Industrie 4.0 war gestern Wie sich der Maschinenbau auf Plattformökonomie vorbereiteten sollte

Ein Gastkommentar von Michael Finkler, proALPHA 5 min Lesedauer

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Als vor einer Dekade mit dem Konzept der Industrie 4.0 nichts weniger als die vierte industrielle Revolution ausgerufen wurde, waren die Hoffnungen groß. Nach 10 Jahren fällt das Zeugnis befriedigend bis mangelhaft aus.

Michael Finkler, proALPHA: „Insbesondere vom geschäftlichen Durchbruch beim Vertrieb digitaler Lösungen im industriellen Umfeld ist bislang viel zu wenig zu sehen.“ (Bild:  © www.economy-business.de)
Michael Finkler, proALPHA: „Insbesondere vom geschäftlichen Durchbruch beim Vertrieb digitaler Lösungen im industriellen Umfeld ist bislang viel zu wenig zu sehen.“
(Bild: © www.economy-business.de)

Ein systemimmanentes Problem ist sicherlich, dass der Schwerpunkt der Digitalisierung in Europa, und damit auch in Deutschland, in den vergangenen Jahren zu sehr fabrikzentriert und weniger marktorientiert war. Das heutige Produktionsniveau ist auf dem Stand des Jahres 2011. Studien stellen sogar einen negativen Produktionseffekt fest, obwohl vielfältig in Software und Co. investiert wurde. Diese Bilanz ist deswegen auch alarmierend, weil Unternehmen aus der Industrie längst weiter sein sollten, um sich für die neuen Herausforderungen der Zukunft zu wappnen.

Während es in der Vergangenheit darum ging, die industrielle Produktion mit Informations- und Kommunikationstechnologien zu verzahnen, müssen sich insbesondere Unternehmen aus der Produktion, für die auch im B2B-Bereich anbahnende Plattformökonomie aufstellen – vor allem wenn man bedenkt, dass die Hyperscaler wie Amazon Web Services, Microsoft und Google den Aufbau von Industrie-Plattformen forcieren.

Eine Studie von McKinsey, die sich explizit auf den Maschinen- und Anlagenbau bezieht, zeigt zwar, dass die Mehrheit der Maschinen- und Anlagenbauer davon überzeugt ist, die Bedürfnisse ihrer Kunden hinsichtlich digitaler Plattformen zu kennen und zu erfüllen. Dennoch haben erst rund die Hälfte der analysierten Unternehmen Erfahrungen mit der Entwicklung von Mehrwertdiensten gesammelt – und noch weniger mit Entwicklungen rund um digitale Plattformen.

Die strategische Relevanz digitaler Plattformen und Mehrwertdienste wird von vielen Maschinen- und Anlagenbauern bisher als gering angesehen. Ein Großteil der Unternehmen nutzt zwar digitale Angebote, um sich die Wettbewerbsfähigkeit zu sichern, allerdings ohne Monetarisierung. Nur knapp die Hälfte bietet laut der Studie digitale Lösungen an, die eng mit dem Produktportfolio zusammenhängen und auch verkauft werden. Produktunabhängige digitale Lösungen und Betreibermodelle wie „Pay per Use“ nehmen hingegen jetzt als auch zukünftig einen nachrangigen Platz ein.

Anforderungen für die Industrie an digitale Plattformen

Besonders im Maschinen- und Anlagenbau ist es nun wichtig, dass die Unternehmen ein klares Verständnis für die unterschiedlichen Bedürfnisse ihrer jeweiligen Endkundenindustrien entwickeln. Was erwarten Endkunden von digitalen Plattformen und Mehrwertdiensten? Wo setzen sie ihre Prioritäten?

Mit Blick auf die McKinsey-Studie lässt sich sagen, dass sich Endkunden offene, leicht integrierbare Plattformen wünschen, bei denen klare Industriestandards beziehungsweise Schnittstellen wie zum Beispiel Open Platform Communications Unified Architecture (OPC UA) genutzt werden. Großes Augenmerkmal sollten Unternehmen auf die Verfügbarkeit von Echtzeitdaten, Performance und Sicherheitsstandards legen.

Auch ein offener Zugang und hohe Kompatibilität sind für Endkunden wichtige Faktoren, um Plattformen in bereits bestehende digitale Ökosysteme integrieren zu können. Mittlere Priorität haben hingegen Kriterien wie Kundenfreundlichkeit, Skalierbarkeit sowie ein unmittelbarer Return on Investment (ROI). Aus Endkundensicht sind digitale Plattformen primär ein „Enabler“ für (Analytics-)Applikationen sowie Mehrwertdienste und bieten für sich allein genommen noch keinen messbaren Mehrwert im operativen Betrieb.

