Lieferkette Die Abhängigkeit von China – gibt es Möglichkeiten der Abkehr?

Von Michael Gasch 8 min Lesedauer

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Obwohl Asien nur knapp 30 Prozent der Landfläche hat, leben dort über 50 Prozent der Weltbevölkerung. Für viele Industriebereiche weltweit werden dort mehr als 50 Prozent der benötigten Produkte hergestellt.

Wie abhängig sind wir von China und welche Möglichkeiten der Abkehr gibt es?  (Bild:  frei lizenziert /  Pixabay)
Wie abhängig sind wir von China und welche Möglichkeiten der Abkehr gibt es?
(Bild: frei lizenziert / Pixabay)

1978 öffnete Deng Xiao Ping China als Produktionsstandort für westliche Firmen. Niedrige Löhne, keine Neben-kosten, mehr als 300 Arbeitstage pro Jahr bei 8 Stunden Arbeitszeit pro Tag, zuzüglich weitere 3-6 Stunden an „Overtime“, sowie ein unerschöpfliches Arbeitskräftereservoir und ein unübersehbar großer Markt waren der Magnet und schufen die Basis für den Niedergang der Fertigung in Europa. Dazu kam die Erfindung des Internets, das mit der sofortigen Übermittlung von Informationen und Daten ermöglichte, was wir heute unter „Globalisierung“ verstehen.

Das Ziel der chinesischen Ansiedlungspolitik für westliche Firmen war zunächst, das Einkommen der Gesamtbevölkerung zu steigern, indem Technologie und lohnintensive Produkte ins Land geholt wurden. Ausländischen Firmen wurden Standorte an der Ostküste zugewiesen. Dort entwickelten sich sehr spezialisierte Industriezentren, die schon bald alle erforderlichen Zulieferbetriebe anzogen. Das Konzept: „Kapazität für Knowhow“ führte zum schnellen Aufbau von umfassenden Lieferketten, die heute nicht mehr so schnell ersetzt werden können.

Die Verlagerung wurde zudem durch die Einführung von Kostenreduzierungsprogrammen wie „lean production“, „JIT“ oder „Kanban“ beschleunigt. In der Folge kam es in den 1990er Jahren weltweit in vielen Industrie-zweigen zur Konsolidierung: finanzschwache Unternehmen verschwanden vom Markt, Spekulanten, sog. „Heu-schrecken“, kauften Firmen zusammen. Investitionen in China beschleunigten sich und die europäische Industrie verlor zunehmend an Bedeutung.

Es kam hinzu, dass die OEMs die Verantwortung für den reibungslosen Nachschub an Materialien auf die Zulieferer verschoben. In den Einkaufsabteilungen gingen dadurch jegliche Kenntnisse für Zusammenhänge von erforderlichen Materialien, Produktionswegen oder Produktionsprozessen verloren. Das führte dazu, dass ein zeichnungsgebundenes, kunden- und produktspezifisches Produkt, wie z. B. die Leiterplatte, zur „commodity“ erklärt wurde.

Abb. 1: der Anteil Chinas an der Welt-Produktion von Bauteilen(Bild:  © info@Data4PCB.com)
Abb. 1: der Anteil Chinas an der Welt-Produktion von Bauteilen
(Bild: © info@Data4PCB.com)

China wurde zur Werkbank der Welt und es dauerte gar nicht lange, bis viele Produkte in westlichen Ländern nicht mehr wettbewerbsfähig hergestellt werden konnten. Für den Bedarf in der Elektronik kommen z. B. > 90 Prozent der Leiterplatten oder für Solarpanels > 70 Prozent des Polysiliziums von dort. Die Übersicht in Abb. 1 ist zwar etwa 3 Jahre alt, dürfte aber prinzipiell noch zutreffen.

Die Herstellung der Produkte erfordert selbstverständlich große Mengen an Rohstoffen. Abb. 2 zeigt den Rohstoffhunger Chinas. Der Anteil Chinas am gesamten Weltverbrauch liegt bei wichtigen Rohstoffen für die ElektronikIndustrie bei etwa der Hälfte. In anderen Fällen ist China als Lieferant oft Monopolist und damit preisbestimmend.

