Branchenausblick „AI Everywhere“: Europas Halbleiterei darf den nächsten KI-Hype nicht verpassen

Von Susanne Braun 4 min Lesedauer

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Die europäische Halbleiterbranche steckt weiter in der wirtschaftlichen Talsohle, doch beim Studium der wichtigsten Indikatoren lassen sich erste Zeichen der Trendwende erkennen. IDEA-Analyst Marco Mezger bespricht die Entwicklungen des ersten Quartals 2025 und warnt, dass Europa den Boom „AI Everywhere“ nicht verpassen darf.

Hoffnungen für die europäische Halbleiterbranche liegen für Mezger aber in Form einer zweiten KI-Welle, die nicht mehr in Serverhallen, sondern überall stattfinden soll: „AI Everywhere“.(Bild:  Dall-E / KI-generiert)
Hoffnungen für die europäische Halbleiterbranche liegen für Mezger aber in Form einer zweiten KI-Welle, die nicht mehr in Serverhallen, sondern überall stattfinden soll: „AI Everywhere“.
(Bild: Dall-E / KI-generiert)

Während die Halbleiterindustrie rund um die Welt wächst und gedeiht, vornehmlich befeuert von dem anhaltenden Wirbel um künstliche Intelligenz, schaut die europäische Halbleiterei eher pessimistisch in die Runde. KI wird getrieben vom Marktplatzhirsch Nvidia, vom Auftragsfertiger TSMC in Taiwan und natürlich von den KI-Kunden aus den USA.

Analysten von IDC (International Data Corporation), McKinsey und anderen Organisationen rechnen damit, dass die Halbleiterindustrie spätestens 2035 die Marke von einer Billion US-Dollar Umsatz überschreitet. Und: Nur zehn weitere Jahre später könnte sich der Markt bereits auf zwei Billionen verdoppeln.

In den USA und in Asien brummt der Markt, aber wie kann sich Europa ein Stück vom KI-Kuchen sichern? Analyst und Branchenkenner Marco Mezger von IDEA (International Distributors of Electronics Association) hat die Halbleiterei-Zahlen für das erste Quartal 2025 analysiert. Er erkennt einige positive Indikatoren für einen langsamen Aufschwung und bespricht die Chancen des Trends „AI Everywhere“ für Europa.

Harte Zahlen, mit Aussicht auf Aufhellung

Marco Mezger ist ein globaler Unternehmer, Investor und Berater mit über  30 Jahre Erfahrung in der Halbleiterindustrie. Der in Deutschland geborene  und in Taipeh lebende Marco Mezger verfügt über ein einzigartiges Verständnis der globalen Halbleiterunternehmen und ihrer Herausforderungen, was sich in einer Erfolgsbilanz als Matchmaker in der Branche niederschlägt. Als Vordenker auf dem Gebiet der Speichertechnologie hat Marco eine beträchtliche Anzahl an weltweiten Lesern auf LinkedIn. Er ist auch ein regelmäßiger Gastkommentator in internationalen Publikationen und Fernsehsendungen über die Neuigkeiten in der Halbleiterindustrie und  Markttrends.(Bild:  IDEA)
Marco Mezger ist ein globaler Unternehmer, Investor und Berater mit über 30 Jahre Erfahrung in der Halbleiterindustrie. Der in Deutschland geborene und in Taipeh lebende Marco Mezger verfügt über ein einzigartiges Verständnis der globalen Halbleiterunternehmen und ihrer Herausforderungen, was sich in einer Erfolgsbilanz als Matchmaker in der Branche niederschlägt. Als Vordenker auf dem Gebiet der Speichertechnologie hat Marco eine beträchtliche Anzahl an weltweiten Lesern auf LinkedIn. Er ist auch ein regelmäßiger Gastkommentator in internationalen Publikationen und Fernsehsendungen über die Neuigkeiten in der Halbleiterindustrie und Markttrends.
(Bild: IDEA)

Mezger bringt die Dynamiken der Halbleiterbranche in seinem aktuellen Marktbriefing auf den Punkt: „Trotz aller Turbulenzen – wir arbeiten in einer Branche, deren Wachstum nicht aufzuhalten ist.“ Aktuell dominieren aber noch die Rückgänge: Laut DMASS sank der Halbleiterumsatz in Europa im Q1 2025 um rund 20 Prozent im Vergleich zum Vorjahresquartal. Deutschland und Italien lagen mit 27 Prozent Umsatzminus sogar noch deutlich darunter. Fast alle Teilbereiche, von Analog über Power bis zu Mikrocontrollern, verzeichneten zweistellige Einbrüche.

Auch im Speicherbereich, Mezgers Spezialgebiet, sieht es mit -22 Prozent Umsatzrückgang auf den ersten Blick düster aus. Dieser Rückgang täuscht allerdings, denn die Nachfrage nach High Bandwidth Memory (HBM) steigt weltweit, maßgeblich angetrieben vom KI-Wachstum. „Ich höre schon, wie Sie sagen: ‚KI ist doch überall!‘ Aber in Europa ist davon derzeit noch wenig zu spüren. Und das stimmt“, so Mezger.

