Die Jahre 2022 und 2023 haben die Unternehmen der Elektronikbranche mit Materialengpässen wie Lieferkettenproblemen beschäftigt. Andreas Falke, Geschäftsführer des FBDi e. V., hat im Gespräch einen Ausblick auf die Lage im Jahr 2024 gewagt – und mahnt an, dass ein beherztes „Weiter so“ nicht die Lösung für die Zukunft ist.
Alle Jahre wieder steuert die Elektronikbranche durch stürmische Gefilde - lässt sich das verhindern?
Über die Entwicklungen und die zu stemmenden Aufgaben der Elektronikbranche sprach Andreas Falke, Geschäftsführer des FBDi e. V. unter anderem Ende 2023. Das Interview finden Sie in seiner Gesamtheit nachfolgend sowie im FBDi-Dossier zu 20 Jahren FBDi – Distribution im Wandel der Zeit. Doch auch, wenn das Interview etwas älter ist, hat es nichts von seiner Richtigkeit seiner Aussagen und Denkanstöße verloren, wie Sie beim Lesen feststellen werden.
Im Interview werden drei wesentliche Themen behandelt, die aktuell die Elektronikbranche prägen; die Material- und Komponentenengpässe sowie Probleme in der Lieferkette, die Einflussfaktoren auf die Verfügbarkeit und Preise von Bauteilen und Strategien zur Sicherung der Lieferkette.
SEMINAR-TIPP VON ELEKTRONIKPRAXIS
Proaktives Materialmanagement für EMS-Unternehmen
Um eine zukunftssichere Material- und Lagerstrategie zu entwickeln, gilt es den ganzheitlichen Prozess von der Auftragsgewinnung über die Lagerhaltung bis zur Auslieferung des Fertigproduktes zu betrachten, zu verstehen und entsprechende Maßnahmen daraus abzuleiten. Das Seminar „Proaktives Materialmanagement für EMS-Unternehmen“ liefert Ihnen nicht nur einen umfassenden Einblick, sondern auch praktische Lösungsansätze für die Herausforderungen der Materialverfügbarkeit und des Lagerbestandsmanagements.
Kombination mit dem EMS-Tag Das Seminar findet am 9. Oktober 2024 im Vogel Convention Center statt. Sie haben die Möglichkeit, das Seminar mit der Teilnahme am Würzburger EMS-Tag (10. Oktober) zu verbinden. Teilnehmende des Seminars erhalten das Ticket für den EMS-Tag zum Vorteilspreis.
Supply Chain im Umbruch – im Gespräch mit Andreas Falke, Geschäftsführer FBDi e. V.
Material- und Komponentenengpässe sowie Probleme in der Lieferkette hielten Unternehmen in 2022 und 2023 auf Trab. Wie sehen Sie die generelle Situation?
Andreas Falke: Ich frage mich, ob es richtig von Engpässen zu schreiben, wenn wir auf der anderen Seite ein solch massives Wachstum in Umsatz und in Stückzahlen zu vermelden hatten?
Schauen wir uns BtB des FBDi und die Umsatzentwicklung an so müssen wir konstatieren, dass einige Bestellungen deutlich aus der Zukunft vorgezogene Bedarfe waren, die jetzt viele Läger füllen. In 2023 war der Umsatz in der Distribution und bei den OEM im 1. Halbjahr noch deutlich über dem schon sensationellen Vorjahr aber im 2. Halbjahr sehen wir deutlich wie die Umsatzentwicklung dem nachlassenden Auftragseingang Rechnung trägt. Trotz der Verlangsamung wird das Jahr auf dem Niveau des Vorjahres enden.
2024 hingegen wird nach meinem Dafürhalten den berühmten »Unterschwinger« unserer wilden Achterbahnfahrt zeigen, in dem Aufträge und Lieferungen deutlich rückläufig sind, weil viel Produktion aus dem Lagerbestand umgesetzt wird.
Für 2024 erwarte ich eine deutliche Konsolidierung – aber die »Großwetterlage« hält gegenwärtig viele Überraschungen für uns bereit. Wer weiß, welches unvorhersehbare Ereignis uns Auguren mit unseren Erwartungen mal wieder Lügen straft.
Welche Ereignisse können Ihre Erwartungen in Sachen Bauteile- und Materialverfügbarkeit denn so konterkarieren?
Selbst bei sinkender Nachfrage und zunehmender Produktionskapazität auf Herstellerseite sehen wir unkalkulierbare Einflussfaktoren, die Druck auf die Bauteilverfügbarkeit ausüben. Ressourcenprobleme werden Lieferketten immer stärker unter Druck setzen.
