„Lähmung durch Analyse“ – das kann sich Europas Elektronikindustrie nicht leisten. Branchenkenner und IDEA-Analyst Jordi Tarrida ruft in seinem Q2-Branchenrückblick des Jahres 2025 zu strategischen Allianzen und Fokus auf Megatrends wie Edge AI auf.
Schwierige Zeiten verleiten dazu, aus Vorsicht in Passivität zu verfallen und keine Entscheidungen mehr treffen zu wollen. Diesen Zustand sollte Europas Elektronikbranche vermeiden.
(Bild: Dall-E / KI-generiert)
Wer sich heutzutage mit dem Weltgeschehen beschäftigt, wird förmlich überrollt von Nachrichten, die in den meisten Fällen Unsicherheiten schüren. Seit Jahren schwelende Konflikte entflammen neu, andere scheinen fernab jeder Lösung, und geopolitische Entscheidungen forcieren vornehmlich protektionistische Ambitionen. Auf diesem dynamischen Spielfeld ist die Versuchung groß, abwarten zu wollen, um die möglichst besten Entscheidungen für die Zukunft zu treffen.
„Paralysis by Analysis“ nennt das Branchenkenner und IDEA-Analyst Jordi Tarrida in seiner Analyse der Trends der Elektronikbranche im zweiten Quartal 2025 sowie bei seinem Ausblick auf kommende Monate. Analyseparalyse könnte man das nennen, oder auch die Lähmung durch Übervorsicht. Dabei, so Tarrida, ist gerade jetzt die Zeit gekommen, um strategische Allianzen zu schmieden; Entscheidungen sollten nicht endlos aufgeschoben werden. Einerseits, um die nächste, im Jahr 2026 drohende Allokation zu überstehen. Andererseits, um sich zukunftssicher aufzustellen und möglicherweise an lukrativen Megatrends teilzunehmen.
Jordi Tarrida ist Analyst für IDEA, International Distributors of Electronics Association.
(Bild: IDEA)
Welche Umstände die drohende Allokation befeuern, aus welchen aktuellen Entwicklungen im Bereich SiC und Automotive Profit geschlagen werden kann und welchen Megatrend Tarrida als den wichtigsten identifiziert, erfahren Sie nachfolgend.
Seine Schlüsse zieht Jordi Tarrida übrigens vornehmlich nicht aus Marktstudien von Analystenhäusern wie Gartner, sondern aus persönlichen Gesprächen mit Akteuren an vorderster Front: OEMs, EMS, Distributoren, Halbleiterherstellern aller Art. Tarridas Erkenntnisse basieren also nicht nur auf Statistiken, sondern kommen ebenso unmittelbar aus dem „Feld“ – aus der täglichen Erfahrung mit den tatsächlichen Marktbedingungen.
Abwarten ist keine Option
Die Welt, in der wir uns befinden, ist extrem dynamisch, mit Ereignissen, die sich im Stundentakt ändern. In einem solchen Umfeld könne man es sich schlichtweg nicht leisten, ständig nur zu analysieren, ohne zu handeln, so Tarrida. Wer alles bis ins letzte Detail verstehen will, trifft womöglich nie eine Entscheidung – und genau das, warnt Tarrida, könne sich die Branche nicht mehr leisten. Deshalb sei es essenziell, die vorhandenen Daten zu nutzen, eine Einschätzung zu treffen und dann zügig zu handeln.
Das ist nicht immer einfach, denn durch die dynamischen Entwicklungen im Markt und in der Geopolitik herrschen ständig neue Verhältnisse. Man schaue sich nur einmal an, wie oft die Zollentschiedungen der USA in diesem Jahr bereits Krisen ausgelöst und Zweifel gesät haben. Nach der Pandemie hat sich ein neues „Normal“ etabliert, das heute schon wieder überholt ist, merkt Tarrida an. „Diese neue Normalität ist das renewed normal, noch aggressiver, dynamischer, schneller, ein wirklich aggressiver Wandel.“ Geopolitische Entwicklungen, wirtschaftliche Unsicherheiten und der ständige Druck auf Lieferketten und Preise sind keine Ausnahmen mehr, sondern der neue Standard – eine Realität, an die man sich anpassen muss.
Allokationen im Jahr 2026 – und wie man sich wappnen kann
Tarrida zufolge ist ab Q1 2026 wieder mit Allokationen zu rechnen, also einer Verknappung von Komponenten bei steigender Nachfrage. Trotz dieser Erwartung befindet sich die Branche aktuell in einem Käufermarkt. Daher rät Tarrida dringend dazu, jetzt – und nicht erst später – langfristige Vereinbarungen mit Zulieferern zu treffen. „Für diejenigen, die für die Produktion, EMS, OEMs und ODMs verantwortlich sind, ist es meiner Meinung nach immer noch ein ausgezeichneter Zeitpunkt, um Verhandlungen aufzunehmen, langfristige Verhandlungen zu führen und so viel wie möglich abzuschließen.“
Die Lieferengpässe, die möglicherweise auf die Branche zukommen, sind auch ein hausgemachtes Problem, befindet Tarrida. Er kann seine Quellen nicht benennen, doch viele Halbleiterhersteller haben in den vergangenen Jahren Produktionslinien für Standardprodukte geschlossen, weil die Nachfrage eingebrochen ist. Wer die wirtschaftlichen Entwicklungen der Branche verfolgt, hat in den vergangenen Monaten häufig von Kurzarbeit oder kurzfristigen Produktionsstopps gelesen.
