Supply Chain Management Erfolgreiche C-Teile-Distribution mithilfe ausgeklügelter Systeme

Redakteur: Dipl.-Ing. (FH) Thomas Kuther

Dass TTI mit passiven und elektromechanischen Bauelementen sowie Steckverbindern weltweit so erfolgreich ist, verdankt der Spezialdistributor vor allem auch seinen ausgeklügelten Systemen zur Lagersteuerung und für das Supply Chain Management. Wir werfen mit Jean Quecke, Vice President Sales Europe, einen Blick hinter die Kulissen.

Anbieter zum Thema

In der Zentrale von TTI in Europa in Maisach-Gernlinden bei München betreibt der Distributor sein Zentrallager für den europäischen Markt. Das Lager erstreckt sich auf drei Ebenen und bietet eine Gesamtfläche von 20.000 m2. Mehr als 8000 Kunden in 46 Ländern werden von dort beliefert. TTI betreibt für die europäischen Kunden 35 Vertriebsniederlassungen vor Ort und agiert weltweit mit zentralen Logistikzentren und dezentralisierten Verkaufsstandorten in Europa, USA und Asien.

C-Teile erfordern Umdenken

Die Durchschnittspreise von passiven Bauelementen und Steckverbindern liegen deutlich unterhalb derer von Halbleitern und machen in der Regel weniger als 7% der Bauelementekosten einer bestückten Platine aus. Allerdings sind meist 80% der Komponenten auf einer typischen Leiterplatte passive Bauelemente oder Steckverbinder – die jedoch ca. 85% der Bestückkosten verursachen. Zudem ist der Verwaltungsaufwand für solche C-Teile rund 4-mal so hoch wie bei anderen Bauelementen.

TTI in Europa lagert in seinem Zentrallager auf drei Ebenen mit einer Gesamtfläche von 20.000 m2 über 75.000 verschiedene passive Bauelemente, Steckverbinder und elektromechanische Bauteile (Archiv: Vogel Business Media)

Dieser Herausforderung stellt sich TTI mit seinem gigantischen Lager, in dem global über 300.000 verschiedene passive Bauelemente, Steckverbinder und elekt-romechanische Bauteile lagern. „Das ist ein Vielfaches dessen, was die meisten Broadliner unter den Distributoren auf Lager haben“, erklärt Quecke, „von Maisach-Gernlinden aus liefern wir derzeit monatlich mehr als 100.000 verschiedene Produkte aus, mit 99% Just-in-time-Lieferungen nach Kalkulation und einer extrem niedrigen Fehlerquote.“

Maßgeschneidertes Lagersystem

Jean Quecke: „Unser Lagerverwaltungssystem wird ständig weiterentwickelt und verbessert, was uns besonders flexibel macht.“ (Archiv: Vogel Business Media)

TTI setzt auf ein Lagersystem, das vom US-amerikanischen Mutterunternehmen TTI Inc. speziell für die Anforderungen seiner vielen, um den Globus betriebenen Läger entwickelt wurde. „Dieses Warehouse Control System – kurz WCS – ermöglicht jederzeit die Überwachung und Ortung aller Produkte – vom Wareneingang bis zur Auslieferung“, so Quecke stolz. „Die Waren kommen mit einem Lieferschein bei uns an, werden ausgepackt, sofort im WCS erfasst und mit einem Barcode-Etikett versehen. Der TTI-interne Barcode ermöglicht die Zuordnung von Produkt und Lagerplatz. So haben wir jederzeit die absolute Gewissheit, dass das richtige Produkt auch am richtigen Lagerplatz gelagert wird.“

Kontinuierliche Verbesserung

Das Lagerverwaltungssystem ist konsequent auf die Bedürfnisse der TTI-Kunden und deren Logistik ausgerichtet. „Es handelt sich um ein ‚lebendes’ System“, wie Quecke erläutert, „das ständig weiterentwickelt und verbessert wird. Das macht uns besonders flexibel. Bestellt beispielsweise ein Kunde telefonisch in unserer Niederlassung in Barcelona, so wird dieser Auftrag erfasst und umgehend an unsere Zentrale hier übermittelt. Ein Lagermitarbeiter, ein so genannter Picker, holt dann die bestellten Produkte Wege-optimiert aus ihren jeweiligen Lagerplätzen. So dauert es gerade einmal zehn Minuten vom Bestelleingang bis das Produkt auf dem Packband liegt.“

Kurze Wege sparen Zeit

Nachdem die Ware per Barcode identifiziert ist, kommt sie per Förderband in den Konsolidierungsbereich, wo die einzelnen Produkte zum Gesamtauftrag zusammengefasst werden (Archiv: Vogel Business Media)

Den Auftrag, ein bestelltes Produkt aus seinem Lagerplatz zu „picken“ erteilt das System automatisch immer genau dem Picker, der den kürzesten Weg zum jeweiligen Lagerplatz hat. Dabei wird ihm der Auftrag über ein tragbares Infoterminal übermittelt. Alle Produkte können anhand des Barcodes eindeutig identifiziert werden. Nachdem der Mitarbeiter die gewünschte Ware per Barcode identifiziert und auf eines der Förderbänder gelegt hat, wird sie vom Band in den so genannten Konsolidierungsbereich befördert. Dort werden die einzelnen Produkte zum Gesamtauftrag zusammengefasst. Wünscht der Kunde eine Sammellieferung, ist das kein Problem, da diese ebenso aus mehreren Aufträgen zusammengestellt und zum gewünschten Zeitpunkt Just-in-time ausgeliefert wird.

