Streit um Unternehmensführung Italien erhöht Druck auf STMicroelectronics-CEO Chery

Von Sebastian Gerstl 4 min Lesedauer

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Die Ablehnung italienischer Regierungsvertreter gegenüber Jean-Marc Chery tritt nun offen zu Tage: Vertreter des Handelsministeriums werfen dem STM-Chef Insiderhandel vor, Wirtschaftsminister Giancarlo Giorgetti entzog ihm offen das Vertrauen. Doch neutrale Aufsichtsratsmitglieder und französische Politiker stärken Chery weiter den Rücken.

Hauptsitz von STMicroelectronics in Genf. Der italienische Handelsminister Giancarlo Giorgetti hat gegenüber Pressevertretern dem CEO Jean-MArc Chery offen das Vertrauen entzogen. Der langjährige Geschäftsführer genießt allerdings weiter das Vertrauen des Aufsichtsrats - und französischer Politiker.(Bild:  ST Microelectronics)
Hauptsitz von STMicroelectronics in Genf. Der italienische Handelsminister Giancarlo Giorgetti hat gegenüber Pressevertretern dem CEO Jean-MArc Chery offen das Vertrauen entzogen. Der langjährige Geschäftsführer genießt allerdings weiter das Vertrauen des Aufsichtsrats - und französischer Politiker.
(Bild: ST Microelectronics)

Die italienische Regierung verschärft ihren Ton gegenüber Jean-Marc Chery, dem CEO von STMicroelectronics. Nach monatelanger Unzufriedenheit mit seiner Unternehmensführung hat Wirtschaftsminister Giancarlo Giorgetti vergangenen Mittwoch vor Vertretern der italienischen Presse offen erklärt, dass Rom Chery nicht mehr unterstütze. Die italienische Position sei künftig eine des „kritischen Widerstands“, schreibt unter anderem die italienische Zeitung la Repubblica. Auch Adolfo Urso, Minister für Unternehmen und Made in Italy, steht hinter dieser Linie. Beide kritisieren Cherys Kurs und insbesondere den Umgang mit dem Investitions- und Restrukturierungsprogramm des Halbleiterkonzerns.

Italienischer Handelsminister will engen Vertrauten im Aufsichtsrat platzieren

Der neuesten Eskalation ist zunächst ein Streit um die Besetzung des Aufsichtsrats von ST Microelectronics vorausgegangen. Zwei der drei italienischen Mitglieder im Aufsichtsrat werden demnächst ausscheiden. Da die italienische Regierung an dem Unternehmen beteiligt ist, darf sie neue Kandidaten für deren Nachfolge vorschlagen. Italien hatte daraufhin Marcello Sala, einen engen Vertrauten Giorgettis und Amtsträger innerhalb des italienischen Wirtschaftsministeriums, für einen der freiwerdenden Sitze im Kontrollgremium vorgeschlagen.

Doch seine Nominierung scheiterte am Veto der drei unabhängigen Mitglieder des Aufsichtsrats, wie dieser offiziell bestätigte. Laut la Repubblica galt Sala intern als zu kritisch gegenüber Chery – ein Grund, warum seine Aufnahme abgelehnt wurde. Giorgetti sprach anschließend von einem „inakzeptablen“ Vorgang. Der französische Geschäftsmann Nicolas Dufourcq, der selbst im Aufsichtsrat sitzt, widersprach dieser Sichtweise gegenüber Reuters. Die unabhängigen Mitglieder haben gemeinsam ein Vetorecht, sagte in einer Erklärung, die der Nachrichtenagentur zugesandt wurde. Wir müssen die Entscheidung der nicht von STMicro benannten Vorstandsmitglieder respektieren.“

Kritik an Umbauplänen, Vorwurf des Insiderhandels

Der Kritik aus der italienischen Regierung gegenüber dem STMicro-Chef ist ein schlechtes Wirtschaftsjahr 2024 vorausgegangen, das mit geplanten Umstrukturierungsmaßnahmen verbunden ist. Vertreter aus Wirtschafts- und Handelsministerium hätten demnach eine übermäßige Tendenz des Unternehmens Richtung Frankreich bemängelt und die Sorge ausgesprochen, dass geplante Stellenkürzungen unverhältnismäßig stark italienische Standorte betreffen würden. Vertreter des Aufsichtsrats und der französischen Politik haben dieser Sichtweise ebenfalls widersprochen.