Zunächst war China das Entwicklungsland, dem man erst einmal beibringen musste, was produziert werden sollte. Die in den Anfangsjahren auftretenden Unzulänglichkeiten wurden geflissentlich in der Hoffnung übersehen, dass sich das „mit der Zeit“ bessern würde. Dann kam die Phase wie produziert werden sollte und plötzlich hatte sich das Land zum unverzichtbaren Lieferanten der Welt entwickelt.

Dabei war der Blick auf China von Anfang an durch Wunschdenken verfälscht, weil die grundsätzlichen Mentalitätsunterschiede nie berücksichtigt wurden. Im Gegensatz zu westlichen Firmen denken Chinesen sehr langfristig. Das macht der nachfolgende Satz von Deng Xiaoping deutlich: „verstecke Deine Stärken und warte, bis die Zeit gekommen ist“. Außerdem gibt es wesentliche Unterschiede im Geschäftssinn: ein Chinese ist mit einer kleinen Gewinnspanne zufrieden, wenn er damit künftiges Geschäft sichern kann („throw a small fish to catch a big fish“).

Abb. 2: der Anteil Chinas am Weltverbrauch von Rohstoffen(Bild:  © info@Data4PCB.com)
Abb. 2: der Anteil Chinas am Weltverbrauch von Rohstoffen
(Bild: © info@Data4PCB.com)

Die Grafik in Abbildung 3 basiert auf Zahlen der Universität von Groningen. Dort wurde das Bruttosozialprodukt der Länder seit Christi Geburt bis 2017 errechnet (spätere Zahlen wurden aus anderen Quellen ergänzt). Dabei wird deutlich, dass China und Indien bis ins 19. Jahrhundert, also lange vor Amerika oder Europa, die wirtschaftlich stärksten Länder waren. Erst vor 200 Jahren wurden beide Nationen durch Kolonialisierung, die Kanonenboot-„Diplomatie“ und Industrialisierung geschwächt. Allerdings holte sich China inzwischen die wirtschaftliche Größe wieder zurück.

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Mit Xi Jinping erfolgte eine grundsätzliche Neuausrichtung. Ähnlich wie Putin träumt Xi von historischer Herrlichkeit. Massive Auslandsinvestitionen, hohe Kredite an Entwicklungsländer und die damit verbundene politische Einflussnahme tragen seine Handschrift. Innenpolitisch wurde die Überwachung und Bevormundung der Bevölkerung intensiviert und schließlich hat sich Xi eine (von der Verfassung nicht vorgesehene) dritte Amtszeit genehmigt.

Abb. 3: regionale Anteile an der Welt-Wirtschaftsleistung(Bild:  © info@Data4PCB.com)
Abb. 3: regionale Anteile an der Welt-Wirtschaftsleistung
(Bild: © info@Data4PCB.com)

Das steigende innen- und außenpolitische Risiko beeinflusst inzwischen die Wahrnehmung Chinas im Westen. Die umfassende Überwachung aller Einwohner und Unternehmen zeugt von einem tiefgreifenden Misstrauen der Regierung gegenüber der eigenen Bevölkerung. Kurzfristige Gesetze und Vorschriften – wie z. B. wiederholte Lockdowns oder neue Gesetze und deren Auslegungen – machen das dortige Leben – insbesondere für Ausländer – riskant. Daher werden Geschäftsverbindungen zunehmend kritisch betrachtet.

Neben den politischen Entwicklungen in China machen sich inzwischen verstärkt klimatische Veränderungen bemerkbar. Die Küstenprovinzen haben in der Zeit von Juni bis September eine Taifunwahrscheinlichkeit von 50-60 Prozent. In dieser Zahl sind pro Jahr etwa ein Dutzend sog. „Super-Taifune“ der höchsten Kategorie enthalten. Die Wirbelstürme bringen erhebliche Wassermassen nicht nur in die unmittelbaren Küstenregionen, sondern bis weit ins Landesinnere hinein und verursachen oft erhebliche Schäden an der Infrastruktur.

