REACH Die EU-Chemikalienverordnung stellt auch Distributoren vor Herausforderungen

Redakteur: Dipl.-Ing. (FH) Thomas Kuther

Die EU-Verordnung REACH (Registration, Evaluation, Authorisation of Chemicals) ist eine Herausforderung für die gesamte Lieferkette und wird Lieferanten, Hersteller und die Distribution betreffen. Die Auswirkungen auf die Supply-Chain wurden auf der Embedded World von Vertretern des FBDI und der Industrie sowie Juristen diskutiert.

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Martin Gernet von Infineon sieht „Halbleiter als Endprodukt von REACH nicht direkt betroffen“. Dr. Gerd Schulz von Epcos stimmt der Aussage zu und ergänzt sie: „Bauelemente werden als Produkte von REACH kaum betroffen sein. Denn eine gewollte Freisetzung von Stoffen passiert bei Bauelementen in der Regel nicht. Allerdings werden die Substanzen, die zur Herstellung verwendet wurden, von REACH betroffen sein.“

Dr. Bettina Enderle von der Rechtsanwaltskanzlei Allen & Overy betont, „dass REACH nicht nur für chemische Stoffe gilt, sondern auch für Erzeugnisse aus denen bestimmungsgemäß Stoffe freigesetzt werden, z. B. Druckerpatronen und Spülmaschinentabs. Werden diese importiert, bestehen sogar Registrierungspflichten, bei allen übrigen Erzeugnissen aber zumindest Informations- und Mitteilungspflichten.“

Das „juristische Drama“ sieht Frau Enderle hierbei bei der „weit gefassten Definition des Begriffes „Erzeugnis“. „Erzeugnisse unter REACH müssen kein Endprodukt, sondern können auch Teile sein, die zusammengesetzt werden zu einem weiteren Endprodukt. Danach ist sowohl ein Reifen ein Erzeugnis als auch ein PKW insgesamt. Daher sind auch Bauelemente Erzeugnisse. Damit gelten die Pflichten, die sich auf Erzeugnisse beziehen, auch für Bauelemente, bzw. für deren Importeure und Hersteller. Wesentlich ist für das Erzeugnis, dass es chemisch nicht mehr verändert wird, wenn es in ein anderes Produkt eingebaut wird.“

REACH – Bedeutung für die Distribution

Wolfgang Ziehfuss vom FBDI (Fachverband Bauelemente Distribution) fasst die Diskussion zusammen: „Die Distribution ist von REACH zumindest mittelbar betroffen, auch wenn sie keine Erzeugnisse herstellt sondern diese nur vertreibt“. Frau Enderle ergänzt: „Ein Distributor kann als Importeur und Händler Pflichten unter REACH haben. Und gegebenenfalls auch als nachgeschalteter Anwender, wenn er etwa einen Halbleiter auf eine Leiterplatte lötet.“

Des Weiteren sieht Bettina Enderle „die Pflichten für Distributoren unter REACH durch zwei Nadelöhre kanalisiert: Die Mitteilungspflicht greift erst ab 1 t pro Stoff und Jahr je Distributor und sie gilt nur für besorgniserregende Stoffe, die z. B. krebserzeugend oder fortpflanzungsgefährdend sind.“

Die Kandidatenliste als Basis für die Kennzeichnungspflicht

Bettina Enderle ergänzt: „Diese Stoffe werden über eine Kandidatenliste zum Ende des Jahres festgelegt. Typische Kandidaten für die Liste sind die bereits nach der RoHS-Verordnung verbotenen Stoffe. Außerdem mit dabei sein könnten Arsen, Beryllium und Weichmacher. Mit einer ersten offiziellen Liste rechne ich im Sommer 2009. Die Mitteilungs- und Informationspflichten für Distributoren gelten erst ab dem Zeitpunkt, ab dem diese Kandidatenliste existiert.“

Unterstützung von Seiten der Hersteller

Martin Gernert weist darauf hin, „dass Infineon bereits 2006 das REACH-Projekt ins Leben gerufen hat. Darüber hinaus gibt es Content Data Sheets, so genannte Umbrella Specifications, die für einzelne Produkte abrufbar sind. Wir erfüllen damit jetzt schon alle Anforderungen, die REACH stellt, in dem wir alle Stoffe bis hin zu 0,1% ausweisen, auch Verunreinigungen sind darin als Spuren genannt. Dr. Schulz ergänzt: „Bereits seit Jahren sind im öffentlichen Zugriff etwa über den ZVEI, Epcos und weiteren Komponentenherstellern Materialdatenblätter, Umbrella Specs, zugänglich. Diese beinhalten die Information, welche die Distributoren brauchen, und zwar über Materialien im Produkt mit einer Deklarationsgrenze 0,1%. Wir geben in den Blättern einen 100prozentigen Überblick über die Zusammensetzung der Bauelemente auch der von EPCOS.“

Herr Schulz gibt aber zu bedenken: „Wie sieht REACH bei kleineren Unternehmen aus? EPCOS ist ein großes Unternehmen mit entsprechenden Ressourcen. Aber haben kleine Unternehmen solche Ressourcen? Das bleibt abzuwarten.“

Viele Fragen zu REACH sind noch ungeklärt

REACH wird kommen – und die gesamte Lieferkette betreffen. Bisher sind jedoch viele Fragen noch ungeklärt, etwa die der Kandidatenliste. Dr. Schulz warnt jedoch vor übertriebenem Aktionismus: „Ich hoffe, dass die Elektronik-Industrie nicht in Hysterie verfällt, denn REACH bietet eigentlich keinen Anlass zur Hysterie. Die grundsätzlichen Rollen und Pflichten sind beschrieben, die Informationswege festgelegt. Unter RoHS haben wir uns bombardiert mit individuell gestalteten Anfragen nach Konformitätsbestätigungen, Materialinformation etc.; nun sollten wir diesen Prozess entscheidend verbessern.“

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