ASML, Merck, Siemens, Trumpf oder Zeiss sind unisono bereits europäische Helden der Halbleiterindustrie. Trotz deren internationalen Stärken kann sich Europa nicht mit der asiatischen und amerikanischen Übermacht behaupten, weil Strategien, Fachkräfte und Tempo fehlen. Der Ruf nach einem echten Ökosystem wird lauter.
Halbleiter-Podiumsdiskussion aus: Dr. Berthold Schmidt (Trumpf), Sonja Pierer (Intel), Dr. Kai Beckmann (Merck), Andreas Schwab (Merck, Moderation), Cedrik Neise (Siemens), Dr. Thomas Stammler (Zeiss)
(Bild: Manuel Christa)
Der Zustand ist paradox: Europa verfügt über einige der wichtigsten Zulieferer weltweit und dennoch gelingt es der europäischen Halbleiterindustrie kaum, den Anschluss an die asiatischen und amerikanischen Marktführer zu halten. Woran liegt das? Wie kann Europa seine Stärken strategisch bündeln, statt sich im Klein-Klein der Förderpolitik zu verlieren? Diese Fragen diskutierten hochkarätige Vertreter von Siemens, Merck, Trumpf, Zeiss und Intel, die sich bei Merck in Darmstadt zusammengefunden hatten.
Hochtechnologie als Teamsport
Trumpf, Zeiss und ASML arbeiten seit Jahren gemeinsam an der EUV-Lithografie, also einer der Schlüsseltechnologien für die kommenden Chipgenerationen. Trumpf liefert ein Lasersystem aus 450.000 Einzelteilen und 16 Tonnen Gewicht. Zeiss liefert die Optik, die mit 13,5 Nanometern Wellenlänge das kürzeste in der Industrie genutzte Licht nutzt – Grundlage für die heutige EUV-Lithografie.
Dr. Thomas Stammler, CTO von Zeiss, erklärte, warum es ohne diese Technologie keine performanten und energieeffizienten KI-Chips geben kann. "Hightech ist ein Teamsport", betonte er – und das gelinge nur in eingespielten Allianzen wie der mit Trumpf und ASML.
Größenvergleich von Dr. Beckmann: Wäre der Transistor so groß, wäre der Die so groß wie das Saarland.
(Bild: Manuel Christa)
Auch Trumpf-Vertreter Dr. Berthold Schmidt machte deutlich: EUV war eine Wette mit langem Atem. Zehn Jahre Eigenentwicklung und strategische Partnerschaft mit ASML waren nötig, um überhaupt serienreif zu werden. Heute ermöglicht das System, Zinntröpfchen im Vakuum mit einem Laser zu beschießen – Grundlage für das präzise Belichten der Chips mit extrem ultraviolettem Licht.
Neue Architektur statt altem Dogma
Die klassische von-Neumann-Architektur kommt an ihre Grenzen – das war eine der klaren Botschaften in der Runde. Ob neuromorphe Chips, photonische Berechnungen oder Quantencomputer: Die Industrie arbeitet längst an der Post-von-Neumann-Ära.
Trumpf etwa hat ein Start-up ausgegründet, das an photonischen Chips arbeitet. Ziel: Rechenoperationen mit Licht bei einem Bruchteil des Energieverbrauchs klassischer Systeme. Derzeit rechnet das Unternehmen mit einem Effizienzsprung um den Faktor 30. Die Technologie ist noch jung, basiert aber auf denselben Fertigungsprinzipien wie herkömmliche Chips: „ätzen, belichten, strukturieren“.
"Wir nähern uns atomaren Grenzen": Kleiner kann ein Transistor kaum werden.
(Bild: Manuel Christa)
Auch Merck forscht an neuen Speichertechnologien, die das Rechnen direkt in der Speicherzelle ermöglichen sollen – ein Paradigmenwechsel mit Relevanz für neuromorphes Computing. Und bei Quantencomputern engagieren sich alle großen Akteure in der QUTAC-Allianz – einer gemeinsamen Initiative von Infineon, Siemens, Trumpf, Merck und anderen.
Die Botschaft: Europa hat Kompetenzen – aber wenn neue Schlüsseltechnologien abwandern, weil das Umfeld nicht passt, ist das Potenzial schnell verspielt. Deshalb müsse man gerade bei neuen Ansätzen in der Grundlagenforschung schnell und strategisch agieren.
