Silicon Austria Labs sieht sich primär als Forschungszentrum für elektronikbasierte Systeme, das mit seinem Angebot eine wichtige Brücke zwischen Wissenschaft und Industrie schlägt. Im Gespräch erläutert die Geschäftsführerin Dr. Christina Hirschl die Stellung des SAL für die Elektronikindustrie und den Standort Kärnten als das Silicon Valley Österreichs.
Dr. Christina Hirschl ist seit 2023 die Geschäftsführerin der Silicon Austria Labs.
(Bild: SAL / Helge Bauer)
Im Süden Österreichs tut sich Kärnten aufgrund der starken Positionierung im Bereich Mikroelektronik mittlerweile als Silicon Valley Österreichs hervor. Bestätigt wird das unter anderem durch die Ansiedelung einiger Großkonzerne wie Infineon Austria oder Intel, aber auch durch das bestehende und krisenfeste Netzwerk heimischer Unternehmen.
Um ein wichtiges Bindeglied zwischen Forschung und Industrie zu bilden, wurde das außeruniversitäre Forschungszentrum Carinthian Tech Research (CTR) im Jahr 2019 in Silicon Austria Labs (SAL) integriert, um ein österreichweites Kompetenzzentrum für Mikroelektronik und Mikroelektronik-basierte Systeme zu gründen. Mittlerweile befindet sich in Villach zudem der größte österreichische Forschungsreinraum mit 1.500 Quadratmetern, in dem Forscher und Ingenieure mit Materialien und Prozessen forschen können.
Das Zentrum führt fortschrittliche Forschung in den Bereichen Mikroelektronik, Sensortechnologie, Leistungselektronik und eingebettete Systeme durch und arbeitet eng mit internationalen und nationalen Unternehmen zusammen, um Forschungsergebnisse in marktreife Produkte zu überführen. Zudem unterstützt SAL kleine und mittlere Unternehmen sowie Start-ups, indem es ihnen Zugang zu modernster Forschungseinrichtungen bietet und sie bei der ersten Serienproduktion unterstützt.
Kompetenzzentrum für Mikroelektronik
Im Interview gewährt die Geschäftsführerin Dr. Christina Hirschl Einblicke in die Entwicklungen bei Silicon Austria Labs und schaut unter anderem zurück auf das für SAL sehr erfolgreiche Jahr 2023, in dem rund 200 Projekte im Wert von etwa 50 Millionen Euro betreut wurden. Dr. Hirschl sieht SAL dabei als höchst flexiblen „One-Stop-Shop“ für die Industrie, der maßgeschneiderte Konsortien für spezifische Projekte zusammenstellt und die Innovationskraft der Region stärkt. Erfahren Sie nachfolgend mehr über die spannenden Entwicklungen und Kooperationen bei SAL.
Amt der Kärntner Landesregierung: Frau Dr. Hirschl, seit rund einem Jahr sind Sie Geschäftsführerin der Silicon Austria Labs. Können Sie sich und die Erfolgsgeschichte des Unternehmens bitte kurz unseren Lesern vorstellen?
Dr. Christina Hirschl: Sehr gerne! SAL ist eine außeruniversitäre Forschungsorganisation, die 2018 mit der Vision gegründet worden ist, die heimische Industrie im Bereich Elektronik und softwarebasierte Systeme zu unterstützen. Unser Fokus liegt dabei einerseits darauf, genau das zu tun und zu erforschen, was die österreichische Industrie gerade benötigt. Andererseits möchten wir in ein europäisches Format kommen, das heißt, langfristig zu den führenden Forschungszentren Europas gehören.
Ob Automotive, Papierfertigung oder Chipdesign, aber auch Gesundheit und Landwirtschaft, grundsätzlich sind wir Branchen-offen. Wichtig ist für uns nur, dass wir die jeweilige Technologie beherrschen und diese für das österreichische Ökosystem relevant ist. In Zahlen ausgedrückt: Allein im letzten Jahr, 2023, haben wir rund 200 Projekte mit einem Projektvolumen von circa 50 Mio. Euro betreut. Entwickelt hat sich SAL aus der Carinthia Tech Research AG, die 20 Jahre lang als Forschungszentrum mit 45 Angestellten in Kärnten tätig gewesen ist.