Überwachung des Transportweges

„Wichtig ist zudem, dass wir den Transportweg einplanen, also die Zeit, die die Ware von uns zum Kunden braucht, denn wir haben sehr viele Just-in-time-Liefervereinbarungen mit unseren Kunden“, betont Quecke. „Derzeit verwalten wir in unserem europäischen System 75.000 aktive Teilenummern, d.h. so viele Produktlinien haben wir auf Lager. Weltweit hat TTI sogar mehr als 29 Mio. Teilenummern im System!“ Doch nicht nur im Lager selbst ist jeder Artikel exakt lokalisierbar, so Quecke: „Wir sind online mit unseren Spediteuren verbunden. So wissen wir, wo sich die Sendung gerade befindet und können unsere Kunden über den aktuellen Status informieren.“

Optimiertes Logistiksystem

Das elektronische Bestandsmanagement- und Reservationssystem AiRS (Advanced Inventory Reservation System) wurde ebenfalls von TTI in den USA entwickelt und auf die Herausforderungen zugeschnitten, die C-Teile wie passive und elektromechanische Bauelemente in Sachen Logistik stellen. So vereinfacht das System die Verwaltung preisgünstiger Bauteile, vermeidet Transaktionen ohne Mehrwert, erhöht die Verfügbarkeit und Flexibilität der Produkte – und lässt sich leicht kundenspezifisch anpassen. AiRS bewältigt in Europa bereits Bestellungen im Wert von über einem Drittel des Gesamtumsatzes. AiRS verwaltet insgesamt Bestellungen für über 35.000 Artikelnummern. Das Lagermanagementprogramm wird von mehr als 170 TTI-Kunden in ganz Europa genutzt und hat einen Anteil von rund 35% am Europageschäft von TTI.

Heute wissen, was morgen gebraucht wird

AiRS verkürzt das Zeitfenster für eine feste Bestellung, sodass viele Aufträge schon innerhalb eines Tages ausgeführt werden. Bestückt wird das Lager auf Basis der Bedarfsvorhersage des Kunden, die regelmäßig entweder per EDI oder via E-Mail an TTI gesendet werden. Aus diesen Daten errechnet das Logistiksystem die benötigten Stückzahlen der einzelnen Komponenten und disponiert die Ware vor. Im Einkauf von TTI werden die Forecast-Daten, die vom Logistiksystem verwaltet werden, kontrolliert und die Bestellungen elektronisch an den Hersteller weiter gereicht. Es geht hier vor allem um die Bedarfsentwicklung. Die Vordisposition von Bauelementen kann so noch weiter optimiert werden und gegebenenfalls zusammen mit den Kunden auf seine Wünsche angepasst werden.

Bedarf der nächsten Wochen ist für den Kunden reserviert

Im Lager von TTI wird die benötigte Ware für die jeweils nächsten Produktionswochen des Kunden reserviert und bei Bedarf direkt an den Kunden versendet. Falls kurzfristig von einem Artikel eine größere Menge benötigt wird als in der Planung vorgesehen, kann der Kunde sofort feststellen, ob TTI die benötigte Menge zusätzlich liefern kann. Einer der Pluspunkte von AiRS ist, dass Kunden die Routinearbeiten, die beim Einkauf von Standardbauteilen anfallen, abgenommen werden. Es muss nur noch der Forecast für die benötigte Ware an TTI übermittelt werden, alles andere erledigt das Logistiksystem automatisch.

Ein verlässlicher Partner

TTI wurde Ende 2006 vom Berkshire Hathaway-Konzern übernommen und als hundertprozentige Tochter in den Mutterkonzern eingegliedert – allerdings ohne negative Auswirkungen, wie Quecke betont: „Wir gehören zwar jetzt zur Holdinggesellschaft Berkshire Hathaway, haben aber weitestgehend freie Hand. So ist TTI in Europa nach wie vor europäisch geführt und dank seiner flachen Hierarchien kann unser kleines Führungsteam selbstständig und unabhängig vom Mutterkonzern entscheiden. Deren Chairman und Chief Executive Officer Warren Buffett sieht TTI als eine langfristig angelegte Investition. Somit werden wir auch zukünftig ein verlässlicher Partner für unsere Kunden sein.“

Artikelfiles und Artikellinks

(ID:257491)