Bei Mehrwertdiensten sollte stets der Nutzen im Vordergrund stehen. Denn Endkunden erwarten neben Kosteneffizienz und Benutzerfreundlichkeit vor allem, dass sich durch die angebotenen Dienste Verbesserungen klar quantifizieren lassen. Auswirkungen auf finanzielle Kennzahlen und Erfolgsfaktoren wie Wartungs- und Instandhaltungskosten sowie die Lösung von Problemen sind essenziell, damit Endkunden einen Mehrwert erkennen und bereit sind, in die Dienste zu investieren. Insbesondere Remote Monitoring, globales Remote Service oder Remote-Inbetriebnahmen bieten hier große Chancen, wie die McKinsey-Studie anmerkt.

Handlungsempfehlungen für Maschinen und Anlagenbauer

Um den Rückstand in der Digitalisierung aufzuholen und den Bedürfnissen der Endkunden gerecht werden zu können, stehen Unternehmen also vor der großen Aufgabe, sich nicht nur mit Digitalisierungsinitiativen in der Fabrikhalle oder im Büronetzwerk auseinandersetzen, sondern intensiv mit digitalen Geschäftsoptionen und werttreibenden Services zu beschäftigen. Für Unternehmensentscheider empfiehlt sich hierfür ein dreistufiger Ansatz:

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1. Definition des Marktsegments: Es gilt, den Markt nach anwendungsspezifischen Charakteristika wie der Unternehmensgröße der Kunden, IT-Affinität, digitalem Reifegrad der Kunden sowie deren Prozess-Know-how zu segmentieren.
2. Aufzeigen des Mehrwerts für den Kunden: Der Segmentierung folgt eine ausführliche Betrachtung und Definition des Mehrwerts aus Kundensicht.
3. Festlegen des eigenen Geschäftsmodells: Zuletzt muss das bestmögliche Geschäftsmodell zielgruppenspezifisch festgelegt werden, dessen Alleinstellungsmerkmal gegenüber Wettbewerbern klar definiert und der technologische Vorsprung sowie die Risiken des neuen Geschäftsmodells umfassend bewertet werden.

Auch die Frage, ob sich die Entwicklung einer eigenen Plattform lohnt, ist im Endeffekt von der jeweiligen Endkundenindustrie abhängig. Das wird auch in einer McKinsey-Studie [3] deutlich: Bei Endkundenindustrien mit großen Endkunden wie der Automobilindustrie haben Technologie-Player häufig schon die Plattformstandards der Zukunft gesetzt und es wären verlorene Ressourcen, hier noch mitspielen zu wollen. Stattdessen empfiehlt es sich, die Kompatibilität mit bestehenden Plattformen zu maximieren. Sind die Endkundenindustrien allerdings von kleineren Endkunden geprägt und noch frei von einem Plattformstandard, so kann es eine durchaus lohnende Strategie sein, Kooperationen mit Marktteilnehmen wie etwa Wettbewerbern einzugehen und gemeinsam eine industriespezifische Plattform zu entwickeln.

Gute Beispiele: Wie Maschinen- und Anlagenbauer weiteres Geschäft generieren können.(Bild:  proALPHA)
Gute Beispiele: Wie Maschinen- und Anlagenbauer weiteres Geschäft generieren können.
(Bild: proALPHA)

Entscheidend bei der Entwicklung einer übergreifenden Digitalstrategie sind allerdings auch die Basics, also, dass das IT- und organisationsspezifische Fundament auf einem soliden Stand ist. Egal ob IT-, ERP-, MES-, Finanzbuchhaltungs- oder Planungs-Systeme – sie alle müssen in einen ordentlichen Zustand gebracht werden, also möglichst aktualisiert sein. Hierzu bieten sich breit aufgestellte ERP+ Lösungen, wie die von proALPHA [4], an. Nur dann können Unternehmen die Prozesse in der eigenen Organisation optimieren und auch (so banal das klingt) entsprechend an den Daten arbeiten – diese also für die eigenen Geschäfte verwertbar machen.

Die digitale Transformation muss in den Köpfen der Entscheider stattfinden

Die Digitalisierung der Industrie hat ohne überzeugende Geschäftsmodelle einen schwierigen Weg vor sich. Entscheidend ist nicht mehr nur, wer Maschinen und Anlagen mit der größtmöglichen technischen Finesse bauen und seine Automatisierungsprozesse in der Fabrikhalle optimieren kann, sondern wie Unternehmen sich so positionieren, dass sie einen größtmöglichen Mehrwert für Kunden generieren und monetarisieren. Es muss also ein „Umdenken“ – das von der Unternehmensspitze getrieben wird – stattfinden. (jw)

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