Seitenblicke Klimaforschung Die Ozonschicht – Löchrige Achillesferse der Menschheit

Autor / Redakteur: Walter Willems, dpa Wissen / Martina Hafner

Vor 30 Jahren alarmierte der erste Bericht über das Ozonloch die Öffentlichkeit. In seltener Einmütigkeit gingen die Länder der Welt rasch gegen die Ursache vor. Das Beispiel zeigt: Die Staatengemeinschaft kann auf Bedrohungen reagieren. Die Geschichte einer Beinahe-Katastrophe zum Internationalen Tag der Ozonschicht am 16.9.

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Das Ozonloch über der Antarktis am 24.09.2006 (r) und am 09.06.2013. Die blauen und violetten Farben zeigen an, dass die Ozonschicht dünn ist, die gelben, grünen und roten weisen auf mehr Ozon hin. Um das Jahr 2070 soll sich das Ozonloch über der Antarktis wieder schließen: “Wir hatten ganz großes Glück”
Das Ozonloch über der Antarktis am 24.09.2006 (r) und am 09.06.2013. Die blauen und violetten Farben zeigen an, dass die Ozonschicht dünn ist, die gelben, grünen und roten weisen auf mehr Ozon hin. Um das Jahr 2070 soll sich das Ozonloch über der Antarktis wieder schließen: “Wir hatten ganz großes Glück”
(Foto: dpa Bildfunk)

Die Menschheit hatte großes Glück: Nur dank einer Verkettung günstiger Umstände schrammte die Welt knapp an einer Katastrophe vorbei. Vor 35 Jahren ahnte niemand, dass rund 20 Kilometer über dem Südpol Chemikalien die Ozonschicht zersetzten, die die Erde gegen die gefährliche UV-Strahlung abschirmt. Als Joe Farman vom British Antarctic Survey in Halley Bay Anfang der 1980er Jahre erste Hinweise darauf entdeckte, zweifelte er an seinen eigenen Ergebnissen und tauschte das Messinstrument aus.

Seit Jahrzehnten hatte die Besatzung der Antarktis-Station mit einem sogenannten Dobson-Spektrometer die Ozonwerte in der Stratosphäre – also in 10 bis 50 Kilometern Höhe – gemessen. Weil die stets unauffällig waren, stand das kostspielige Programm mehrfach vor dem Aus, zuletzt 1984. “Es war ein enormer Kampf, das Projekt weiterzuführen”, erzählte Farman später. Die Forscher setzten sich durch, die Messungen liefen weiter – zum Glück, wie sich schon bald zeigen sollte.

Anfang der 1980er Jahre schwanden die Werte des Ozons (O3) jedes Jahr nach dem Ende der monatelangen, sonnenlosen Polarnacht, jeweils für mehrere Wochen. Zudem sanken sie von Jahr zu Jahr stärker. “1985 dämmerte uns plötzlich, dass wir vor einer der größten Umweltentdeckungen des Jahrzehnts, vielleicht sogar des Jahrhunderts, standen”, sagte Farman. “Zum ersten Mal seit Beginn der Messungen um 1926 registrierte jemand sich verändernde Ozonwerte.” Schließlich berichteten die Forscher am 16. Mai 1985 in der Zeitschrift “Nature”: “Die jährliche Variation des Gesamtozons in Halley Bay hat sich dramatisch verändert.”

Wie ein Paukenschlag rüttelte der kurze Bericht Fachwelt und Politik auf. Schon vorher waren einige Forscher um die Ozonschicht besorgt – vor allem wegen der Fluorkohlenwasserstoffe (FCKW). Diese Verbindungen wurden seit den 1960er Jahren in großen Mengen als Treibgase, Kühlmittel oder zur Herstellung von Schaumstoffen verwendet und gelangten so in die Atmosphäre.

Aber selbst die wenigen Kritiker dachten anfangs, Inhaltsstoffe wie Chlor, Fluor oder Brom würden eher flächendeckend rund um den Globus in der Ozonschicht Schäden anrichten. Mit einem Ozonloch ausgerechnet über der Antarktis hatte niemand gerechnet. “Das Überraschende war: Das Ozonloch entstand am Ende der Welt, wo keine FCKW freiwurden”, erinnert sich Gert König-Langlo vom Alfred-Wegener-Institut (AWI), Leiter des meteorologischen Observatoriums der Antarktis-Station Neumayer III.

Glück im Unglück, dass sich das Ozonloch ausgerechnet über dem unbewohnten Teil des Planeten auftat. Über bewohntem Gebiet hätte eine solche Ausdünnung der Schutzschicht katastrophale Auswirkungen haben und Millionen Hautkrebs-Erkrankungen verursachen können. “Das Ozonloch bildete sich an der günstigsten Stelle”, sagt Markus Rex vom Alfred-Wegener-Institut in Potsdam, der dem UN-Panel zum Status der Ozonschicht angehört.

Rückblick: Bis in die 1970er Jahre galten FCKW als nahezu ideale Kältemittel und Treibgase: Geruchlos, durchsichtig, ungiftig und chemisch stabil. “Die Industrie war sehr glücklich damit”, sagt Rex. “Man hielt sie für die perfekten Stoffe.”

Binnen weniger Jahrzehnte gelangten Millionen Tonnen dieser Verbindungen in die Atmosphäre. Erst in den 1970er Jahre meldeten sich erste Mahner zu Wort: 1974 warnten die US-Forscher Mario Molina und Sherwood Rowland, aus FCKW stammende Chlor-Radikale könnten in großer Höhe Ozon abbauen.

Als Reaktion darauf wurden die Stoffe in den USA und Skandinavien aus Spraydosen verbannt, sagt Rex: “Das hat uns ein paar Jahre Luft verschafft.” Ebenso wichtig: Die Gesellschaft war für das Thema sensibilisiert, als Farman 1985 seine Messergebnisse veröffentlichte, die die Nasa nachträglich durch Satellitenmessungen bestätigte.

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