Dennoch schauen nicht alle Daten düster aus, und es ist wichtig, das hervorzuheben. Ein Hoffnungsschimmer zeigt sich bei der sogenannten Book-to-Bill-Ratio. Sie beschreibt das Verhältnis von Auftragseingängen („Bookings“) zu fakturierten Umsätzen („Billings“) in einem bestimmten Zeitraum. Ein Wert unter 1,0 signalisiert, dass weniger neue Bestellungen eingehen, als ausgeliefert wird. Der Markt schrumpft. Liegt die Kennzahl über 1,0, spricht das für Wachstum.

In Deutschland, Europas größter Halbleitermarkt, lag dieser Wert im ersten Quartal 2025 bei vielversprechenden 0,98. Das ist der höchste Stand seit Beginn des Abschwungs und ein klares Zeichen für eine mögliche Bodenbildung. Zum Vergleich: Im dritten Quartal 2023 lag der Wert noch bei dramatischen 0,47; damals ein Ausdruck der Überbestände nach der pandemiebedingten Nachfragewelle. Die aktuelle Entwicklung lässt also auf Stabilisierung hoffen, auch wenn die Trendwende noch nicht vollzogen ist.

Europas strategisches Dilemma: (Noch) kein Ticket zur KI-Party

Der eigentliche Wachstumstreiber, Mezger sprach es bereits deutlich an, ist derzeit künstliche Intelligenz. Doch Europa spielt in der ersten Welle kaum eine Rolle, die insbesondere von Rechenzentren, Hyperscalern, Hochleistungsbeschleunigern und spezialisierten KI-Prozessoren dominiert wird. HBM-Module und KI-Beschleuniger von Nvidia wandern direkt vom Hersteller zu Meta, Google & Co., wobei der klassische Distributionsweg umgangen wird. An dem wären europäische Anbieter zumindest beteiligt, doch die gehen aktuell leer aus.

Hoffnungen liegen für Mezger aber in Form einer zweiten KI-Welle, die nicht mehr in Serverhallen, sondern überall stattfinden soll: „AI Everywhere“. Das bedeutet, dass KI in industriellen Steuerungen steckt, in Fahrzeugen, Medizintechnik und Edge-Geräten. Genau in dieser zweiten Welle kann Europa Mezgers Meinung nach mit seiner industriellen Stärke punkten, etwa in der Automatisierung oder beim vernetzten Maschinenbau.

Die Investitionen von TSMC in Dresden (die Joint-Venture-Foundry ESMC) und München (Designzentrum) könnten den Startschuss für ein europäisches KI-Ökosystem bedeuten, das nicht auf 3-nm-Prozesse angewiesen ist. Anwendungen im Bereich AIoT (Artificial Intelligence of Things), HAI (hybride künstliche Intelligenz) und Edge benötigen keine High-End-Nodes, sondern robuste, spezialisierte Lösungen, und auf diesem Terrain können sich europäische Akteure wie Infineon, NXP oder Bosch gut behaupten.

Speicherzyklen: Altbekannte Muster, neue Dynamik

Die International Distributors of Electronics Association (IDEA) ist ein globaler Zusammenschluss führender Elektronikdistributoren, der sich für Transparenz, Qualitätssicherung und Marktintegrität im Elektronikhandel einsetzt.(Bild:  IDEA)
Die International Distributors of Electronics Association (IDEA) ist ein globaler Zusammenschluss führender Elektronikdistributoren, der sich für Transparenz, Qualitätssicherung und Marktintegrität im Elektronikhandel einsetzt.
(Bild: IDEA)

Trotz der derzeitigen Schwäche in den europäischen Speichermärkten lohnt sich ein Blick auf die globale Entwicklung bei DRAM und NAND. Beide Segmente zeigen klassische zyklische Verläufe, werden aber zunehmend durch neue Produktkategorien wie High Bandwidth Memory (HBM) beeinflusst.

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Im DRAM-Bereich sorgt derzeit ein Kapazitätsumbau bei großen Herstellern für Marktverschiebungen: Viele Anbieter reduzieren ihre Fertigung älterer Technologien, um Produktionskapazitäten für HBM auszubauen. Das führt kurzfristig zu Angebotsengpässen bei Standard-DRAM und treibt die Preise, ohne dass Europa davon nennenswert profitiert. Gleichzeitig bleibt HBM wegen hoher Komplexität, Yield-Verlusten und direktem OEM-Vertrieb weitgehend außerhalb des Distributionsmarkts.

Auch bei NAND bleibt das Muster vertraut: Hersteller verknappen zu Jahresbeginn künstlich das Angebot, um Preise zu stabilisieren. In der zweiten Jahreshälfte steigt die Produktion oft schneller als die reale Nachfrage, was dann zu Preisdruck führt. Eine Beteiligung am globalen Speicherboom bleibt für Europa aus, sowohl technologisch als auch strategisch. Umso wichtiger wird es, sich bei robusteren Anwendungen mit planbarem Design-In langfristig zu positionieren.

Hoffnung aus der Nische

Der europäische Halbleitermarkt steht an einem Kipppunkt. Kurzfristig sind die Zahlen schlecht, aber nicht hoffnungslos. Mittel- bis langfristig wird es darauf ankommen, die eigene Position neu zu definieren, und zwar weg vom Massenmarkt und hin zu resilienten, spezialisierten Anwendungen. Eine echte Markterholung kommt nicht über Preise, sondern über Stückzahlen. Das ist die Nische, aus der Europas Stärke erwachsen kann. (sb)

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