Seit unserer Gründung sind wir auf ein Team von 330 Mitarbeitenden aus 40 Nationen angewachsen – und wir glauben: Je diverser unsere Projektteams sind, umso gewissenhafter arbeiten wir und umso bessere Resultate können wir erzielen. Denn divers sind wir nicht nur in Bezug auf unsere Geschlechter, Nationen und Kulturen, sondern auch bezüglich unserer wissenschaftlichen Disziplinen. Ob Mathematik, Computerwissenschaft, Elektronik, Chemie oder Physik, je nachdem, was ein Projekt erfordert, bestehen unsere Teams aus Vertretern der unterschiedlichsten Fachrichtungen. SAL forscht grundsätzlich an drei Standorten. Unser Hauptsitz liegt in Graz, unsere beiden weiteren Niederlassungen befinden sich in Linz und Villach.
Als Innovationsstandort ist Kärnten vordergründig für eine starke Verbindung zwischen Wissenschaft und Wirtschaft bekannt. Welche Rolle spielt hier SAL?
Generell sieht sich SAL in einer Art Brückenfunktion – zwischen der Grundlagenforschung an den Universitäten und SAL einerseits, zwischen SAL und der Industrie andererseits. Dabei steigt die Industrieforschung für gewöhnlich in dem Moment mit ein, in dem ersichtlich wird, dass sich aus einer ersten Idee auf dem Papier zeitnah ein konkretes Produkt entwickelt. Der sog. „technology readiness level“ ist hier ein guter Orientierungspunkt, gewissermaßen der Reifegrad einer Technologie auf ihrem Weg in die Regale. Uns geht es hauptsächlich darum, die Schwierigkeiten, auf die die Industrie in dieser Kette üblicherweise stößt, zu überbrücken und weitestgehend aufzuheben.
Stand: 08.12.2025
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Welche Themen treiben etwa die Universitäten um? Was passiert in Fachkonferenzen? Und was gibt es Neues in der sog. „blue sky“-Forschung? SAL ist hier bestens informiert – und identifiziert diejenigen Themen, die in Zukunft auch für die Industrie von Interesse sein könnten. Ein weiteres Schlagwort, das ich in diesem Kontext grundsätzlich wichtig finde, ist das der Kooperation. In der Produktentwicklung stellt sich ab einem bestimmten Punkt häufig die Frage, mit wem man wie zusammenarbeiten sollte, um Produkt X so effizient wie möglich auf den Markt zu bringen. Eine gute Beziehung zu Materialherstellern, Equipment-Partnern, Endkunden und mehr ist hierbei wesentlich. Wenn etwa der Materialhersteller frühzeitig Bescheid weiß, was die Vision eines Endproduktes ist, kann er eingreifen und nachjustieren, um es günstiger, ökonomischer oder auch ökologischer zu machen.
Vor allem Letzteres, die Frage nach der Ökologie, hat in den letzten Jahren an Bedeutung gewonnen. Wenn sich die Parteien obendrein noch die Entwicklungskosten für ihre Innovationen teilen, kommen sie sich beim sog. „intellectual property“ auch nicht in die Quere, weil ja von Haus aus jeder seinen Teil für sich beansprucht. Wenn man so möchte, also eine Win-win-Situation für alle Beteiligten.
Was macht Kärnten aus Ihrer Sicht besonders für die IKT und Mikroelektronik interessant?
Ich glaube, es ist das gute Netzwerk, das Kärnten insbesondere ausmacht. Wenn man als Region einmal eine bestimmte Stärke für sich identifiziert und sie herausgearbeitet hat, siedeln sich weitere, gleich gesinnte Unternehmen fast schon automatisch an. Die Verbindung zwischen Kärnten und Steiermark im Bereich IKT und Mikroelektronik ist in den letzten Jahren ausgesprochen stark geworden. Unternehmen wie Infineon, AMS, AT&S, NXP und TDK tun ihr Übriges – und tragen als starke Firmenpartner dazu bei, Kärnten als Region attraktiv zu machen.
