Keynote Power of Electronics 2024 Transformation in der Elektronik: Von der Industrialisierung zur Kollaboration

Das Gespräch führte Dipl.-Ing. (FH) Hendrik Härter 5 min Lesedauer

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Vom Kostenmanagement zur Kollaboration: Wie europäische Elektronikunternehmen mit neuen Denkansätzen den Firmen aus Fernost Paroli bieten und lokale Märkte wieder stärken können.

Vom Kostenmanagement zur Kollaboration: Stärkung des Binnenmarktes durch Zusammenarbeit. Dies erfordert ein Umdenken in den Unternehmensstrategien.(Bild:  frei lizenziert /  Pixabay)
Vom Kostenmanagement zur Kollaboration: Stärkung des Binnenmarktes durch Zusammenarbeit. Dies erfordert ein Umdenken in den Unternehmensstrategien.
(Bild: frei lizenziert / Pixabay)

Die Elektronikindustrie steht vor komplexen Herausforderungen, die durch überbordende Bürokratie und starre Prozesse verschärft werden. Eine grundlegende Transformation mit kollaborativen Ansätzen ist unerlässlich, um die Wettbewerbsfähigkeit deutscher und europäischer Firmen zu stärken. Dieser Wandel soll es ermöglichen, dem Druck aus Asien und den USA standzuhalten und die Attraktivität der lokalen Fertigung zu erhöhen.

Fabian Biebl fordert in seiner Keynote auf der Power of Electronics am 11. September in Würzburg ein Umdenken in den Unternehmensstrategien. Kollaboration sei der Schlüssel zur Wettbewerbsfähigkeit. Dazu müssen komplexe Bürokratie und langwierige Planungsphasen überwunden werden. Ziel sei Zukunftsfähigkeit und ein Erfindergeist, der die Innovationsfreude in den Unternehmen wieder fördere.

Herr Biebl, in Ihrer Keynote sprechen Sie von einer Transformation: Vom industriellen hin zum kollaborativen Zeitalter. Was genau ist darunter zu verstehen?

Transformation in der Elektronikbranche: Damit Unternehmen zukunftsfähig werden, müssen „wir umdenken und uns aktiv mit Kollaboration auseinandersetzen“.(Bild:  Biebl)
Transformation in der Elektronikbranche: Damit Unternehmen zukunftsfähig werden, müssen „wir umdenken und uns aktiv mit Kollaboration auseinandersetzen“.
(Bild: Biebl)

Die Industrialisierung hat uns Wirtschaftskraft und Wohlstand gebracht. Dort, wo es sinnvoll ist, haben wir automatisiert und mit Fließbändern und Robotern optimiert. Nachdem wir mit diesem Ansatz viele Probleme hervorragend gelöst haben, bleiben nun die komplexen Probleme über, die sich nicht mit Fließband-Ansätzen und Kostenmanagement lösen lassen. Hier braucht es neue Denkweisen, die auf den Errungenschaften der Industrialisierung aufbauen.

Wie lassen sich zum Beispiel die Abhängigkeiten von Fernost durch Fertigung in Europa wieder auflösen? Durch den Preis wird dies nicht machbar sein. Vielmehr durch kollaborative Ansätze, die sich firmenübergreifend auf die komplette Wertschöpfungskette konzentrieren und damit kürzere Lieferzeiten und passgenaue Produkte erzeugen. Wir müssen es schaffen, dass die Nähe zueinander in Deutschland und Europa ein Merkmal zur Marktdifferenzierung wird und die lokale Fertigung wieder attraktiv wird.

Dazu müssen wir umdenken und uns aktiv mit Kollaboration auseinandersetzen. Dazu sind neue Fähigkeiten notwendig. Mit neuen Fähigkeiten ausgestattet, hat Kollaboration das Potenzial für ein neues Zeitalter.

Wie können Unternehmen spezifische Herausforderungen identifizieren und überwinden, die bei der Einführung kollaborativer Prozesse entlang der Wertschöpfungskette auftreten?

Die Chance liegt in der Einfachheit. Sie ist uns allerdings verloren gegangen. In Europa verstehen wir unter gutem Management, Risiken zu vermeiden und Lieferungen schnell zuzusagen. Wir steuern allein nach Kosten. Daran ist nichts falsch. Jedoch hat der alleinige Fokus auf die Kosten auch Schattenseiten, die wir nicht mit im Blick haben. Was uns fehlt ist der systemtheoretische Blick auf die Auswirkungen des Kostenmanagements.

