USA und Japan wollen mit der indopazifischen Tech-Allianz IPEF ihre Lieferketten neu austarieren – und die chinesische Dominanz in den Supply Chains brechen. Während Politiker die Pläne unterstützen, sind Unternehmen mit Präsenzen in China vorsichtiger. Denn das Vorhaben birgt einiges an Sprengkraft.
Ausgeglichen: Am besten funktioniert eine Kette, wenn alle Glieder gleich groß sind. In vielen aktuellen Lieferketten nimmt das autokratisch regierte China einen dominanten Platz ein – was derzeit zu erheblichen Problemen im Welthandel führt. Die Tech-Allianz IPEF will gegensteuern.
Wenn ein US-Präsident heutzutage Südkorea besucht, dann führt ihn sein erster Besuch nicht mehr zur „Demilitarisierten Zone“ an der Grenze zu Nordkorea, wo es grimmig dreinblickende Soldaten zu sehen gibt. Stattdessen besuchte US-Präsident Joe Biden neulich zuerst eine Chipfabrik von Samsung.
„Diese kleinen Chips sind nur ein paar Nanometer dick, aber sie sind der Schlüssel, um uns in die nächste Ära der technologischen Entwicklung der Menschheit zu katapultieren,” sagte Biden am 20. Mai während seiner Visite.
Halbleiter sind das Öl der digitalisierten Welt
Halbleiter standen auch im Zentrum der Gespräche Bidens in Tokio, der nächsten Station seiner Asienreise. Dort gründete der US-Präsident am 24. Mai gemeinsam mit seinem japanischen Gastgeber und den per Video dazu geschalteten Staats- und Regierungschefs mehrerer anderer asiatischer Länder das „Indo-Pacific Economic Framework” (IPEF).
Das Ziel dieses neuen multilateralen Mechanismus ist es, „sichere“ Lieferketten für strategisch wichtige Güter aufzubauen. Gemeint waren damit, auch wenn es nicht explizit ausgesprochen wurde, Lieferketten für Chips unter Ausschluss der Volksrepublik China.
Neben den USA, Japan und Südkorea gehören Australien, Indien, Indonesien, Malaysia, Vietnam, die Philippinen, Singapur und Vietnam zu den Gründungsmitgliedern der IPEF.
Lieferketten ohne China-Dominanz: Das Riesenreich reagiert dünnhäutig
Der neugewählte südkoreanische Präsident Yoon Suk-Yeol, der Biden gerade noch durch das Samsung-Werk geführt hatte, war am Bildschirm gleich wieder mit dabei. Die parteinahe Pekinger Zeitung Global Times veranlasste das zu einer wütenden Warnung in Richtung Seoul: Südkorea dürfe es nicht zulassen, so das Parteiorgan, dass „der Chip-Sektor zur Geisel der amerikanischen Geopolitik” werde.
Obwohl viele Details noch nicht bekannt sind, geht es bei dem neuen Bündnis um eine verstärkte Zusammenarbeit zum Aufbau von Lieferketten, die nicht von China dominiert sind, sowie um gemeinsame Initiativen in den Feldern Robotik und KI, beim digitalen Handel, im Bereich erneuerbare Energien und Korruptionsbekämpfung. Und Chips sind dabei ein besonderer Fokus.
Eine neues Freihandelsabkommen stellt das IPEF-Bündnis allerdings nicht dar, denn die sind bei den Wählern in den USA derzeit nicht populär. Stattdessen will man über gemeinsame Industriestandards und ähnliche Absprachen versuchen, allmählich eine Tech-Allianz unter Ausschluss der Volksrepublik China aufzubauen.
China macht sich zunehmend unbeliebt – jetzt schlägt das Pendel zurück
Die anwesenden Regierungsvertreter sagten dem US-Präsidenten ihre Kooperation zu. Schließlich waren fast alle Gründungsmitglieder der Allianz in den vergangenen Jahren auf die eine oder andere Weise zur Zielscheibe der neuen außen- und wirtschaftspolitischen Aggressivität der kommunistischen Partei Chinas geworden.
Die Handelsbeziehungen zwischen China und Australien leiden, seit Peking wegen sicherheitspolitischer Querelen Strafzölle auf australischen Wein und andere Exportprodukte verhängt hat. Mit Indien gab es wieder einmal schlimme Prügeleien von Soldaten an einer umstrittenen Grenze im Himalaya.