Ich denke, rund um dieses Ökosystem entwickeln sich dann einfach gewisse Dinge. Gleichwohl kann man hier aber natürlich auch von einer Art Synergieeffekt mit dem sprechen, was wir in Kärnten grundsätzlich zu bieten haben. Denn wenn man global denkt, lässt Kärnten, was Work-Life-Balance, Lebensqualität, Sicherheit und Bildung angeht, wirklich keine Wünsche offen. Kurz gesagt: Mit IKT und Mikroelektronik ist in Kärnten ein Stärkefeld entstanden, das man weiter forcieren muss. Gepaart mit den Grundvoraussetzungen, mit den Vorzügen der Region an sich, herrschen sowohl in beruflicher als auch in privater Hinsicht ideale Bedingungen.
Also gewissermaßen das Silicon Valley von Österreich?
Definitiv! Ich finde es sensationell, dass sich Südösterreich in den letzten Jahren so gut positioniert und entwickelt hat; da ist uns mit der Mikroelektronik wirklich etwas Tolles gelungen. Mit einem Forschungsreinraum, der 1.500 Quadratmeter umfasst, liegen wir beispielsweise flächenmäßig unter den Top 5 oder 6 innerhalb von Europa. Nicht zuletzt der sog. Silicon Alps Cluster, der wiederum als Netzwerkpartner zwischen Kärnten und Steiermark agiert, sorgt dafür, dass wir als Region wirklich ausgesprochen gut aufgestellt sind. Von einem Silicon Valley kann man da schon sprechen.
Wie würden Sie die Mikroelektronik-Industrie in Kärnten im europäischen Vergleich einordnen, wo steht Kärnten da im Moment und wo möchte es hin?
Im Grunde glaube ich, dass sich Kärnten sehr gut positioniert hat. Erst in jüngster Vergangenheit durfte ich mich zum Beispiel darüber freuen, dass durch das neue Förderprogramm „Chips JU“ beträchtliche Mittel für den Bereich der Mikroelektronik-Forschung nach Österreich fließen werden – und davon ist auch Kärnten unmittelbar betroffen. Konkret heißt das: Wir haben viele Firmenpartner und Forschungszentren, die hochkompetitive Ausschreibungen von Horizon Europe gewinnen und sie nach Österreich bringen. Neben Infineon und AVL war tatsächlich auch SAL unter den Top 3. Das war für mich gewissermaßen das Tüpfelchen auf dem i.
Aber auch unabhängig davon tut sich in Kärnten gerade viel. Woran ich beispielsweise merke, dass wir wirklich Teil des großen Ganzen werden, ist die Tatsache, dass wir u.a. Anfragen von CEA-Leti, IMEC und den Fraunhofer-Instituten bekommen, den großen Playern in Europa, bei denen wir jetzt mitspielen dürfen. In der Praxis bedeutet das, dass wir für gewisse Nischenbereiche, in denen SAL ein Stärkefeld entwickelt hat, ins jeweilige Projekt dazugeholt werden. Generell bin ich der Meinung: Durch den starken europäischen Fokus, der durch den Chipsektor auf die Mikroelektronik gelegt worden ist, wird sich auch in den nächsten Jahren noch wahnsinnig viel tun. Das begreife ich als riesige Chance für Europa, aber auch für Kärnten im Besonderen.
Können Sie uns das SAL-Netzwerk noch etwas genauer beschreiben? Und gibt es lokale Player, die Sie besonders hervorheben möchten oder die besonders wichtig sind?
