Die Elektronikbranche steht vor tiefgreifenden Veränderungen. Prüf- und Zertifizierungsinstitute sind gefordert, Entwickler nicht nur mit Messergebnissen, sondern mit Know-how und strategischer Beratung zu begleiten. Max Rüter, Geschäftsführer bei Phoenix Testlab, gibt Einblicke über regulatorische Dynamik, neue Prüfumgebungen und die Zukunft des Testens in der Elektronikentwicklung.
Hochleistungs-Temperaturschocker für Großbatterien: rechts und links die heißen und kalten Aggregate. Die Batterie wird im Ruhezustand geprüft. Dadurch werden typische Transportprobleme und zusätzlicher Zeitaufwand reduziert.
(Bild: Phoenix Testlab)
Mit dem Cyber Resilience Act (CRA), neuen Anforderungen an die Prüftiefe bei Lithium-Ionen-Batterien und der raschen Entwicklung von 5G-Standards wächst der Druck auf Entwickler und Zulieferer elektronischer Systeme. Phoenix Testlab mit Sitz im ostwestfälischen Blomberg reagiert mit gezielten Investitionen in Labore, Schulungen und Prüftechnik. Der Ansatz: keine losgelöste Konformitätsprüfung am Ende des Entwicklungszyklus, sondern Begleitung, Standardisierung und Absicherung von Anfang an. Managing Director Max Rüter erläutert im Gespräch die Hintergründe – und zieht Parallelen zur Einführung der EMV-Anforderungen vor drei Jahrzehnten.
Cybersecurity: Vom Stolperstein zum Standardprozess
Herr Rüter, welche Rolle spielt der Cyber Resilience Act (CRA) für Ihre Prüf- und Zertifizierungsstrategie?
Max Rüter ist Managing Director bei Phoenix Testlab. „Wir erwarten eine steigende Komplexität der Prüflinge, neue regulatorische Anforderungen – insbesondere im Software- und Cyberbereich – sowie einen zunehmenden internationalen Wettbewerbsdruck.“
(Bild: Phoenix Testlab)
Der CRA ist ein wesentlicher Bestandteil unserer strategischen Ausrichtung. Wir sehen einen großen Informationsbedarf auf Kundenseite – täglich erreichen uns Anfragen zu konkreten Produktgruppen und deren Konformität. Deshalb begleiten wir Hersteller dabei, bestehende Geräte auf CRA-Konformität zu prüfen und neue Produkte gezielt danach auszurichten.
Gemeinsam mit Kunden entwickeln wir sogenannte CRA-Werksnormen – also betriebsinterne Bewertungsrichtlinien, die Cybersecurity-Anforderungen konkret und praxistauglich umsetzen. Damit bieten wir nicht nur Orientierung, sondern ermöglichen eine systematische Integration regulatorischer Vorgaben in den Entwicklungsprozess.
Wie ist Ihr neues Cybersecurity-Labor aufgebaut, und welche Leistungen bieten Sie dort an?
Unser neues Labor bietet ein vollständiges Dienstleistungsportfolio rund um Schulung, Bewertung, Prüfung und Zertifizierung. Hersteller erhalten bei uns Unterstützung bei der Erstellung ihrer Cybersecurity-Dokumentation, die wir anschließend im akkreditierten Labor prüfen. Daraus resultieren Prüfberichte, die eine Konformitätsbewertung gemäß RED Art. 3.3 d, e, f ermöglichen – inklusive Zertifizierung durch unseren Notified Body.
Die Kombination aus technischer Expertise, Akkreditierung und regulatorischem Know-how gibt unseren Kunden Sicherheit – sowohl im Zulassungsprozess als auch bei der internen Qualitätsabsicherung.
Sehen Sie Synergien zwischen Cybersecurity und bestehenden Prüfdisziplinen wie Funk oder IoT?
Definitiv. Besonders bei Funk- und IoT-Produkten greifen Sicherheitsanforderungen und technische Parameter ineinander. Man kann das mit der Einführung der EMV-Vorgaben vor rund 30 Jahren vergleichen – damals wie heute entsteht eine neue Pflichtdisziplin, die systematisch mitgedacht werden muss.
Für uns bedeutet das: Cybersecurity wird Teil eines ganzheitlichen Prüfansatzes, der EMV, Funk, elektrische Sicherheit und Umweltsimulation integriert. Unsere Kunden profitieren davon, alle Anforderungen unter einem Dach bearbeiten zu können – mit klaren Abläufen und abgestimmter Prüfstrategie.
Komplexe Prüflinge werden sicher beherrschbar
Wie adressieren Sie die zunehmende Komplexität der Prüflinge in der Elektromobilität, etwa bei Batterien, Ladesystemen oder Steuergeräten?
Unsere Strategie beruht auf kontinuierlichem Kompetenzaufbau und enger Zusammenarbeit mit Kunden und Technologiepartnern. Wir verfolgen technologische Entwicklungen sehr früh und bauen darauf abgestimmte Prüfumgebungen auf. Das erfordert nicht nur neue Technik – etwa Großteile-Shaker, Temperatur-Schocker oder leistungsfähige Klimaschränke –, sondern auch gezielte Schulung unseres Personals, besonders in Fragen der elektrischen Sicherheit und Softwarediagnose.
Für die Kunden bedeutet das: maßgeschneiderte, sichere und präzise Prüfprozesse, die dem jeweiligen Entwicklungsstand angepasst sind.
Welche besonderen Anforderungen stellen sich bei der Prüfung von Hochvoltkomponenten und Batteriesystemen?
