Reportage Informatik und Maschinenbau statt Bomben und Terror
Zwei irakische Jugendliche verlassen ihre Heimat, um in Deutschland eine Zukunft zu suchen. Sie lernen Deutsch, erlangen die Fachhochschulreife und wollen Ingenieure werden. Unterstützt werden sie auf Ihrem Weg von dem Projekt „Unternehmen: Jugend“.
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Eigentlich wollte Khezer Khalef Khezer Informatik studieren. Die Bedingungen in der nordirakischen Stadt Mosul waren jedoch alles andere als optimal. Bei den technischen Fächern gab es nur wenige Plätze an der Universität, und die Tatsache, dass der junge Mann der Minderheit der Jesiden angehört, war da nicht gerade förderlich. Hinzu kamen die kriegsbedingte desolate Lage im Land und die immer wiederkehrenden, terroristischen Anschläge.
„Ich habe für mich einfach keine Zukunft mehr gesehen“, sagt er mit spürbarer Wehmut. Gerade 21 Jahre alt, kommt Khezer 2009 nach Bielefeld, wo eine Tante von ihm wohnt. Er lernt Deutsch, geht dann für ein Jahr zum Gymnasium, um das Abitur nachzuholen. Das schließt er im Frühjahr 2013 mit einem Notendurchschnitt von 1,8 ab. Seit dem Wintersemester studiert er nun sein Wunschfach Ingenieur-Informatik an der Fachhochschule Bielefeld.
Auch Sipan Salou Kasem stammt aus dem Nordirak. Auch er ist Jeside, sah für sich keine Zukunft in der Heimat und litt ebenfalls unter den Kriegsfolgen und dem fast täglichen Terror. Sein älterer Bruder lebt seit vielen Jahren in Bielefeld und ermuntert Sipan, nach Deutschland zu kommen. Im Jahr 2008 wagt der damals 18-Jährige den Schritt.
In Ostwestfalen angekommen, fängt er ohne Schulabschluss quasi bei Null an. Sipan lernt Deutsch, besucht erst die Hauptschule, dann das Berufskolleg und macht seine Fachhochschulreife – eins seiner Leistungsfächer ist Mathematik. Seit dem Wintersemester studiert er nun Maschinenbau, ebenfalls an der Fachhochschule Bielefeld. „Das ist ein wirklich schweres, aber faszinierendes Studium“, sagt er mit erkennbarer Begeisterung. Sein Berufsziel: „Ingenieur“.
Versteckte Potenziale der jungen Menschen fördern
Auf ihren Wegen wurden die beiden kräftig unterstützt. „Ohne das Projekt ‚Unternehmen: Jugend – Zusammenarbeit mit Zukunft’, da sind sich die jungen Iraker einig, „hätten wir das alles nicht so hinbekommen“. Das von der Stiftung der Deutschen Wirtschaft (sdw) konzipierte Modellprojekt wurde von 2009 bis 2012 bundesweit an zehn Standorten durchgeführt und läuft nach dem teilweisen Auslaufen der Mittel jetzt nur noch in Bielefeld und Schwerin.
Es soll „schul- und ausbildungsdistanzierte“ Jugendliche und junge Erwachsene sowie Jugendliche mit Migrationshintergrund auf die Anforderungen der Arbeitswelt vorbereiten. Unternehmen: Jugend wird vom Bundesfamilienministerium und der Deutschen BP Stiftung gefördert sowie durch den Europäischen Sozialfonds der EU kofinanziert.
„Junge Menschen in Deutschland“, so die Projektverantwortlichen, „haben ungleiche Chancen und Perspektiven.“ Die meisten würden zwar durch ihre Familie und Schule gut auf die Zukunft vorbereitet. Andere wüchsen jedoch in schwierigen Umgebungen auf, in denen sie ihre persönlichen Fähigkeiten und wichtige ausbildungsrelevante Kompetenzen nur schlecht entwickeln könnten. „Diese jungen Menschen“, so die Stiftung, „verfügen über Potenziale, die nicht nur die Wirtschaft in den nächsten Jahren dringend benötigt.
Es entspricht gesamtgesellschaftlicher und speziell unternehmerischer Verantwortung, sich für die Ausbildung aller jungen Menschen in Deutschland stark zu machen und ihnen die Chance auf ein selbstbestimmtes Leben und gesellschaftliche Teilhabe zu eröffnen.“
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