Grundsätzlich sind natürlich Tech-Giganten wie Infineon, TDK, AVL und AT&S, im internationalen Kontext Qualcomm und STMicroelectronics die wirklich großen Partner der SAL. Und das finde ich absolut essenziell. Dennoch ist es für uns auch wichtig, mit der lokalen Industrie zusammenzuarbeiten, so etwa Ortner Reinraumtechnik, Kelag und Hasslacher Norica Timber. Eine gute Balance aus Regionalität und Internationalität bzw. Globalität halte ich für wesentlich, um ein gesundes, florierendes Netzwerk zu etablieren, auszubauen und zu pflegen.
An welchen Projekt-Highlights im Bereich der Elektro- und Elektronik-Industrie forscht SAL gerade, können Sie uns da Beispiele nennen?
Bei knapp 200 Projekten, die wir im Jahr betreuen, kann ich natürlich nur eine Handvoll Paradebeispiele aufzählen, die mir besonders in Erinnerung geblieben sind. Da wären etwa die Philips-Haushaltsgeräte, an deren Entwicklung wir lange Zeit beteiligt gewesen sind, oder auch das Matrix-Licht der Audi-Scheinwerfer. Den Kärntner Innovationspreis hat das Projekt „SOLES“ gewonnen, eine junge Gruppe um einen unserer Forschungsleiter, die eine intelligente Einlage für Schuhe entworfen hat, interessant primär für Orthopädie und Sportmedizin.
Andere Projekte gehen stark in den Bereich der Mikroelektronik und Mikrokomponenten. Da kann man an Virtual Reality denken, aber auch an alles, was auf die Straße projiziert wird, unter anderem Pfeile und Warnhinweise, oder auch an adaptive Fahrzeugbeleuchtung. Das sind Dinge, die sich sehr gut machen und die einen großen Einfluss haben.
Brandaktuell ist auch das Thema E-Mobilität. Hier arbeiten wir beispielsweise daran, die Leistungsdichte von On-Board-Chargern zu steigern oder auch die Wechselrichtertechnologie zu optimieren, was überall dort von Bedeutung ist, wo man Energie hin und her umwandeln muss. Dass zudem das Thema Ökologie auch in der Mikroelektronik immer wichtiger wird, habe ich vorhin schon einmal kurz angedeutet. Und obwohl in dieser Hinsicht bereits einiges passiert ist, ist der Mikrochip bekanntlich nicht das Umweltfreundlichste. Hier sind wiederum Vorreiter wie Infineon gefragt, die sich dem Ziel verschrieben haben, wahrhaftig grün zu werden – und wo Fragen nach den verwendeten Technologien und Chemikalien, aber auch danach, wohin die Reise in Zukunft generell gehen soll, gewissermaßen an der Tagesordnung stehen.
Eine der zentralen Fragen unserer Welt muss heutzutage lauten: „Wie machen wir es künftig ökologischer?“ Und in der Tat ist es bei SAL bisweilen nicht die „wissenschaftlich beste“ Lösung, die am Ende des Tages gewinnt, sondern ein Konnex aus Ökonomie und Ökologie. Das finde ich unendlich wichtig.
Als Faustregel könnte man vielleicht formulieren: Um die besten Lösungen für unsere Industriepartner zu finden und zu entwickeln, sind drei Dimensionen nötig: Wissenschaft, Ökonomie und Ökologie. Letztere muss als drittes Standbein in jeder Entwicklung mitgedacht werden.
SAL betreibt kooperative, anwendungsorientierte Forschung entlang der Wertschöpfungskette, heißt es in der Eigenbeschreibung. Wie sieht das in der Praxis konkret aus?
Entlang der Wertschöpfungskette zu forschen, bedeutet für uns, dass wir vom Bereich der Mikroelektronikteile – also mit Blick auf die benötigten, kleinteilig(st)en Komponenten – bis zum gesamten intelligenten System in unserer Forschung alles abdecken. Dass Kooperation dabei unendlich wichtig ist, um in die Zukunft zu schauen, davon sind wir überzeugt. Unsere Systeme werden immer komplexer – und wenn wir nicht gemeinsam an Innovationen arbeiten, würde jedes Unternehmen und jeder Industriebereich viel zu lange brauchen, um mit einem neuen Produkt oder einer neuen Dienstleistung am Markt zu sein. Gemeinsam entlang der Wertschöpfungskette zu arbeiten, ist in unseren Augen daher der (einzig) richtige Weg, um in unserer sehr komplexen Welt zu bestehen und voranzukommen.