Wir sehen eine überbordende Bürokratie, die uns hemmt. Dazu gehören komplizierte Vorgaben beispielsweise im Beschaffungswesen, die eine schlanke Zusammenarbeit bei Aufträgen erschweren. Hemmend sind auch Planungsphasen, die länger dauern als die eigentliche Produkterstellung oder Regulierungen, welche die Zusammenarbeit mit externen Dienstleistern extrem einschränken. Besonders schwierig ist das Priorisieren und Nein-Sagen: Wir nehmen uns zu viel gleichzeitig vor, was zu Ressourcenengpässen und Überlastung der Mitarbeiter führt. In meiner Keynote zur Power of Electronics gebe ich einige Beispiele.

Kurz gesagt, wir gehen Risiken zu proaktiv an und sind es nicht gewohnt, Gefahren auszuhalten. Es fehlt uns an einer umfassenden Kosten-/Nutzenrechnung: Wir sollten die Kosten für die Risikovermeidung den tatsächlich eingetretenen Gefahren gegenüberstellen. In den meisten Fällen geben wir unverhältnismäßig viel Geld dafür aus, dass Risiken nicht eintreten. Dann haben wir kaum noch Zeit für die eigentliche Arbeit und es hindert uns daran, schnell auf den Markt zu kommen. Ausufernde Bürokratie und Überlastung der Arbeitssysteme gehen mit dieser Art von Optimierung zwangsweise einher.

Die Herausforderung für Unternehmen liegt darin, solche Rechnungen aufzumachen und dem Management neue Steuerungshebel in die Hand zu geben. Dann kommen die guten Ideen fast von alleine.

Power of Electronics spricht vor allem Elektronikentwickler an. Was können unsere Teilnehmer aus Ihrem Vortrag mitnehmen oder anders gefragt, warum sollte man sich Ihren Vortrag anhören?

Die Elektronikentwicklung ist eine Branche, die sehr von den angesprochenen Problemen betroffen ist. Die Abhängigkeit, aber auch der Wettbewerb von und mit Asien ist extrem hoch. Die Unternehmen kämpfen um Marktanteile, in der EMS-Sparte herrscht Kurzarbeit und die Time to Market für die Chipentwicklung ist einige Jahre zu lang. Mitarbeiter jonglieren viele Projekte gleichzeitig und Erfolge bleiben aus.

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Ich spüre die vorherrschende Ratlosigkeit, wie ein Ausweg aus dieser Situation möglich ist. Ein Allheilmittel gibt es nicht, aber ich sehe auch, wie festgefahren vieles ist. Ich ziehe es immer vor, mehr zu wissen und die Situation zu verstehen, bevor es zu Aktionismus kommt. Deshalb empfehle ich, neugierig zu sein und sich inspirieren zu lassen. Bevor wir Blitz und Donner erklären konnten, war unser Umgang damit nicht sehr rühmlich. Ähnlich verhält es sich heute mit systemtheoretischen Beobachtungen. Wir haben noch viel zu lernen und zu entdecken.

Zukunftsfähigkeit für Unternehmen besteht für mich darin, wieder den Erfindergeist zu wecken. Dann können wir aus dem reinen Kostenmanagement ausbrechen und haben Mut für Neues. Wir können damit die Marktführerschaft zurück nach Deutschland holen und einen Win-Win für Mitarbeiter und Unternehmen schaffen. Mit der Initiative Zukunftsfähigkeit sprechen wir das an und geben Rat und Orientierung.

Knowhow und Networking-Event für Leistungselektronik- und Stromversorgungsexperten

Power of Electronics am 11. und 12. September 2024 in Würzburg

Power of Electronics
(Bild: VCG)

Das Elektronikevent für Entwickler und Ingenieure bündelt sechs Spezialkonferenzen, die sich angefangen von der effizienten Stromversorgung über die intelligente Nutzung von elektrischer Leistung, effektiver Elektronikkühlung, neuester Relaistechnik, bis hin zur geordneten Abführung der überschüssigen Energie erstrecken.
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Der Gesprächspartner

Fabian Biebl ist ein erfahrener, empathischer Organisationsentwickler und Coach bei Colenet mit einer Leidenschaft für Lean und Agilität. Mit langjähriger Erfahrung in Konzernen und Mittelstand hat er einen systemischen und kulturbewussten Blick auf Unternehmen. Als Keynote Speaker, Autor, Coach und Berater stellt Fabian sein Wissen zur Verfügung und hat die Initiative Zukunftsfähigkeit als Wissens- und Austauschplattform gegründet. Er ist Autor der Organisationsgeschichten in der ELEKTRONIKPRAXIS. Leser sollen anhand von Beispielen die Zukunftsfähigkeit besser verstehen. In regelmäßigen Abständen lesen Sie sowohl im Heft als auch auf elektronikpraxis.de kleine Geschichten aus dem Berufsleben, in denen wir uns selbst wiederfinden.

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