Auch Vietnam und Südkorea, wie übrigens so gut wie alle Nachbarländer Chinas hatten sich im Verlauf der vergangenen Jahre auf die eine oder andere Weise den Zorn der zunehmend nationalistisch auftretenden chinesischen Führung unter Staats- und Parteichef Xi Jinping zugezogen. Alle waren daher nun schnell bereit, Bidens Vorschlag freundlich abzunicken.
Unternehmen sind vorsichtiger
Doch was für die Regierungsvertreter gilt, sieht in den Reihen privater Unternehmen in der Halbleiter-Branche ganz anders aus. Dort ist man sehr vorsichtig, die in China mühsam aufgebauten Lieferketten und Absatzmärkte aufs Spiel zu setzen.
Analysten in Asien äußerten sich daher schon am Tag der IPEF-Gründung skeptisch, was dessen Erfolgschancen betrifft. „Es ist nicht sehr wahrscheinlich, dass die Geschäftswelt in Asien ihre lukrativen Verbindungen zu China aufgibt, die durch jahrzehntelange Zusammenarbeit aufgebaut worden sind,” zitierte die Zeitung South China Morning Post in Hongkong einen Beobachter.
Stand: 08.12.2025
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„Es ist schwierig, eine völlig von China unabhängige Lieferkette aufzubauen, weil einige Teile immer noch von der Fertigung in China abhängig sind,” zitierte die Zeitung Chiu Shih-Fang, einen Technologie- und Lieferketten-Experten am „Taiwan Institute of Economic Research”. Taiwan wurde nicht offizielles Gründungsmitglied der IPEF.
China ist wichtiger Standort für viele Chiphersteller
Der südkoreanischen Chiphersteller Samsung betreibt gleich zwei große Wafer-Fabriken im westchinesischen Xian, SK Hynix eine Chipfabrik im ostchinesischen Wuxi. Auch für die „Taiwan Semiconductor Manufacturig Corporation” oder TMSC ist die Volksrepublik ein wichtiger Standort für die Produktion und der wichtigste Absatzmarkt der Erde zugleich.
Viele Unternehmen haben zwar vorsichtig begonnen, ihre Produktion und Lieferketten ein bisschen weniger abhängig von China zu machen. Peking ist gerade wegen seiner außenpolitischen Reizbarkeit und der radikalen Lockdowns im Kampf gegen Covid-19 dabei, seinen in Jahrzehnten erworbenen guten Ruf wirtschaftspolitischer Berechenbarkeit in relativ kurzer Zeit zu verspielen.
Weniger Abhängigkeit: Bitte duschen, aber nicht nass machen
Die Chipbranche investiert daher in neue Chip-Produktionskapazitäten in den USA, in Indien oder Vietnam, bleibt aber gleichzeitig in China präsent, wo im weltweiten Vergleich die meisten Chips verbaut werden. Angestrebt wird momentan nicht eine Abkehr von China, sondern bloß eine bessere Risikoverteilung unter Beteiligung des wichtigen Standortes Chinas.
Der südkoreanische Hersteller SK Hynix hat gerade erst Pläne angekündigt, in der chinesischen Küstenstadt Dalian eine weitere Wafer-Fabrik in China zu bauen. Die „Samsung China Semiconductor Corporation“ hat Anfang dieses Jahres gerade die zweite Phase einer großen Fabrik für NAND-Flash-Memory-Chips in Betrieb genommen.
Unternehmen stellen ihre Lieferketten breiter auf
Derselbe Trend hin zu neuen Standort-Strategien wie „China +1” (China und Vietnam) oder „China +“ (wo noch andere Standorte wie Mexiko, Indonesien oder Thailand erwogen werden) ist in der gesamten Elektronik-Industrie zu beobachten. So hat etwa Apple seinen Zulieferern kürzlich signalisiert, dass es mehr Produktion von Teilen außerhalb Chinas sehen möchte, etwa in Vietnam oder Indien.
Auch das neue Bündnis IPEF wird auf absehbare Zeit keinen Exodus der Halbleiterindustrie aus China zur Folge haben, selbst wenn das den schärfsten China-Kritikern in Washington gefallen dürfte. Sehr wohl aber könnte das neue Bündnis eine Signalwirkung entfalten, die Chiphersteller dazu anregt, ihre globale Strategie noch etwas weiter auszubalancieren.
* Henrik Bork ist Analyst bei Asia Waypoint, einem auf den asiatischen Markt fokussierten Beratungsunternehmen in Peking.