Das entgegengesetzte Extrem ist Wassermangel. Dieser sorgt – wie schon in den letzten Jahren – auch dieses Jahr wieder für Ausfälle bei der Stromversorgung. 30 Prozent der chinesischen Stromproduktion kommt aus Wasserkraftwerken, die besonders in den Provinzen Szechuan und Yunnan angesiedelt sind. Der Rest des Strombedarfs wird in Kohlekraftwerken erzeugt, die jedoch ebenfalls Wasser (zur Kühlung) benötigen. Immer häufige-re „Black-outs“ unterbrechen nicht nur sensible Produktionsbereiche, sondern auch die vielen E-Autos können ohne Strom nicht mehr geladen werden.

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Das Managementtreffen für die EMS-Branche

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Außerdem ist das fehlende Wassermanagement problematisch: z. B. in der Region Shanghai werden nur etwa zwei Drittel des Abwassers überhaupt gereinigt. Deshalb sind – selbst nach chinesischen Standards – 85 Prozent des Wassers nicht als Trinkwasser und 56 Prozent noch nicht einmal für industrielle Nutzung geeignet. Andere Regionen Chinas sind nicht besser dran.

Neben den innenpolitischen und klimabedingten Problemen rückt ein anderes Pulverfass ins Blickfeld: der chinesisch-taiwanesische Konflikt. Der von China erhobene, angeblich „historische“ Anspruch ist falsch, denn die Insel war nie Teil der Volksrepublik Chinas. Weshalb also diese Forderung? Während China nominell durch die Kommunistische Partei regiert wird, ist es in Wahrheit der Machtanspruch Xi Jinpings, der historische Größe wieder-herstellen will. Dabei stellt das kleine, demokratische Taiwan einen krassen Gegensatz zur Ideologie und Identität Festlandchinas dar und ist deshalb für die Volksrepublik eine destabilisierende Bedrohung.

Außerdem ist es eine übliche Verfahrensweise autoritärer Staaten, innenpolitische Probleme durch außenpolitische Angriffslust zu überdecken. Sollte jedoch eine Eskalation zu Sanktionen wie z. B. zu einem Embargo der einen oder anderen Seite führen, so ist die gesamte Weltwirtschaft in Gefahr. Derartige Sanktionen führen aller Wahrscheinlichkeit zu militärischen Auseinandersetzungen.

Der Wandel vom Wirtschaftspartner zum Wirtschaftsgegner

In nur wenigen Jahren hat sich die Sichtweise auf China wieder grundsätzlich geändert. Der aggressive Kurs Xi Jinpings veranlasst Firmen, ihre Investitionen zu überdenken. Jedoch ist das eine sehr langfristige Perspektive, denn Standortentscheidungen werden auf Jahrzehnte getroffen. Selbstverständlich ist das geschäftliche Umfeld für westliche Firmen schwieriger geworden, doch dürfte China auch in der kommenden Dekade einer der wichtigsten Investitions- und Wachstumsschwerpunkte bleiben.

Eine in diesem Zusammenhang wiederholte Forderung ist, dass die Produktion in andere Länder der Region verlagert werden sollte. Als potenzielle Alternativen dafür werden meist Vietnam, Thailand, Malaysia und Indien genannt. Die gemeinsame ‚Qualifikation‘ dieser Länder ist: „nur weg von China“.

In Europa kämen evtl. die baltischen Staaten, Polen, Ungarn, Rumänien oder einige der Balkanländer in Frage. Diese sind zwar nicht so superbillig wie Asien, bieten aber andere Vorteile: man kann z. B. im Laufe nur eines Tages den Lieferanten besuchen, die Besprechung halten und wieder zurückreisen. Die Transportkosten sind nicht nur deutlich niedriger, eilige Lieferungen können in der EU innerhalb eines Tages empfangen werden (auch wenn es per Kurierdienst nach Spanien sein muss). Somit ist bei einer realistischen Gesamtkostenbetrachtung der Kostenunterschied nicht so groß.

