Weltweit bauen Halbleiterhersteller Produktionskapazitäten massiv aus. Auch die chinesische Staatsführung in Peking weiß um die strategische Rolle der Halbleiterindustrie und setzt auf aggressive Expansion. Marktbeobachter warnen bereits vor enormen Überkapazitäten – und ihren Folgen.
Halbleiterhersteller wie der chinesische Konzern SMIC investieren massiv in den kurzfristigen Aufbau ihrer Produktionskapazitäten. So viel, dass Branchenbeobachter bereits baldige Überkapazitäten befürchten.
(Bild: SMIC)
Könnte die Halbleiterindustrie schon bald von globalen Überkapazitäten mit unvermeidlichem Preisverfall geplagt werden? Vor dem Hintergrund des jetzigen Chipmangels klingt allein schon die Frage falsch – doch genau vor diesem Szenario warnen eine Reihe von Analysten.
Die Industrie erlebe gerade eine so massive Kapazitätserweiterung, dass solche Sorgen ab 2023, wenn viele der nun neu geplanten Fabs mit der Produktion beginnen, nicht übertrieben seien, schreibt das chinesische Chip-Portal Bandaoti Hangye Guancha in einem aktuellen Bericht.
„In den kommenden zehn Jahren werden weltweit mehr als 700 Milliarden US-Dollar in den Bereich Halbleiterfertigung investiert werden,“ schreibt das chinesische Fachmedium. „Die Erfahrungen der Vergangenheit zeigen, dass zu viel Kapitaleinsatz oft zu Überkapazitäten führt,“ warnt es.
Nachfrage nach Halbleiterchips explodiert
Eine Reihe von Trends lässt derzeit die Nachfrage nach Halbleitern geradezu explodieren. Die Elektrifizierung der Autoindustrie, wo „smarte“ E-Autos ein Vielfaches an Chips im Vergleich zu traditionellen Fahrzeugen mit Verbrennungsmotoren benötigen, aber auch Trends wie 5G, IoT und Künstliche Intelligenz und damit einhergehendes Wachstum in der Elektronikindustrie befeuern diesen Nachfrageschub.
Gleichzeitig, auch bedingt durch diese Situation, hat aber auch ein „extrem expansives Investitionsspiel im Bereich Halbleiter eingesetzt,“ erläutern die Beobachter der chinesischen Chip-Industrie ihre Warnung. Es sei nicht einfach, korrekt abzuschätzen, wieviel Investitionen zu viele Investitionen seien.
Der taiwanesische Chipfabrikant TSMC etwa wird in diesem Jahr insgesamt rund 30 Milliarden US-Dollar in neue Kapazitäten investieren. In den nächsten drei Jahren sollen sogar insgesamt 100 Milliarden US-Dollar in neue TSMC-Fabs fliessen.
Beeindruckende Expansion bei TSMC
Die Expansion der Produktionsanlagen der Taiwanesen ist besonders beeindruckend. Unlängst gab das Unternehmen eine Investition von 2,9 Milliarden US-Dollar für die Erweiterung der Fabrik im chinesischen Nanjing für 28-Nanometer-Chips bekannt. Gleichzeitig baut TSMC ein 5-nm-Fabrik im US-Staat Arizona für 12 Milliarden US-Dollar. In Japan wird das Unternehmen Milliarden für neue Spezialprozesse in den Bereichen 22 und 28 Nanometer stecken. Und auch über eine neue Chipfabrik in Deutschland verhandelt TSMC.
Neben TSMC haben auch Konkurrenten wie Taiwans UMC, Samsung in Südkorea und der chinesische Chiphersteller SMIC aggressive Erweiterungen ihrer Produktionskapazitäten angekündigt. IDC-Hersteller wie Intel, Infineon, Bosch, Texas Instruments, SK Hynix und Micron ziehen nach. „In der Industrie ist neuerdings die Rede von Halbleiter-Überkapazitäten”, schreibt Bandaoti Hangye Guancha.
Jetzt gebaute Fabs starten Produktion in zwei bis drei Jahren
Es werde rund zwei bis drei Jahre dauern, bis die aktuellen Investitionen zu tatsächlichen Serienfertigungen geführt haben werden. Genau diese Verzögerung mache exakte Planungen so schwer, schreiben eine Reihe von Analysten. „Nach dem Ende des Chipmangels im Jahr 2023 – drohen uns dann schon ab 2024 Überkapazitäten?” fragt auch die chinesische Halbleiterzeitung Dianzi Gongcheng Zhuanji.
Ein wichtiger Grund für solche Befürchtungen ist die Tatsache, dass sich viele Regierungen weltweit derzeit geradezu ein Wettrennen um Subventionen für die Halbleiterindustrie liefern. „Wenn du von der Regierung finanziert wirst, dann kann dir der Profit egal sein. Dein Job ist es dann, deinen Anteil am Markt zu erweitern. Das wird das Problem sein, vor allem mit China,“ zitiert das Fachmedium den Experten Dan Hutcheson von VLSI Research, der Überkapazitäten ab 2024 vorhersagt.
Steuerzahler subventionieren Halbleiter-Fabs im großen Maßstab
Die Rating-Agentur Moody´s hatte bereits im August dieses Jahres vor potenziellen Überkapazitäten „für bestimmte Typen” von Chips gewarnt und machte dafür ebenfalls politisch motivierte Expansionspläne in der Volksrepublik China verantwortlich.
Die Investitionspläne der Regierung in Peking könnten zu einem immer schärferen Wettbewerb führen und „angefangen mit weniger hochwertigen Produkten”, hieß es bei Moody´s. Allein in den ersten fünf Monaten dieses Jahres habe sich die Zahl der neu registrierten Halbleiter-Unternehmen in China im Vergleich zum Vorjahr verdreifacht, schreibt die Rating-Agentur.
Stand: 08.12.2025
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Wiederholt sich die Geschichte der Photovoltaikbranche?
Ein Blick auf die Geschichte der Solarindustrie sollte da als Warnung dienen, so Moody´s weiter. Nach 2010 hätte eine gestiegene globale Nachfrage nach Photovoltaik-Ausrüstung zu einer „irrationalen Expansion“ des chinesischen Solarsektors geführt, gefolgt von „Überkapazitäten, Preisverfall, kollabierenden Profiten” und auch „Bankrotten im chinesischen Solarsektor“, so der Bericht.
Allein die chinesische Regierung plane ihre heimische Halbleiter-Industrie in den kommenden zehn Jahren mit mehr als 100 Milliarden US-Dollar an Fördergeldern zu überhäufen, schreibt die Zeitung South China Morning Post in Hong Kong. Und viele Regierungen in anderen Teilen der Welt bemühen sich, es ihr gleich zu tun.
Strategische Rolle der Chipindustrie: Jeder gegen jeden
So kämpft derzeit jeder gegen jeden, was sich aber zu einer gemeinsamen Blase mit Überkapazitäten addieren könnte, denken manche Analysten. „Die Regierungen in China und den USA haben die entscheidende Rolle erkannt, die Halbleiter für das Wirtschaftswachstum spielen und haben mit der Umsetzung von Plänen begonnen, lokale Lieferketten für Halbleiter aufzubauen,” schreibt Dianzi Gongcheng Zhuanji. Genau das aber lasse nun auch „Zweifel über eine möglicherweise exzessive Expansion der Chip-Produktion aufkommen“, schreiben die Autoren.
* Henrik Bork ist Analyst bei Asia Waypoint, einem auf den chinesischen Markt fokussierten Beratungsunternehmen in Peking.