Chipdesign als strategische Domäne
Nicht nur in der Fertigung, auch im Design hat Europa tragende Rollen – das wurde besonders am Beispiel Siemens deutlich. Der Konzern gehört im industriellen Umfeld zu den führenden Anbietern für EDA-Software weltweit und unterstützt mit seinen Tools den gesamten Chipentwicklungsprozess. Entscheidend sei nicht nur das Design an sich, sondern dessen Produktionsfähigkeit – hier liege Siemens’ besondere Stärke.
Cedrik Neise, CEO von Siemens Digital Industries, beschreibt den Kreislauf der Halbleiterindustrie.
(Bild: Manuel Christa)
Siemens-Vertreter Cedrik Neike hob hervor: Die Ausbeute entscheidet über wirtschaftlichen Erfolg oder Totalschaden. „Wenn die Yield-Rate bei 40 oder 50 Prozent liegt, ist die Investition weg.“ Deshalb sei KI heute schon essenzieller Bestandteil des Designs und der Qualitätssicherung.
Zudem wird Design zunehmend modular. Die Branche bewegt sich in Richtung 3D-Chipstrukturen und Chiplets – einzelne Bauteile, die zu einem logischen Chip zusammengesetzt werden. Gerade für die Autoindustrie sei das ein wichtiger Pfad. Siemens sieht sich hier sowohl beim Entwurf als auch bei der Produktionsautomatisierung vorne.
Aber: Fortschritt braucht Infrastruktur. Der Hinweis auf eine Billion Liter Wasserverbrauch in der Chipindustrie und der massive Energiebedarf zeigen, wie hochkomplex und voraussetzungsreich moderne Fertigung ist. Neike plädierte für geschlossene Wasserkreisläufe, hocheffiziente Kühlung und durchgängige Automatisierung als Mindestvoraussetzungen und für realistische Standortstrategien, die das gesamte Umfeld mitdenken.
Stand: 08.12.2025
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Subventionen allein reichen nicht
Einigkeit herrschte auf dem Podium darüber, dass Subventionen nötig sind, aber eben nicht genügen. Ohne ein funktionierendes Ökosystem bleibt jede Fabrik ein teures Risiko. „Wir mussten pausieren, nicht wegen fehlender Förderung, sondern wegen fehlender Nachfrage und Infrastruktur“, hieß es von Intels Sonja Pierer.
Die Vertreter kritisierten insbesondere Genehmigungszeiten, bürokratische Hürden und die fehlende Koordination zwischen EU-Staaten. Während Trumpf in Südkorea neue Materialien nach zwei Monaten produzieren dürfe, dauere es in Deutschland ein Jahr. Das sei ein klarer Standortnachteil.
Eine GPU der Nvidia-Hopper-Generation: 50.000 Euro in der Hand
(Bild: Manuel Christa)
Statt überzogener Regulierung brauche es gezielte Förderung von Hochrisikoprojekten, wie die EUV-Entwicklung es war. Gleichzeitig warnte Zeiss davor, sich in ineffizienter Gleichverteilung zu verlieren: „Wenn wir jetzt irgendwie fördern und das überall jetzt gleich verteilen, das ist der Punkt, an dem wir unsere Wirkung verlieren“, warnte Stammler, CTO von Zeiss.
Die Forderung lautet: Europa müsse mutig genug sein, bestimmte Projekte und Standorte gezielt zu bevorzugen. Denn in einem globalen Technologiemarkt mit US-Militärförderung und asiatischem Staatskapital gewinnt nicht der, der überall mitmischt, sondern der, der klug fokussiert. Beispiele sind die EUV-Lithografie, Halbleiterfertigungsausrüstung, Metrologie, 3D-ICs oder Materialentwicklung.
Talente als Engpass
Kaum ein Thema wurde so einhellig diskutiert wie der Mangel an Fachkräften. Ob Maschinenbau, Chemie, Software oder Design: Entlang der gesamten Halbleiter-Wertschöpfungskette fehlen Mitarbeitende – und zwar weltweit. „In der Halbleiterindustrie fehlen weltweit eine Million Fachkräfte“, so Neike von Siemens.
Kai Beckmann von Merck betonte, wie zentral Spitzenforschung in Chemie, Materialwissenschaften und Ingenieurwissenschaften für die Wettbewerbsfähigkeit der Branche sei. Gleichzeitig forderte Dr. Berthold Schmidt von Trumpf mehr politische Unterstützung für die duale Ausbildung und technische Fachschulen, die den Mittelbau der Industrie sichern.
