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Wer braucht das Elektroauto wirklich? Die Politik, die Industrie oder der Verbraucher?
Niebler: Die Verbraucher werden entscheiden. Die Industrie muss jedoch innovative Technologien entwickeln und die Politik die Rahmenbedingungen schaffen; insbesondere müssten Stecker und Ladegeräte einheitlich genormt und der Aufbau der Infrastruktur unterstützt werden.
Ramsauer: Die Mobilitätsbedürfnisse der Bürgerinnen und Bürger stehen im Mittelpunkt. Aufgrund zunehmend steigender Preise für Benzin- und Diesel sind die Verbraucher sehr an neuen Antrieben mit einer höheren Energieeffizienz interessiert. Die Industrie entwickelt nicht zuletzt aufgrund dieser Nachfrage die entsprechenden Lösungen. Die Aufgabe der Politik ist es, diesen Prozess durch entsprechende Förderung, vor allem von Forschungs- und Demonstrationsvorhaben, zu beschleunigen.
Zeil: Eine soziale Marktwirtschaft funktioniert seit jeher so, dass die Industrie die Produkte und Dienstleistungen produziert, die der Markt, also der Verbraucher, nachfragt. Politik kann und darf hier nur die Rahmenbedingungen setzen.
Welche Chancen für die Automobilindustrie und die Zulieferer bietet die Elektromobilität?
Ramsauer: Elektromobilität birgt enorme wirtschaftliche Chancen für alle, die zukunftsweisende Lösungen entwickeln. Deswegen verfolgen wir das Ziel, Deutschland zum Leitmarkt für Elektromobilität zu entwickeln.
Zeil: Die Elektromobilität bietet der Automobilbranche, aber auch vielen anderen Industrie- und Wirtschaftszweigen ein attraktives neues Geschäftsfeld. Dieses reicht über die Produktion von Produktion von E-Fahrzeugen hinaus. Viele Technologien, die für die Produktion von Batterien und Elektromotoren essentiell sind und die in Deutschland bereits produziert werden, müssen auf die Anforderungen der Automobilproduktion adaptiert werden. Dies kann der Zulieferindustrie interessante Marktchancen eröffnen. Durch den Einsatz neuer Werkstoffe, etwa im Leichtbau, können ebenfalls neue Wertschöpfungspotenziale erzeugt werden. Die bayerische und deutsche Automobil- und Zulieferindustrie wird weltweit starke Impulse setzen.
Niebler: Die Automobilbranche ist eine Schlüsselindustrie in Deutschland. Sie darf keinen Zukunftstrend verschlafen. Welche Antriebstechnologien sich langfristig durchsetzen werden – Verbrennungsmotoren, Hybridsysteme, Brennstoffzellen oder E-Fahrzeuge – ist noch offen. Energieeffizienz, weniger CO2-Emissionen und steigende Rohstoffpreise sprechen jedoch für Elektroautos.
Wird das Elektroauto die Gewohnheiten der Autofahrer verändern?
Ramsauer: In der Zukunft werden verschiedene Antriebe und Technologien für verschiedene Anforderungen und Einsatzzwecke genutzt werden. Die Verwendung eines Elektroautos wird sicherlich in manchen Teilen anders ablaufen als beim Verbrennungsmotor. Das betrifft zum Beispiel das Laden mit Strom. Hier bringt die Möglichkeit, ein Elektrofahrzeug zu Hause „aufzutanken“, einen Vorteil gegenüber konventionellen Antrieben. Aber es gilt wie immer: Die Technologien, die möglichst unkompliziert zu nutzen sind, haben die besten Chancen sich durchzusetzen.
Niebler: Ich denke nicht. Es gibt viele Menschen, gerade Pendler, die auf das Auto angewiesen sind. Im Übrigen glaube ich, dass sich Mobilitätsgewohnheiten allenfalls über die Höhe der Spritpreise verändern werden.
Zeil: Das E-Auto wird die Gewohnheiten der Autofahrer verändern, aber andererseits wird seine Bedeutung auch gerade deshalb immer größer, weil sich die Gewohnheiten der Autofahrer bereits verändert haben. Ich denke da an den intermodalen Verkehr, der in der Zukunft massiv an Bedeutung gewinnen wird. Die Menschen nutzen heute bereits mehrere Verkehrsmittel. Hierbei spielt auch die begrenzte Reichweite der E-Autos eine Rolle. Daher ist es wichtig, mobile Schnittstellen, beispielsweise den Umstieg vom öffentlichen Fernverkehr auf das E-Car am Ankunftsort so zu gestalten, dass sie unkompliziert nutzbar sind.
Daimler-Chef Dieter Zetsche sieht ohne Kaufprämien keine Chance für den Aufbau eines Leitmarktes in Deutschland. Sollte es eine einheitliche – am besten europäische – Kaufprämie für Elektroautos geben?
Niebler: Manche Mitgliedstaaten fördern Forschung und Entwicklung, andere Mitgliedstaaten, wie Frankreich, haben Absatzprämien eingeführt. Eine Harmonisierung auf europäischer Ebene wäre überlegenswert, um Wettbewerbsverzerrungen im europäischen Binnenmarkt zu vermeiden.
Ramsauer: Zum jetzigen Zeitpunkt halte ich eine Kaufprämie noch nicht für zielführend – und schon erst recht keine europäische.
Zeil: Bei der konkreten Markteinführung ist vor allem die Wirtschaft gefragt, der Staat kann hier allenfalls unterstützend wirken. Hierzu hat der Bund am 24. Mai 2012 beschlossen, Elektroautos künftig zehn statt bisher fünf Jahre von der KFZ-Steuer zu befreien. Zusätzlich ist ab dem Jahr 2013 ein Nachteilsausgleich für E-Fahrzeuge bei der Besteuerung von Dienstwagen vorgesehen. Diese Maßnahmen halte ich für weitaus sinnvoller als eine Kaufprämie, die den langfristigen Erfolg durch eine Verzerrung von Marktprozessen eher gefährden anstatt unterstützen würde.
Den höchsten Marktanteil erreichen Elektroautos derzeit in New York und Shanghai. Droht Europa den Anschluss zu verlieren?
Ramsauer: Überhaupt nicht. Vor einigen Jahren lagen Europa und Deutschland noch hinten in der Entwicklung von Elektromobilen. Das hat sich bei uns durch die gemeinsame Anstrengung von Bundesregierung, Forschung und Industrie deutlich verändert. Wir sind auf dem besten Weg, Leitanbieter für diese Technologie zu werden.
Niebler: Das gilt es zu verhindern. In vielen Mitgliedstaaten wurden bereits E-Mobility-Initiativen angestoßen. Wichtig sind europäische Koordinierungen, z.B. bei der Frage des einheitlichen Steckers, der zunächst in der EU definiert und dann international durchgesetzt werden sollte.
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