Nun aber zieht insbesondere der Aerospace- & Defence-Sektor massiv an, was zu einem Engpass führen wird: Nicht nur sind bestimmte Linien nicht mehr verfügbar, auch der Testaufwand für High-Reliability-Bauteile im A&D-Bereich ist enorm. Viele Wafer müssten gestresst und aussortiert werden, um einzelne zugelassene Dies zu erhalten. Das alles führe zu einer weiteren Belastung der verfügbaren Produktionskapazitäten und letztlich zu verlängerten Lieferzeiten.
Stand: 08.12.2025
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Chancen im Bereich Automotive und Siliziumkarbid
Die International Distributors of Electronics Association (IDEA) ist ein globaler Zusammenschluss führender Elektronikdistributoren, der sich für Transparenz, Qualitätssicherung und Marktintegrität im Elektronikhandel einsetzt.
(Bild: IDEA)
Automotive hebt seit Jahren nicht so ab, wie es sich die Wirtschaft wünscht, und SiC-Technologien sind heiß begehrt, doch primär in den vergangenen Wochen machten aus dem Bereich einige unschöne Neuigkeiten die Runde. Wolfspeed hat Insolvenz nach Chapter 11 angemeldet, um den Betrieb aufrechtzuerhalten, JS Foundry hat komplett aufgegeben.
Und obwohl das EV-Ladesegment speziell in Süd- und Osteuropa schwächelt, sieht Tarrida Potenzial im Automobilmarkt. Europa könne es sich nicht leisten, die Autoindustrie zu vernachlässigen, denn sie ist in Ländern wie Deutschland, Frankreich, Spanien und Italien wirtschaftlich zu bedeutend. Es sei deswegen mit politischen Maßnahmen zu rechnen, etwa strengeren Normen für alte Fahrzeuge, um den Markt durch indirekte Maßnahmen zu stimulieren, denn für Subventionen fehlt das Geld. Schließlich müssen ja staatliche Ausgaben im Bereich Aerospace & Defence getätigt werden.
Im Bereich Siliziumkarbid (SiC) rät Tarrida zur gemeinsamen Arbeit an Redesigns, dazu, sich eventuell auch an der Finanzierung von Entwicklungen zu beteiligen und so gegenseitige Abhängigkeiten zu schaffen. Gerade weil SiC teuer ist, sieht Tarrida jetzt Chancen für Kooperationen mit stabilen Partnern, bei denen beide Seiten profitieren. „Wenn Sie Ihre Platine umgestalten müssen, warum sollten wir das nicht gemeinsam tun? Wenn Sie einen Teil meines Designs finanzieren, garantiere ich Ihnen die Aufträge, nicht nur die Muster, nein, nein, lassen Sie uns eine Vereinbarung treffen“, zeichnet Tarrida sein Szenario bildlich.
Partnerschaften auf regionaler Ebene
„Vielleicht hört sich das verrückt an, aber das könnte sehr hilfreich sein, um die neuen Designs zu unterstützen und die Markteinführung zu beschleunigen, um es schneller zu machen.“ Davon könnten Distributoren wie Halbleiterfertiger, Komponentenfertiger und sogar die EMS profitieren. „In der Vergangenheit war der Markt sehr lebhaft“, schließt Tarrida. „Doch jetzt ist die Bereitschaft größer, diese Art von Partnerschaften einzugehen.“
Das könnte wichtiger denn je werden, denn Tarrida rechnet damit, dass Halbleiter künftig regional produziert werden – Europa für Europa, USA für USA, Indien für Indien. Das bedeutet eine Rückkehr zu lokalen Lieferketten, was auch neue Formen der Zusammenarbeit zwischen OEMs, EMS und Zulieferern erfordert. Wer sich frühzeitig auf diese Struktur vorbereitet, könne sich Wettbewerbsvorteile sichern. Die Zeit des globalen „Überallverkaufs“ sei vorbei – wer in einer Region verkaufen wolle, müsse auch dort produzieren.
Megatrend Edge AI
Zum Abschluss gibt Jordi Tarrida noch einen Ausblick auf den nächsten, entscheidenden Megatrend: Edge AI. Warum ausgerechnet dezentralisierte KI-Verarbeitung am Netzwerkrand so spannend ist? Das ist relativ offensichtlich, denn aus sicherheitspolitischer und wirtschaftlicher Sicht wird es nicht mehr tragbar, alle Daten zentral in der Cloud – etwa in den USA – zu verarbeiten. In einer multipolaren Welt ist Datensouveränität essenziell. Kritische Infrastrukturen wie Wasser, Energie oder Militär müssten ihre Daten lokal halten und verarbeiten. Edge AI ermöglicht das.
Zudem senkt die KI direkt vor Ort Kosten, minimiert Latenz und reduziert Risiken durch Cyberangriffe. Mit dem Aufkommen von Quantencomputern ist zudem damit zu rechnen, dass zentrale Clouds verwundbarer werden, weshalb die Verlagerung der Rechenleistung an den Rand („Edge“) Tarridas Analysen nach alternativlos ist. (sb)