SAL ist nicht nur international aktiv, sondern versteht sich auch als Partner der kleineren und mittleren Unternehmen in der Region. Mit welcher Zielsetzung?
Tatsächlich gibt es eine Vielzahl an kleineren Partnern, die in unser Ökosystem eintauchen und das SAL-Netzwerk nutzen. Denn für uns ist nicht das Volumen ausschlaggebend, also wie viel Geld ein Partner in unser Forschungszentrum investiert, sondern vielmehr das, was am Ende des Tages herauskommt, welchen Impact ein Projekt auf Wirtschaftlichkeit oder Nachhaltigkeit, welchen Impact es auf die Gesellschaft hat. Viele der Projekte, an denen wir beteiligt sind, brauchen ihre Zeit. Sie im täglichen Leben zu spüren, dem Endprodukt im Verkaufsregal zu begegnen, das bereitet mir auch heute noch eine große Freude. Obendrein das eigene Zuhause zu unterstützen, die Region, in der man arbeitet und lebt, zum Blühen zu bringen, das gehört für mich zum Berufsethos genauso dazu wie internationaler Erfolg.
Seit Ende letzten Jahres gibt es am Forschungsstandort Villach den größten Forschungszeitraum Österreichs. Welche Chancen ergeben sich hieraus für ansässige (und möglicherweise neue, zuziehende) Unternehmen?
Was wir in Villach geschaffen haben, ist wirklich eine Sensation. Österreich hat sehr viel Geld in ein Thema investiert, das man sonst – eben wenn die entsprechende Technologie nicht vorhanden ist – nicht erforschen kann. Die Möglichkeiten, die der Reinraum bietet, sind vielfältig. Einerseits geht es natürlich um Forschung im klassischen Sinne, andererseits lassen sich aber auch bestimmte Kleinserien direkt in unserem Reinraum herstellen. Wenn ein Unternehmen wie Infineon eine Neuentwicklung macht, stellt sich immer die etwas unbequeme Frage, welche neuen Materialien man sofort in seinen Reinraum lässt. SAL hat die Möglichkeit, auch kleinere Anzahlen an Wafern herzustellen. Das heißt letztlich, dass man durch eine Reinraum-Facility, wie SAL sie hat, das sog. „valley of tears“ zwischen der Serie eins und zigtausenden Stückzahlen überbrücken kann. Zusätzlich sind wir offen – und das bedeutet, dass theoretisch jede Firma unseren Reinraum nutzen kann. Strenge Geheimhaltungsvereinbarungen und die Möglichkeit, dass unsere Geräte mit unterschiedlichen „Rezepten“ arbeiten, auf die dann nur der entsprechende Firmenpartner Zugriff hat, sind hier natürlich Grundvoraussetzung.
Gerade für den Mittelstand, SMEs und Start-ups hat SAL aber auch eigene Prozesse entwickelt, die sie diesen Firmen zur Verfügung stellt. Das bedeutet: Würde ein (kleinerer) Industriepartner sagen, er hat eine Idee, die die Welt noch nicht gesehen hat, dann könnte er in unserem Reinraum die entsprechenden Wafer fertigen – und zwar in einer Stückzahl, dass ein Start-up auch schon erste Serien verkaufen kann. Das ist die eigentliche Idee dahinter. Nicht zuletzt ist es im Bereich der Mikroelektronik und elektroniksoftwarebasierter Systeme so, dass SAL als eine Art „One-Stop-Shop“ fungieren will.