Zuallererst werden wir durch zusätzliche Personalprobleme auf allen Seiten Friktionen erfahren, die vom Entwickler bis zum Spediteur reichen. Weitere unkalkulierbare Einflussfaktoren werden sich auf die Verfügbarkeit auswirken und die Preise wieder treiben – und hier rede ich nicht nur von Rohstoffen sondern auch von Sanktionen, geopolitischen Spannungen und Umweltereignissen. Wir sollten uns befreien von der Idee, dass wir mit Rechenleistung, künstliche Intelligenz und Daten alles perfekt planen können, denn ganz offensichtlich entfernt sich unser kleiner Planet immer mehr vom Zustand »perfekt«.
Welche Schritte müssen Unternehmen gehen, um ihre Lieferkette abzusichern? Müssen hier komplett neue Wege eingeschlagen werden?
JA!! – Die Frage ist welche – wenn ich da die 100%-ige Antwort hätte …
Eins ist sehr deutlich: Nicht nur in der Politik – wir müssen Abhängigkeiten reduzieren. In den zurückliegenden »goldenen Jahren« wurde alles ökonomisiert und verschlankt, um durch eine optimale Kostenstruktur Preisführerschaft darstellen oder Erträge optimieren zu können.
Dieses Gedankenmodell muss sich nun einer Realität stellen, die eben nicht so Easy to Develop oder eben Easy to Produce wie Easy to Use ist. Sicherheit gewinnt an Bedeutung: ‚No Risk – no Fun‘ ist jetzt Spruch eines Hasardeurs, der wahrscheinlich mit dem Rücken zur Wand steht.
Ganz unabhängig von dem Krisenmodus, in dem wir gegenwärtig lernen zu leben, ist die Zeitenwende auch eine Neuorientierung – wer nicht mit der Zeit geht, der geht (verschwindet) jetzt eben auch schneller vom Markt. Auf einmal ist wieder transparent, dass auch eine Lieferkette nur so stark sein kann wie das schwächste Glied. Es wird notwendig über den Tellerrand zu schauen und die Arbeitsparadigmen zu verändern. Kooperation und Kommunikation werden wichtiger!
Reduce to Max, also Kernkompetenz als Prinzip mit dem Ziel, billigere Teillösungen zuzukaufen, findet ein Ende (nicht aufgrund des Lieferkettenschutzgesetzes) sondern wegen der Notwendigkeit, leistungsstarke Partner auf Augenhöhe zu haben oder eben zu entwickeln.
Warum sollten Unternehmen ihr Obsoleszenzmanagement anpassen und was sollten sie dabei berücksichtigen?
Entsprechend dem oben Gesagten muss man schon ganz vorne bei der Entwicklung ansetzen, und Verfügbarkeit von Technologie & Second Source schlägt Preis und »Over-The-Top-Performance«.
Stand: 08.12.2025
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Wir haben uns zu lange in der Geborgenheit eingerichtet, dass alles (be-)schaffbar ist; nun sehen wir ein, dass es nicht so einfach bleibt – vielleicht nie wirklich war. Schon die Pflichtenhefte sollten deutlich Verfügbarkeit, Second Source und ggfs. in kritischsten Bereichen Double Engineering vorschreiben, um Unwägbarkeiten möglichst flexibel begegnen zu können. Und – um es mal deutlich zu sagen – das Ganze nicht wegen den Problemen, die wir vorhersehen, sondern genau wegen denen, die uns heute nicht einfallen.
Wie können Distributoren dabei unterstützen?
Distribution ist in diesem komplexen Markt der Schlüssel schlechthin, um eine situative Lieferkette zu designen, die entsprechend den individuellen Anforderungen der Marktteilnehmer optimiert ist. Der sichere Zugang zu den Herstellern, den nur Distributoren mit einer Franchise haben, macht doch Logistik-Planungen und Informationsaustausch über Neuprodukte oder Specs bis hin zu Verfügbarkeiten oder Lebenszyklus erst möglich. Nur hier können die Kunden den Wert bekommen, den sie in Zukunft immer stärker brauchen.
Das erfordert aber die oben bereits erwähnte Kooperation, Kommunikation, Nähe, Verständnis und Vertrauen. Wer nur den besten Preis sucht und dann Grauimporte kauft, wird das irgendwann sehr schmerzhaft verstehen: Echten Wert bekommt man nicht umsonst. Der Slogan »Ich bin doch nicht blöd!« wird nicht umsonst von der Werbung nicht mehr gesetzt – die Antwort lautet nämlich immer öfter »Doch!«
Mit welchen Herausforderungen sieht sich die Distribution konfrontiert?
