfte Michael Faraday einigen Vorlesungen von Davy beiwohnen, da dieser ein Bekannter von Michaels Lehrmeister Riebau war. Aus den dabei erstellten Notizen band Michael Faraday ein Buch und schickte es an die Londoner Laboradresse von Davy, der allerdings mittlerweile in der Grafschaft Kent Experimente durchführte. Davy verletzte sich aber schwer am Auge und kehrte im Oktober 1812, genau zum Ende der Lehrlingszeit von Faraday, nach London zurück. Dort wurde er auf Faradays Buch aufmerksam und kontaktierte ihn, da er, durch die Verletzung eingeschränkt, Hilfe beim Ordnen von Notizen benötigte.

Nur wenige Wochen danach gab es den zweiten Unglücksfall, der für Faraday ein Glücksfall war: Der Assistent von Davy wurde wegen Handgreiflichkeiten aus der Royal Institution, an der Davy arbeitete, entlassen. Wegen des positiven Eindrucks, den Faraday bei den Hilfstätigkeiten für Davy hinterlassen hatte, war er der erste Kandidat für die vakante Assistentenstelle – und bekam sie dann auch. Michael Faraday begann am 1. März 1813 im Alter von inzwischen 21 Jahren seine Arbeit als Assistent. Seine Aufgaben waren vorwiegend Hilfstätigkeiten beim Vorbereiten und Durchführen von Vorlesungen sowie das Reinigen von Räumen und wissenschaftlichem Experimentier-Material. Michael Faraday durfte aber auch das Labor benutzen, um eigene Forschungen und Experimente durchzuführen.

Wissenschaftliche Reise mit Davy

Viel Zeit für eigene Experimente hatte Michael Faraday allerdings nicht, denn schon im Oktober 1813 trat er auf Geheiß von Humphry Davy eine längere Reise an. Dieser hatte von Napoleon Bonaparte eine Auszeichnung für Leistungen in der Elektrochemie sowie die Erlaubnis erhalten, trotz des laufenden Kriegsgeschehens Europa zu bereisen. Zusammen mit seiner Frau sowie Faraday als eine Art persönlicher Reiseassistent und zwei weiteren Begleitern stand nun eine Forschungsreise an, die zwei bis drei Jahre dauern und bis nach Konstantinopel, dem heutigen Istanbul, führen sollte.

Für diese Reise gab Davy seinen Professorenposten im Royal Institute ab, und auch Faraday war nicht mehr offiziell dort angestellt. An der ersten Station der Reise entdeckte Davy in Paris durch Experimente, bei denen Faraday ihm half, das chemische Element Iod. Gegen Ende des Jahres reiste die Gesellschaft weiter über Südfrankreich nach Italien und blieb ab Mitte März 1814 für eine Weile in Florenz, wo Davy mehrfach den Nachweis gelang, dass Diamanten aus Kohlenstoff bestehen. Weitere Stationen waren unter anderem Rom und Neapel. Im Sommer 1814 ging die Reise zurück nach Norden und unter anderem über Mailand in die Schweiz an den Genfersee.

Im Herbst lagen unter anderem Lausanne, Zürich und Schaffhausen auf dem Weg nach München, wo sie kurz blieben und dann über Venedig in Florenz einkehrten, um danach wieder nach Rom zu reisen. Dort blieben sie von Anfang November 1814 bis zum März 1815. Die Pläne, nach Konstantinopel zu reisen, wurden aber verworfen. Über Tirol und Deutschland kehrten sie am 23. April 1815 wieder nach London zurück. Während der Reise hatte Michael Faraday, der zuvor nur London und dessen unmittelbare Umgebung kannte, zahlreiche Eindrücke der vielen kulturellen Angebote der einzelnen Nationen und Städte aufgesogen. Hinzu kamen viele Kontakte mit den örtlichen Wissenschaftlern und zahlreiche Experimente, bei denen er mit dabei war. Die Grundlagen für eine eigene Wissenschafts-Karriere waren nun endgültig gelegt.

Aufstieg zum Chemie-Experten

Nach seiner Rückkehr wurde Faraday erneut als wissenschaftlicher Assistent in der Londoner Royal Institution angestellt, und zwar beim Chemiker William Thomas Brande, dem Nachfolger von Davy auf dem Professorenposten. In den Folgejahren führte Faraday mehr und mehr Experimente in Eigenverantwortung durch, oftmals mit Unterstützung oder im Auftrag von Humphry Davy. Aus einer solchen Zusammenarbeit entstand unter anderem eine Sicherheits-Grubenlampe mit Flammsieb, die die Bergarbeiter auch vor einem zu hohen Methangehalt in der Luft warnen konnte. Faraday bildete sich zudem rhetorisch fort, um sich besser an Diskussionen zu beteiligen oder auch eigene Vorträge zu halten.

Zum Quarterly Journal of Science trug er bis Ende 1819 mehr als drei Dutzend eigene Veröffentlichungen bei, außerdem beteiligte er sich an immer mehr Experimenten, unter anderem zur Verbesserung von Stahllegierungen, mit denen er fünf Jahre lang beschäftigt war. Ende 1820 war Michael Faraday bereits ein hoch angesehener chemischer Analytiker, sodass einige seiner Veröffentlichungen in der Royal Society vorgelesen wurden. 1821 heiratete der nun 29-Jährige die im Jahr 1800 geborene Sarah Bernard, deren älterer Bruder Eduard ein enger Freund von Michael Faraday war. Kinder gingen aus der Ehe nicht hervor.

Ein anderer Freund, das Royal Society-Mitglied Richard Phillip, beantragte im Mai 1823 erstmals die Aufnahme von Faraday in die Wissenschaftsgesellschaft. Anfang 1824 wurde er dann schließlich als neues Mitglied in der Royal Society begrüßt. Ein Jahr später wurde Faraday der Labordirektor im Royal Institute und begann mit eigenen Vorträgen und Vorlesungen. Er führte zudem ab 1825 Vorlesungen zu wissenschaftlichen Themen ein, die sich an Laien richteten, sodass Wissenschaft auch für normale Bürger verständlicher und interessanter wurde. Bis zum Jahr 1862 hielt allein Faraday mehr als 130 solcher Vorlesungen ab, unter denen auch weihnachtliche Sondervorlesungen speziell für Jugendliche waren. Ein Buch zu einer dieser Weihnachtsvorlesungen wurde zu einem Bestseller und wurde auch in weiteren Sprachen gedruckt. (sb)

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