Die Messe des Optimismus Electronica: Vom Verriss zur Mustermesse

Von Kristin Rinortner 2 min Lesedauer

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Aller Anfang ist schwer. In der Rubrik Legendäre Stories werfen wir den Blick zurück auf bemerkenswerte Begebenheiten der Branche. Eine dieser Geschichten ist der von massiven Protesten und Widerständen begleitete Start der Messe Electronica.

Electronica 1964: 
Zu ihrer Premiere wurde die Elektronikmesse sehr skeptisch betrachtet und in der Presse besprochen. Aber das Publikum staunte.(Bild:  Messe München / Electronica)
Electronica 1964: 
Zu ihrer Premiere wurde die Elektronikmesse sehr skeptisch betrachtet und in der Presse besprochen. Aber das Publikum staunte.
(Bild: Messe München / Electronica)

Die Fachmesse Electronica wurde von sieben bekannten Unternehmen aus der amerikanischen Elektronikindustrie (IEA) gemeinsam mit der amerikanischen Handelskammer in Frankfurt 1964 aus der Taufe gehoben. Die Firmen waren: Honeywell, Hewlett-Packard (HP), Hughes Aircraft, Amphenol Borg, Consolidated Electrodynamics, Harshaw Chemicals und Taylor Instruments.

Die Gründerväter wollten eine Alternative zur französischen „Salon des Composants“ schaffen und einen zentralen Ort für die boomende Elektronikindustrie in Westdeutschland etablieren. Sie fanden in Gerd vom Hövel einen Partner, der das Konzept einer Fachmesse verstand, und der den amerikanischen Initiatoren in München eine Heimat bot. Er riskierte dabei den offenen Konflikt mit den mächtigen deutschen Verbänden.

„Eine solche Messe ist überflüssig“

Der Konflikt manifestierte sich im massiven Widerstand insbesondere durch die etablierten Messen und Messestandorte in Hannover und Frankfurt, die ihre Pfründe bedroht sahen. Aber auch Politik, Presse und Branchenverbände wie der ZVEI legten eine zögernde, ja ablehnende und blockierende Haltung an den Tag.

So titelte die FAZ am 21. Dezember 1963 nach Bekanntwerden der Messepläne: „Electronica bedroht den Messefrieden“. Auch die Elektronik-Zeitung (EZ), in den 1960er-Jahren eine wichtige deutsche Fachpublikation für Elektronik, Komponenten und industrielle Anwendungen aus dem Verlag Kohlhammer Heywood & Co., stimmte in den Tenor ein: „Eine solche Messe ist überflüssig.“

Die FAZ schreibt weiter: „Seitdem die ersten Nachrichten über die Electronica Anfang Dezember bekannt wurden, hagelt es Proteste. Die Informationen haben wie eine Bombe in der Messewirtschaft und in der Elektronikindustrie eingeschlagen. Der Ausstellungs- und Messeausschuss der deutschen Wirtschaft (AUMA) hat sich eingeschaltet. Die übereinstimmende Ansicht aller dieser deutschen Stellen ist, dass die Electronica völlig überflüssig sei und die bestehende deutsche Messeordnung aufs gröblichste verletze.“

Später ist von propagandistischer Übertreibung der Teilnehmerzahlen an der ersten Electronica 1964 die Rede. Vor Ort waren tatsächlich 407 Ausstellerfirmen, knapp zwei Drittel aus dem Ausland.

Amerikas Elektronikindustrie ist „das“ gute Beispiel

Dieser Grundtenor ändert sich. Die EZ schreibt am 3. Januar 1964: „Es ist nicht alles Gold, was glänzt. Und es ist auch nicht alles gut, was aus Amerika kommt. Indes, selbst eifrige Warner vor dem deutschen Amerikanismus werden zugestehen müssen: Amerikas Elektronikindustrie ist das Musterkind. Nicht nur, dass dieser gewaltige Industriezweig über eine gezielte Organisation verfügt, lässt ihn zum Leitbild werden. Nein, auch die Tatsache, dass die Elektronikindustrie in den USA allen anderen amerikanischen Wirtschaftszweigen etwas vormacht, eine Expansionsrate ohnegleichen erreichte, macht sie zu ‚dem‘ guten Beispiel. Ein Beispiel, an dem sich die – offiziell noch nicht existente – deutsche Elektronikindustrie ruhigen Gewissens ausrichten, orientieren darf.“

1966: Die Messe des Optimismus

Die zweite Version der vielumstrittenen Fachmesse schloss 1966 ihre Pforten mit einem Ergebnis, das alle optimistischen Erwartungen sowohl der Messeleitung als auch der 800 Aussteller übertraf. So haftete ihr der Makel einer Schaumesse nicht an und die Aussteller waren über die Gespräche mit einem wirklichen Fachpublikum sehr zufrieden (anders als das in Hannover der Fall war). Gelungen war auch die Verbindung zur 2. Internationalen Tagung Mikroelektronik auf dem Messegelände. (kr)

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