Jedes dieser Länder hat aber nicht nur seine eigenen Nachteile, sondern alle haben den gleichen Schwachpunkt: die Abhängigkeit von China für Vorprodukte. Deshalb ist eine Forderung der völligen Verlagerung aussichtslos, denn China ist als Markt und als Lieferant zu wichtig für die westlichen Länder und es wurde in den letzten 40 Jahren zu viel in China investiert, als dass man das „so einfach“ hinter sich ließe.

Durch die Verschiebung der wirtschaftlichen Prioritäten und dem von der US-Regierung in Gang gesetzten Handelskrieg mit China kam es weltweit zu wachsendem Protektionismus, und die politische Einflussnahme stieg unter dem Deckmantel der „nationalen Sicherheit“. Die immer wieder unterbrochenen Lieferketten lassen Unternehmen nach Alternativen suchen. Es wird zwar von „Deglobalisierung“ gesprochen, doch richtiger wäre „Reglobalisierung minus China“.

Es kommt hinzu, dass die chinesische Politik des „Zero-Covid“ übertrieben und viel zu spät beendet wurde. Nun treffen mehrere Faktoren aufeinander:

  • Eine nachlassende Nachfrage in China und wichtigen Absatzmärkten in Europa und den USA, die das Potential eines nicht zu unterschätzenden Abschwungs haben.
  • Die Erzeugerpreise fallen nun schon den neunten Monat in Folge.
  • Die Konsumentenpreise bewegen sich am Rande der Deflation.
  • Der Wechselkurs zum USD ist auf einem relativ niedrigen Stand.
  • Deutschland und andere Staaten formulieren eine neue China-Strategie, die bei chinesischen Politikern schon auf Ablehnung stößt.

Es muss daher über Risikominimierung nachgedacht werden, aber die ist nicht kostenlos zu haben. Die Unter-nehmen können künftig nicht mehr darauf vertrauen, dass im schlimmsten Fall der Steuerzahler die Verluste trägt. Daher wird eine Abspaltung der Tochterunternehmen in China wahrscheinlicher.

In dieser Situation ergibt sich allerdings seit Kurzem eine (nicht ganz so) neue Überlegung: OEM- und EMS-Unternehmen investieren in ihre Zulieferer, entweder als Beteiligung oder als Komplettübernahme. Das birgt zwar zunächst Unsicherheiten, die seit Ende der inhouse-Fertigung nicht mehr bekannt waren, doch gewinnen Liefersicherheit und Lieferfähigkeit neues Gewicht.

Unabhängig davon, welche neue Ausrichtung gewählt wird, muss den in Europa verbliebenen Herstellern eine Perspektive geboten werden. Der amerikanische Verband IPC, (in Deutschland bislang über-wiegend für seine Normen bekannt), hat nun die Initiative ergriffen ), um im Zusammenhang mit dem European Chips Act in Brüssel die Belange der Leiterplatten- und EMS-Industrie zu stärken. Damit wird den Unternehmen eine Möglichkeit geboten, mit Hilfe des IPC bei nationalen und internationalen Regierungsorganisationen Gehör zu finden.

Eine für die Halbleiterindustrie interessante Substratfertigung kann in Europa bislang allenfalls von der österreichischen AT&S in Angriff genommen werden, denn durch eine Produktionsstätte in China wurden langwierige Qualifizierungen bestanden. Dabei ist selbstverständlich, dass diese „hohe Schule der Elektronikfertigung“, die mit erheblichen Investitionen verbunden ist, nur mit massiver staatlicher Unterstützung in Angriff genommen werden kann.

Es ist jedoch zu erwarten, dass ein solcher Schritt der übrigen Industrie für herkömmliche Technologien eine wichtige Unterstützung geben wird.

Kontakt Michael Gasch: info@Data4PCB.com

(mbf)

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