Supply-Chain-Management Lieferkettenprobleme in der Elektronikbranche 2024?

Von Margit Kuther 3 min Lesedauer

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Elektronik-Distributoren verbinden Hersteller mit Kunden und sollen sicherstellen, dass die richtigen Bauteile zur richtigen Zeit am richtigen Ort verfügbar sind. Da sind Lieferkettenprobleme ein Hindernis. Wie ist die aktuelle Lage? Die ELEKTRONIKPRAXIS befragte den Distributor Rutronik.

Supply-Chain-Management: Die Distributoren sind die Mittler zwischen Kunde und Hersteller.(Bild:  frei lizenziert /  Pixabay)
Supply-Chain-Management: Die Distributoren sind die Mittler zwischen Kunde und Hersteller.
(Bild: frei lizenziert / Pixabay)

ELEKTRONIKPRAXIS: Welche Bauteile / Produkte sind aktuell am meisten von Verknappung bedroht?

Jan Stoll, Business Development Manager Market Intelligence and Analytics, Rutronik: „Aktuell sind weitestgehend alle elektronischen Bauelemente verfügbar. Es gibt einige Schlüsselbauelemente sog. ‚Goldene Schrauben‘, welche weiterhin hohe Lieferzeiten aufweisen. Falls es gegen Ende 2024 und in 2025 aufgrund von Bullwhip-Effekten erneut zu einem Verknappungszyklus kommen sollte, sehen wir aktuell die Leistungshalbleiter aus SiC und Speicher-ICs im Automobilbereich besonders bedroht. Diese Produktfamilien sind durch die aktuellen Trends im Automobilbereich hin zu Hochvoltarchitekturen in E-Fahrzeugen und datenbasierenden Modellen, Stichwort teilautonomes Fahren, Vernetzung und Car-to-X-Kommunikation besonders gefragt.“

Bei welchen Bauteilen / Produkten droht in den kommenden Monaten eine Verknappung?

Jan Stoll: „Wir sehen in der Wertschöpfungskette und bei unseren Kunden weiterhin sehr hohe Lagerbestände. Die Auftragseingänge sind im Durchschnitt bei den Mikroelektronikherstellern, Distributoren und Kunden gering. Wir gehen davon aus, dass in der Wertschöpfungskette weiterhin die Läger abgebaut werden und dies bis Ende Q2 sogar in Q3 2024 andauern kann. Somit rechnen wir für die kommenden Monate mit keiner Verknappung. Vorausgesetzt externe Krisen und geopolitische Restriktionen bleiben uns erspart. Als Beispiel sind hier die Angriffe der Huthi-Rebellen auf Handelsschiffe, die nun einen Umweg von sechs Wochen auf sich nehmen müssen, zu nennen.“

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Insbesondere die Produktverknappungen während der Corona-Zeit beflügelten Plagiate – auch in der Elektronikindustrie. Wie groß ist aktuell die Gefahr von Produktfälschungen?

Jan Stoll: „Produktfälschungen traten vermehrt in der Verknappung während bzw. nach der Corona-Zeit auf. Fälscher erhofften sich hohe Gewinne, da vielerorts dringend Ware benötigt wurde und Käufer nicht so genau auf die Herkunft und Produktionsbedingungen der Komponenten schauten. Aktuell sehen wir hohe Lagerbestände bei globalen EMS-Unternehmen, welche ihren überflüssigen Lagerbestand über Broker mit günstigeren Preisen abverkaufen. Hier besteht die Gefahr von Fälschungen oder minderwertiger Qualität.“

Führen geopolitische Spannungen, steigende Transportkosten, etc. dazu, dass Unternehmen ihre Produktion zurückholen?

Jan Stoll: „Zum Teil ja. Zum einen verfolgt China die Strategie, eine chinesische Wertschöpfungskette für Mikroelektronik aufzubauen. Zum anderen ist China durch die umfassenden Handelsrestriktionen der USA und westlichen Partnerländer auch dazu gezwungen. Westliche Unternehmen, die in China produzieren, müssen lokale Ressourcen nutzen, einkaufen und mit lokalen Unternehmen zusammenarbeiten. Ebenfalls sehen wir Modul- und Baugruppenhersteller, die ‚technische‘ Zwillinge von Produkten designen und herstellen. jedoch mit rein chinesischen Komponenten anstelle derer von westlichen Lieferanten. So stellen sie sicher, auch weiterhin auf dem chinesischen Markt agieren zu können. (Onshoring).

Wir können darüber hinaus feststellen, das Unternehmen aus Taiwan und Südostasien, insbesondere TSMC, Fertigungskapazitäten in den USA und Europa aufbauen. Sodass im Falle einer Eskalation des China-Taiwan-Konfliktes der westliche Raum von der Belieferung mit fortschrittlichen Mikrochips teilweise abgesichert ist. Produktionsverlagerungen der EMS/CEM-Unternehmen von China nach Vietnam sind auch eine der Folgen. (Friendshoring).

Auch versuchen Europa und die USA mithilfe von Chips-Acts die eigene Mikrochipwertschöpfung zu erhöhen, um unabhängiger von ausländischen Unternehmen zu sein. Leider wird hier insbesondere in Europa oftmals zu kurz gedacht und lediglich der Aufbau von Front End-Produktionskapazitäten unterstützt. Das Back End und Investitionen in die Entwicklung / das Design neuer Mikrochips kommen zu kurz. Im Bereich der Baugruppenfertigung sind osteuropäische EU-Länder sehr attraktiv für zentraleuropäische Kunden. (Reshoring, Nearshoring).“

Wie sind Ihre Prognosen für die Elektronikbranche 2024 allgemein?

Andreas Mangler, Director Strategic Marketing, Rutronik: „Die Belastungen durch geopolitische Krisen, die schwache Weltwirtschaft, die hohe Inflation, den Zinsanstieg und die hohen Energiepreise sind immens. Die Verunsicherung ist überall spürbar, sodass Investitionen verschoben oder sogar ganz gestrichen werden. Insbesondere der Mittelstand in Deutschland und Europa steht stark unter Druck, für den wir ein wichtiger Partner sind. Viele Unternehmen haben zudem einen hohen Lagerbestand aufgebaut, den sie jetzt reduzieren. Das führt zu einem Rückgang von Neuaufträgen, der sich aus unserer Sicht auch in Q1 und Q2 fortsetzen wird. Es wird darauf ankommen, ob aus der Vergangenheit gelernt worden ist und frühzeitig Bestellungen getätigt werden, damit auch nach der aktuellen Phase ein kontinuierlicher Warenverkehrsfluss zustande kommt.“

 (mk)

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