Gerade die Stärke der Distribution hat in den letzten Jahren gegen die Distribution gewirkt. Die Sicherheit ausschließlich Originalware direkt vom Hersteller zu liefern, hat dazu geführt, dass Importe vom Graumarkt über Broker ihren Markt bei den Kunden gefunden haben. Diese wunderten sich, dass ihr Distributionspartner nicht liefern konnte. Oft hat hier ein Spot-Business das Image beschädigt, das man sich mit komplexen Logistikkonzepten – die i.d.R. deutlich besser bedient werden konnten – über Jahre aufgebaut hatte. Dieser Negativwahrnehmung müssen wir entgegenwirken. Das bedeutet aber auch, dass wir unseren Mehrwert verkaufen müssen. Gegenwärtig wird noch immer zu viel Value Added Service in den Komponenten-Preis inkludiert. Das ist nicht der richtige Weg, denn: »Was nichts kostet, ist nichts wert!«
Eine Initiative hierzu ist ein Round-Table, den der FBDi beginnend Ende März als Web-Konferenz für EMS und Mitglieder des FBDi eingerichtet hat, in dem Key-Notes und Diskussionen ein besseres gegenseitiges Verständnis und klarere Sicht auf den Markt bringen soll.
Die große Herausforderung wird aber ganz sicher in der weiteren politischen, wirtschaftlichen und ökologischen Entwicklung liegen. In all diesen Bereichen spielt Elektronik eine große Rolle als Ursache und /oder Lösungsbeitrag – bange ist mir nicht um die Arbeit, sondern um das notwendige Personal, dass in allen Bereichen fehlen wird.
Welche Rolle werden Technologien wie künstliche Intelligenz in der Beschaffung von Bauteilen spielen?
Schon heute wird künstliche Intelligenz (KI) in vielen Bereichen der Produktions- und Logistikplanung eingesetzt, oft noch als zartes Pflänzchen, das aber mit seinen Wurzeln in immer mehr Bereiche hineinwächst – beschleunigt sicher durch Engpässe bei der Verfügbarkeit von Mitarbeitern. Aber Möglichkeiten und Qualität hängen von Struktur und Daten ab – hier ist der wichtige Schritt zur Digitalisierung und zur Vorbereitung für KI: Welche Sensoren habe ich, um Zustände zu erfassen und dann bearbeiten zu können?
Die Rolle der KI wird riesengroß sein, die Frage wann ist die relevantere. Hier sehe ich große Unterschiede, die nicht nur in der Innovationskraft der Distributoren begründet sind, sondern auch in der Bereitschaft der Kunden und Lieferanten Daten zu erfassen und zu teilen …
Immer mehr Unternehmen bieten auch reine Softwareprodukte an. Wie bzw. in welcher Form nehmen Distributoren dieses Segment in ihr Angebot mit auf?
Zu dieser Frage habe ich mich im Bi-Weekly – der alle zwei Wochen stattfindenden Web-Konferenz der Inhaber und Führungskräfte der FBDI Mitglieder – rückversichert, weil sie mir aus meiner Perspektive doch sehr distributionsfern schien. In der Tat sieht sich die Distribution hier mehreren entgegensteenden Aspekten konfrontiert, die eigentlich nur sehr hardwarenahe Software als Produkte zum Vertrieb über Bauelemente Distribution zulassen.
Wahrnehmung und unterschiedliche Businessmodelle bis hin zu Haftung und Vertragsthemen lassen neben der Qualifikation der Mitarbeiter hier ein stärkeres Engagement der Distribution nicht zu. Größere Player erwarben und erwerben dann eher Spezialisten, um diesen Bereich in einer komplett losgelösten Division zu bedienen. Darüber hinaus werden Regulierungen aus dem Bereich der EU-Cybersecurity-Anforderungen ein Übriges tun, der Bauelemente Distribution den Marktzugang zu erschweren.
Aber wie bereits ausgeführt – es gibt mehr als genug für Distribution zu tun!
Auf jeder Hochzeit zu tanzen mag ja Spaß machen, aber jede Braut zu heiraten verbietet der gesunde Menschenverstand und das Gesetz.
* Georg Steinberger ist seit 1987 in der Elektronikbranche tätig und hat in dieser Zeit eine beeindruckende Expertise in vielen Gebieten der Technologieentwicklung und -anwendung aufgebaut. Nach über 20 Jahren als Vice President Communications bei Avnet EMEA, einem der führenden globalen Technologiedistributoren, ist er derzeit als freier Berater tätig, unter anderem in der Distribution als Digital Supply Chain Consultant und mit eigenen Projekten in den Bereichen Nachhaltigkeit und Stadtentwicklung.