Auch das Thema Zuwanderung wurde angeschnitten. Einhelliger Tenor: Europa müsse Talente anziehen, fördern und halten. Es reiche nicht, neue Fertigungen zu bauen – es müsse auch jemand da sein, der sie betreibt. In Deutschland gebe es hervorragende Hochschulen, hieß es, aber zu wenig flexible Wege für internationale Fachkräfte. Der Fachkräftemangel sei damit nicht nur ein Bildungsproblem, sondern ein strukturelles Standortthema, gerade hierzulande.
KI beflügelt die Halbleiterei
KI-Segment übertrifft den Halbleitermarkt.
(Bild: Manuel Christa)
Künstliche Intelligenz verändert nicht nur die Produkte, sondern auch die Prozesse der Halbleiterindustrie. Das wurde im Panel mehrfach betont. Merck etwa setzt KI bereits in der chemischen Forschung ein, mit messbarem Effekt: Statt 100 Experimenten braucht es heute oft nur noch eins. Die Algorithmen identifizieren gezielt jene Moleküle, die sich für bestimmte Anwendungen eignen – ein enormer Effizienzgewinn.
Auch Siemens verfolgt einen strategischen KI-Kurs. Cedrik Neike sprach von sogenannten „Industrial Foundation Models“, also Basismodellen, die speziell für industrielle Anwendungsfelder trainiert werden. Ziel sei es, KI-Modelle nicht einfach aus dem Internet zu adaptieren, sondern auf die reale Produktion und Entwicklung in Chemie, Fertigung oder Engineering zuzuschneiden.
Einigkeit herrschte über die Notwendigkeit einer souveränen, aber praktikablen europäischen KI-Infrastruktur. Die Unternehmen fordern klare Regeln, aber keine Überregulierung. Kritik wurde an der Zersplitterung vieler EU-Initiativen geübt. Statt zwanzig Cloud-Anbietern pro Land brauche es skalierbare Strukturen und tragfähige Partnerschaften.
Cedrik Neike von Siemens erklärte dazu, dass der Konzern sich nicht direkt an Rechenzentren oder Infrastrukturprojekten beteiligen werde. Man setze auf enge Zusammenarbeit mit Cloud-Partnern, aber nicht auf eigene Hardware. Die Industrie brauche Planungssicherheit und Kooperation, keine Zersplitterung von Ressourcen und Zuständigkeiten, so Neike sinngemäß.
Europa im globalen Wettbewerb
Die Tools kommen aus Europa – gefertigt und eingesetzt werden sie oft anderswo. Besonders dramatisch zeigt sich das bei KI-Chips: Entwickelt in den USA, gefertigt in Taiwan oder Südkorea – Europa bleibt in dieser Wertschöpfungskette bislang meist Zulieferer. Die großen Gewinner sind hier aktuell Nvidia und TSMC.
Mehrere Sprecher forderten daher eine europäische Gesamtstrategie, die sich nicht in Einzelinteressen und nationaler Förderpolitik verliert. Eine Frage, die Dr. Berthold Schmidt von Trumpf bereits früher aufgeworfen hatte, brachte das Dilemma auf den Punkt: Zuspitzend gefragt: Sind wir wegen Europa erfolgreich – oder trotz Europa? Die Antwort bleibe offen, hieß es sinngemäß. Doch klar sei: Wer seine Rolle im globalen Tech-Wettrennen behalten will, muss über nationale Alleingänge hinausdenken.
Fazit: Der europäische Weckruf
Elektronik-CEO Dr. Beckmann von Merck fordert "Kraftakt".
(Bild: Manuel Christa)
Am Ende war sich das Panel einig: Europa hat die Fähigkeiten, aber es fehlt an strategischem Zusammenhalt. Die Teilnehmer betonten, dass technologisches Können allein nicht reicht. Entscheidend sei, ob Europa die richtigen Strukturen, Partnerschaften und politischen Rahmenbedingungen schafft, um seine Stärken auch wirksam zur Entfaltung zu bringen.
Ohne Tempo, Talentförderung und Zusammenarbeit verliert Europa den Anschluss. Das zeigte sich in allen Debatten – sei es bei der Chiparchitektur, dem Maschinenbau, der KI oder der Förderpolitik. Wenn Europa nicht als koordinierter Akteur auftritt, sondern als Flickenteppich, wird es im globalen Technologierennen langfristig an Relevanz einbüßen.
Gegen Ende formulierte Cedrik Neike (Siemens) einen klaren Appell: „Europa muss wieder als Ökosystem denken. Sonst fliegt uns das Ding auseinander.“