Fachkräftemangel Gekommen um zu bleiben – der spanische Glücksfall

Autor / Redakteur: Robert Weber / David Franz

Cristina Fernandez-Aparicio Ruiz kommt aus Madrid und arbeitet seit einigen Monaten bei Ziehl-Abegg in Künzelsau. Die südeuropäische Elektroingenieurin wagte den Schritt ins Unbekannte. Sie ist damit ein Vorbild für viele spanische Fachkräfte, die ihre Heimat verlassen wollen.

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Cristina Fernandez-Aparicio Ruiz: die Spanierin ist in Deutschland angekommen.
Cristina Fernandez-Aparicio Ruiz: die Spanierin ist in Deutschland angekommen.
(Bild: Ziehl-Abegg)

Den Stuttgarter Flughafen kennt Cristina Fernandez-Aparicio Ruiz gut. Immer dann, wenn die Sehnsucht nach Spanien zu groß ist, steigt die Frau in ein Flugzeug und hebt ab gen Süden – Heimaturlaub. Die Elektroingenieurin pendelt zwischen zwei Welten: Von der Metropole Madrid in Kastilien bis Künzelsau in der schwäbischen Provinz sind es nur drei Stunden.

Cristina Fernandez-Aparicio Ruiz ist für Rainer Grill, Leiter der Öffentlichkeitsarbeit beim Ventilatorenbauer Ziehl-Abegg, ein Glücksfall. „Zwei Redakteure von der New York Times waren schon hier und morgen kommt das finnische Fernsehen“, schwäbelt der Pressemann und seine Sätze überschlagen sich vor Begeisterung. „Das Telefon lasse ich an, ich will keinen Anruf verpassen", entschuldigt sich Grill vor Beginn des Gesprächs. Die Scheinwerfer der Medienwelt sind in diesem Moment kurz auf Künzelsau gerichtet. Grill will die Chance für seinen Arbeitgeber nutzen. Und die Hauptperson in der medialen Dramaturgie? Cristina Fernandez-Aparicio Ruiz sitzt mit Jeans und schwarzem T-Shirt schüchternd lächelnd in einem für die Firmenpräsentation abgedunkelten Besprechungsraum und erzählt in einem spanisch eingefärbten Englisch ihre Geschichte.

Büffeln statt Barkassentour am Hamburger Goethe-Institut

Sie beginnt vor der großen Spanien-Krise im Februar 2011. Die Ingenieurin ist seit November arbeitslos und der Markt für Fachkräfte trübt sich ein. In der Südeuropäerin reift der Entschluss, ihrer Heimat den Rücken zu kehren und in Deutschland neu anzufangen. Adios España. Bis dahin hatte alles nahtlos geklappt. Cristina Fernandez-Aparicio Ruiz legt eine Bilderbuchkarriere hin. Studium der Elektrotechnik an der renommierten Universität von Toledo, dann mit 26 sofort ein Job bei Thyssen-Krupp und eine schicke Eigentumswohnung im Herzen der spanischen Hauptstadt. Doch die Spanierin will arbeiten – auch international.

Schon während ihres Studiums denkt sie ans Auswandern, diskutiert mit Kommilitonen über einen Abschied. „Deutschland ist in Forschung und Entwicklung in meinem Fachgebiet führend“, erklärt sie immer wieder ihren Freunden an der Hochschule. Diese geben ihr Recht, doch die sprachliche Hürde ist für viele zu hoch. Die Madrilenin nimmt sie. Am Goethe-Instiut belegt sie Deutschkurse und fliegt im Frühjahr 2011 nach Hamburg. Büffeln statt Barkassentouren, heißt es für die junge Frau. Ein Arbeitgeber ist allerdings noch nicht gefunden.

Vater und Mutter in Spanien, die Töchter im Ausland

Rund 1600 Euro investierte Fernandez-Aparicio Ruiz in ihre deutsche Zukunft und im Januar 2012 scheint sich die Investition auszuzahlen. Das Goethe-Institut in Schwäbisch-Hall vermittelt ihr ein Praktikum bei Ziehl-Abegg. „Bezahlt natürlich“, mischt sich Pressemann Grill ein. „Ich hatte viel Angst vor der Sprache“, gibt die ehemalige Praktikantin zu. „Nicht so bescheiden“, meint Grill. „Cristina spricht Englisch, Deutsch, Portugiesisch und Italienisch.“ Cristina Fernandez-Aparicio Ruiz lacht schüchtern. „Portugiesisch und Italienisch nur ein bisschen, das stimmt“, sagt sie auf Deutsch und wechselt dann wieder ins Englische.

Sie fühlt sich in Englisch noch sicherer. Ihre Qualifikation und ihr Umgang mit Kollegen überzeugte die Vorgesetzten. Nach drei Monaten Praktikum hielt sie ihren Arbeitsvertrag in den Händen – zu gleichen Bedingungen wie deutsche Kollegen. „Deutschland ist für mich nicht ein Projekt von zwei bis fünf Jahren. Ich will hier bleiben“, beteuert die frischgebackene Ziehl-Abegg-Mitarbeiterin. Das wissen auch ihre Eltern, die sie regelmäßig besucht. Der Vater, Elektrotechniker, war bei dem Telekommunikationskonzern Telefónica beschäftigt. Ein Leben im Ausland stand für ihn und seine Frau nie zur Debatte – bis die erste Tochter in die USA zog. Sie leistete Pionierarbeit für Cristina. Weiter als die Vereinigten Staaten von Amerika konnte es nicht gehen. Deutschland war für die Eltern dagegen harmlos. Die Familie skypt mittlerweile miteinander und im Winter wollen sie sich alle in der Heimat wiedersehen.

Cristina Fernandez-Aparicio Ruiz Zuhause ist jetzt in Baden-Württemberg, ihre Heimat bleibt Spanien. Ob sie zurückkommt, ist offen. Sie lebt in einer möblierten Wohnung, ihre Eigentumswohnung hat sie vermietet. Nach der Arbeit geht sie Laufen. Sie hat Ausdauer – beruflich beim Lernen der Sprache und privat auf der Joggingstrecke. Sie ist eine Frau für den Marathon des Lebens.

Den Alltag verbringt sie mit Kino, Shoppen oder Ausgehen. Cristina Fernandez-Aparicio Ruiz zieht es dann meistens ins 25 km entfernte Schwäbisch-Hall, denn das kleinste Goethe-Instiut Deutschlands organisiert zweimal in der Woche einen Auslandsstammtisch. An ihm nehmen Spanier und andere Nationalitäten Platz. Sie diskutieren über die Arbeit, ihre Lebenssituation und sprechen ihre Muttersprache. Die Ingenieurin hat es bei Ziehl-Abegg gut getroffen, denn einer ihrer Kollegen, Antonio, kommt auch von der iberischen Halbinsel. Er war ein fremder Vertrauter in der Fremde. „Klar, wir unterhalten uns auch über Spanien und die Situation“, berichtet Cristina Fernandez-Aparicio Ruiz.

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