Hier geht es vor allem um drei Themen: Sicherheit, Prüflings-Handling und Monitoring. Viele Prüflinge wiegen zwischen 400 kg und 1,5 t – ihr Handling erfordert spezialisierte Hebe- und Transportsysteme sowie geschultes Personal. Gleichzeitig müssen wir höchste Sicherheitsstandards einhalten, etwa zur Vertraulichkeit von Prototypen – dafür sind wir nach TISAX zertifiziert.
Unsere Monitoring-Systeme erlauben eine lückenlose Erfassung aller relevanten Parameter. Dabei nutzen wir auch eigene Softwarelösungen, um die Prüfprozesse effizient und reproduzierbar zu gestalten.
Wohin entwickelt sich Ihrer Einschätzung nach die Elektromobilität – und wie reagieren Sie darauf?
Die Elektromobilität ist ein zentraler Baustein der All Electric Society. Wir rechnen mit kleineren, komplexeren Prüflingen und einem wachsenden Bedarf an Prüfungen für neue Technologien wie Feststoffbatterien oder Wasserstoffkomponenten.
Unser Ziel ist es, unsere Dienstleistungen kontinuierlich weiterzuentwickeln – stets im Abgleich mit dem Bedarf unserer Kunden. Wir etablieren neue Prüfverfahren, passen unsere Infrastruktur an und bleiben technologisch am Puls der Zeit. Flexibilität, Innovationskraft und Kundenfokus bleiben unsere Leitprinzipien.
Stand: 08.12.2025
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Neue Standards, neue Prüfverfahren, neue Chancen für 5G
Welche Investitionen tätigt Phoenix Testlab im Bereich 5G?
Luftaufnahme: Phoenix Testlab mit Sitz im ostwestfälischen Blomberg reagiert mit gezielten Investitionen in Labore, Schulungen und Prüftechnik auf neue Anforderungen an die Prüftiefe bei Lithium-Ionen-Batterien und 5G-Standards.
(Bild: Phoenix Testlab)
Wir haben gezielt in einen Basisstationssimulator für 5G-FR1 investiert. Damit können wir Endgeräte mit einer künstlichen Basisstation versorgen, gezielt konfigurieren und unter realitätsnahen Bedingungen testen – ganz ohne spezielle Testmodes. Das eröffnet neue Möglichkeiten für präzise, praxisnahe Prüfungen.
Wie bereiten Sie sich auf die Akkreditierung und neue Prüfdienstleistungen im 5G-Umfeld vor?
Wir befinden uns derzeit in der Vorbereitung zur Akkreditierung: Das umfasst die Inbetriebnahme des Simulators, interne Testläufe, angepasste Prüfanweisungen und schließlich die Begutachtung durch die DAkkS. Erste Prüfungen sind noch vor dem Sommer geplant.
Im Ergebnis erweitern wir unser Portfolio um Integrationstests für 5G FR1 – zusätzlich zu bestehenden Diensten für 2G, 3G, 4G und NB-IoT. Zudem können wir 5G-Geräte künftig auch während EMV-Prüfungen gemäß ETSI EN 301 489-52 ansteuern und überwachen – ein echter Mehrwert für unsere Kunden.
Welche Branchenprioritäten setzen Sie, und wie positionieren Sie sich in Märkten wie Automotive, Aerospace oder Consumer Electronics?
Unsere Kernbranchen sind Industrieprodukte und Automobilkomponenten – hier kennen wir die Anforderungen unserer Kunden sehr genau. Gleichzeitig bauen wir Kompetenzen in Bahntechnik, Schiffbau und neuen Energietechnologien wie Wasserstoffsystemen auf. Unser Ansatz ist es, Kunden in wachstumsstarken Sektoren mit maßgeschneiderten Services zu begleiten – von der Produktidee bis zur Markteinführung.
Wie unterstützen Sie Ihre Kunden bei internationalen Marktzugängen?
Unsere Zulassungsteams kennen die spezifischen Anforderungen relevanter Zielmärkte – ob USA, China oder EU. Wir übernehmen die komplette Koordination der Zulassung, erstellen erforderliche Dokumentationen und begleiten unsere Kunden durch komplexe Verfahren. Dazu kommen ergänzende Services in der Fahrzeugtypgenehmigung, Cybersecurity und Schiffbauklassifikation.
Welche Maßnahmen ergreifen Sie zur Verbesserung der Kommunikation mit den Entwicklungsabteilungen Ihrer Kunden?
Effiziente Kommunikation ist für uns ein strategisches Thema. Wir arbeiten auf Wunsch direkt mit den Tools unserer Kunden, erstellen individuelle Testpläne und Checklisten und fördern den Austausch zwischen Entwicklern und Prüfern. Die Kommunikation erfolgt über gesicherte Plattformen, begleitet von regelmäßigen Feedbackrunden.
Dafür haben wir auch ein dediziertes Team für 'Customer Relations' aufgebaut. Unser Ziel ist es, Prüfprozesse nahtlos und transparent in die Entwicklungsarbeit zu integrieren.
Testen wird digitaler, interdisziplinärer – und bleibt entscheidend
Welche Trends und Herausforderungen sehen Sie in den nächsten fünf bis zehn Jahren in Ihrer Branche?
Wir erwarten eine steigende Komplexität der Prüflinge, neue regulatorische Anforderungen – insbesondere im Software- und Cyberbereich – sowie einen zunehmenden internationalen Wettbewerbsdruck. Der Fachkräftemangel wird die Branche stark beeinflussen.
Gleichzeitig sehen wir große Chancen: KI-gestützte Testsysteme, simulationsbasierte Verfahren und eine stärkere Digitalisierung der Prüfprozesse werden das Testen effizienter und flexibler machen. Unser Ziel bleibt: innovative Prüfmethoden anbieten – und dabei stets eng an den Bedürfnissen der Entwickler und Techniker ausgerichtet. (heh)