Das bedeutet: Wenn ein Industriepartner zu uns kommt, versuchen wir, stets das optimale Konsortium zu finden – und dafür arbeiten wir auch mit anderen wissenschaftlichen Institutionen zusammen. Wenn es beispielsweise an die Materialherstellung geht, wenden wir uns an das Material Center Leoben, in Bezug auf Kunststoff an das Polymer Competence Center Leoben. Ferner arbeiten wir eng mit den örtlichen Universitäten zusammen, etwa der Universität Klagenfurt oder der TU Graz, je nachdem, welche Expertise gerade benötigt wird.
Noch einmal zurück zu Ihnen: Sie sind promovierte Physikerin, Ihre Doktorarbeit befasst sich mit den „chaotischen Eigenschaften von Flüssigkeiten“. Wie viel Chaos verträgt die Wissenschaft? Und sind es nicht oft gerade die unvorhergesehenen Dinge, die uns zu immer neuen Höchstleistungen animieren?
Ja, das bringt es durchaus auf den Punkt. Im Zentrum meiner Dissertation steht die sog. Chaostheorie, also die Frage danach, wie eine kleine Änderung im System das ganze System verändern kann. Ich glaube, jeder kennt den metaphorischen Schmetterling in Australien, der mit einem einzigen Flügelschlag Europa ins Chaos stürzt. Das ist die Welt, die ich damals mit großem Spaß erforscht habe. Klar geworden ist mir aber mit der Zeit, dass mir in diesem Zusammenhang auch ein wesentlicher Aspekt der Wissenschaft gefehlt hat.
Heute finde ich Forschung dann besonders attraktiv, wenn sie einen Impact hat. Ist unsere Welt ein bisschen besser, cooler, sicherer, effizienter, ökologischer geworden? Solche Dinge treiben mich an. Außerdem finde ich es spannend, wenn unterschiedlichste Personen an einem gemeinsamen Projekt arbeiten. Hier entsteht in meinen Augen Innovation. Und dafür reicht es manchmal schon, wenn man bei einer Tasse Kaffee in der Küche zusammenkommt, miteinander spricht und sich ein paar Notizen auf dem Whiteboard in der Ecke macht. Soll heißen: Wenn die richtigen Personen einen Kaffee zusammen trinken, entstehen oftmals tolle Dinge.
Dass Kooperation, gleichzeitig aber auch Individualität und Besonderheit in unserer Zeit Schlüsselwörter sind, daran glaube ich fest. Impulse aus den verschiedensten Bereichen, aus Industrie und Wissenschaft, unterschiedlichen wissenschaftlichen Disziplinen, aber auch „von außen“, aus Marketing und Buchhaltung etc., diese Dinge machen die Forschung für mich spannend. Nicht zuletzt habe ich als Forscherin den Luxus, dass ich mich ständig mit neuen Themen beschäftigen darf. Andere wechseln für einen Tapetenwechsel das Unternehmen. Ich suche mir ein neues Projekt. So etwa interessiere ich mich momentan sehr für die Quantensensorik, die sich auf ihrem Weg hin zur Industrialisierung gewissermaßen noch in den Kinderschuhen befindet. Erste Industrieprojekte gibt es natürlich schon, ich habe etwa in der Vergangenheit zusammen mit Infineon und Philips-Haushaltsgeräten an der Vitamin-C-Erkennung im Philips-Entsafter gearbeitet. Der Zukunft stehen hier jedenfalls Türen und Tore offen.
Zum Abschluss vielleicht noch kurz: Egal in welchem Beruf man arbeitet, Höhen und Tiefen gibt es immer. Von daher freue ich mich umso mehr, dass ich sagen kann: Mein Job ist auch mein Hobby. Dass mehr Menschen einen Weg finden, um Beruf und Leidenschaft zu kombinieren, das wünsche ich mir sehr. Denn um glücklich, zufrieden und erfolgreich zu sein, sind in meinen Augen Herzblut, Liebe zu dem, was wir tun, und eine positive Lebenseinstellung eine Grundzutat. Das positive Mindset, viel Lachen und Lebensfreude ist das, was ich an Kärnten ganz besonders schätze – als Wohnort und als Arbeitsplatz.