Dabei sind diese Umbaumaßnahmen selbst alles andere als unumstritten. Im Zuge eines globalen Restrukturierungsplans sollen weltweit 2.800 Stellen abgebaut werden, wie ST Microelectronics am Donnerstag, den 10.4. 2025, vorlegte. In Italien, wo das Unternehmen stark präsent ist, betrifft das vor allem die Standorte in Catania und Agrate. Zwar sollen dort bis 2027 insgesamt vier Milliarden Euro investiert werden – etwa in den Ausbau der Siliziumkarbid-Produktion in Catania und die Verdopplung der Wafer-Kapazitäten in Agrate –, doch Gewerkschaften warnen vor Jobverlusten. Laut la Repubblica äußerten die italienischen Gewerkschaften FIOM, FIM und UILM deutliche Zweifel an der Tragfähigkeit und Transparenz des Plans.

Hinzu kommen Vorwürfe wegen angeblichen Insiderhandels, die für zusätzliche Brisanz sorgen. Giorgetti wirft Chery öffentlich vor, kurz vor der Veröffentlichung der enttäuschenden Quartalszahlen im Januar selbst Aktien verkauft zu haben, bevor ein Umsatzrückgang von 28 Prozent gegenüber dem Vorjahresquartal bekannt gegeben wurde. Tatsächlich haben Investoren in den USA in diesem Zusammenhang eine Sammelklage gegen führende Vertreter des Unternehmens eingereicht: Amerikanische Aktionäre, die in den USA gehandelte ADRs (American depositary receipts) erworben haben, werfen laut Klageschrift vor, dass die Führungskräfte von STMicroelectronics Anleger zwischen dem 25. Januar und dem 24. Juli 2024 in die Irre geführt hätten, indem sie eine bereits bekannte Verschlechterung der Geschäftslage des Unternehmens nicht genau bekannt gegeben hätten.

Das Unternehmen weist diese Anschuldigungen zurück: Die Verkäufe seien im Rahmen einer automatisierten, steuerlich motivierten Routine erfolgt und stünden vollkommen im Einklang mit internen Richtlinien sowie dem schweizerischen Steuerrecht. Auch der Aufsichtsrat erklärte die Vorwürfe als „falsch“ und sprach dem CEO weiterhin sein Vertrauen aus. In einer offiziellen Stellungnahme stellte dieser Cherys Fähigkeit heraus, die strategischen Umbaumaßnahmen auch unter herausfordernden Marktbedingungen voranzutreiben.

Aufsichtsrat und französischer Innenminister stellen sich hinter Chery

Der Aufsichtsrat von STMicro stellte sich weitgehend geschlossen hinter das Management. In einer offiziellen Stellungnahme wurde Cherys Fähigkeit hervorgehoben, die strategischen Umbaumaßnahmen auch unter herausfordernden Marktbedingungen voranzutreiben. Der aktuell einzige italienische Vertreter im Aufsichtsrat, Paolo Visca, nahm an der jüngsten Sitzung zur Bestätigung von Cherys Mandat nicht teil.

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Auch der französische Industrieminister Marc Ferracci stellte sich angesichts der aktuellen Vorwürfe demonstrativ hinter Chery. In einem Beitrag auf X erklärte er seine „volle Unterstützung“ für den CEO und lobte dessen Führungsarbeit in einem schwierigen Branchenumfeld.

Trotzdem bleibt die italienische Regierung bei ihrer Linie. Wirtschaftsminister Giorgetti erwäge lokalen Medienberichten zufolge, Sala erneut zur Wahl vorzuschlagen. Rom erneuerte zudem seine Forderung nach einer „ausgewogeneren Mitbestimmung in der Unternehmensführung“ – und beklagte erneut, dass die Governance bei STMicro zu stark von Paris dominiert werde.

Die italienische und die französische Regierung halten über eine Holdinggesellschaft zusammen 27,5 Prozent der Anteile an STMicroelectronics. Beide sind jeweils zur Hälfte an dieser Gesellschaft beteiligt und haben demgemäß dasselbe Stimmrecht im Aufsichtsrat. Hinzu kommen neutrale Vertreter aus der Privatwirtschaft. Die Vorwürfe von Seiten der italienischen Politik kommen angesichts von Umstrukturierungsmaßnahmen und einem, auch wegen angekündigter (und wieder zurückgenommener bzw. ausgesetzter) Zollmaßnahmen aus den USA, derzeit äußerst volatilem Umfeld im Halbleitermarkt zur Unzeit. Ein derart offen ausgetragener und von nationalistischem Eigeninteresse geprägter Führungsstreit dürfte es für STMicroelectronics schwerer machen, das Unternehmen nach den schlechten Quartalszahlen wieder auf Kurs zu bringen und das Vertrauen von Anlegern zurückzugewinnen. (sg)

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