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Wo die Zeitsprünge Probleme bereiten könnten
Mittlerweile werden die Atomuhren ganz in Ruhe gelassen. Da, wo die Zeitinformation ausgesendet oder verbreitet wird, gebe es Einrichtungen, die die Schaltsekunde im richtigen Moment einfügen. «Jemand fährt zum Beispiel vorab zum Zeitzeichensender DCF77 in Mainflingen, in der Nacht selbst ist kein Handgriff mehr nötig.» Von dem Langwellensender erhalten die meisten funkgesteuerten Uhren im westlichen Europa ihre Zeitangabe.
Die Uhren werden den Sprung bewältigen, so manche Software allerdings kommt mit einer zweiten 60. Sekunde nicht gut klar. Bei der Schaltsekunde 2012 wurden mehrere Websites lahmgelegt, das Buchungssystem der australischen Fluggesellschaft Qantas fiel zeitweise aus. «Es ist erstaunlich, was eine kleine Sekunde so anrichten kann», sagt Bauch.
Warum meistern die Systeme den steten Wechsel zwischen Sommer- und Winterzeit, scheitern aber an einer winzigen Sekunde? «Im Linux-System wird die innere Uhr nicht umgestellt zum Sommer und Winter», erklärt Dick. «Die technische Zeit bleibt UTC, es wird nur eine andere Anzeige daraufgesetzt.» Die Schaltsekunde hingegen müsse von Hand hinzugefügt werden. «Die Nicht-Vorhersagbarkeit ist das Problem», betont Bauch.
Je mehr Prozesse abhängig von integrierten Zeitangaben laufen, desto höher wird die Wahrscheinlichkeit, dass doch einmal an einer entscheidenden Stelle die Anpassung vergessen wird oder nicht korrekt passiert. Problematische Kettenreaktionen seien zum Beispiel im Stromnetz denkbar, sagt Bauch. Bei der Berechnung des Stromflusses werde mit Mikrosekunden Zeitauflösung gearbeitet, ebenso bei der Bestimmung der Netzwerkbelastung. Werde ein Wert wegen der Schaltsekunde falsch berechnet und als Problem angezeigt, könne die Abschaltung der Leitung folgen. «Das sind automatisierte Entscheidungen, mit denen das Hochspannungsnetz geschützt werden soll.»
Auch bei der Flugsicherung oder im Geldhandel werde mit Millisekunden Zeitauflösung gearbeitet, ebenso bei der Navigation über Satelliten. «Bei den gewaltigen Bahngeschwindigkeiten würden Sie bei einer Sekunde Unterschied schon komplett woanders verortet.» Im Navigationssystem GPS werden die Schaltsekunden nicht berücksichtigt. Auch beim europäischen Galileo-System werde das so sein, sagt Dick. Die russischen Glonass-Satelliten hingegen arbeiteten mit UTC.
Sicherheitsrelevante Systeme können betroffen sein, ergänzt Fiete Wulff, Pressesprecher der Bundesnetzagentur. «Es ist zu prüfen, welche Systeme da sensibel reagieren.» Für Privatfirmen sind die Schaltsekunden vor allem mit Mehrkosten für die Umstellung von Hand verbunden. Daher verwundert es kaum, dass es inzwischen viel Widerstand gibt gegen das 1972 eingeführte Zeit-System. Erstmals im Jahr 2001 wurde von den USA die Abschaffung der Schaltsekunden als Arbeitsthema vorgeschlagen. «Es ist nicht normal, dass eine so konkrete Frage 14 Jahre auf der Agenda steht, aber die Parteien waren und sind verbissen», sagt Bauch.
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