Leaders in Electronics Wie Rutronik seine Lieferketten neu denkt

Das Gespräch führte Maria Beyer-Fistrich 15 min Lesedauer

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„Wir müssen uns auf neue Realitäten einstellen“: Thomas Rudel über die Herausforderungen globaler Lieferketten und strategische Zukunftspläne

Thomas Rudel, Geschäftsführer der Rutronik Elektronische Bauelemente GmbH, in einem Lager der Firma.(Bild:  picture alliance/dpa)
Thomas Rudel, Geschäftsführer der Rutronik Elektronische Bauelemente GmbH, in einem Lager der Firma.
(Bild: picture alliance/dpa)

Geopolitische Spannungen, insbesondere zwischen den USA und China, sowie anhaltende Krisen wie der Ukraine-Krieg stellen die Elektronikbranche vor immense Herausforderungen. Im Interview spricht Thomas Rudel, Geschäftsführer von Rutronik, über die Notwendigkeit, Bezugsquellen zu diversifizieren, den zunehmenden Druck auf mittelständische Unternehmen und wie sich der Distributor durch Digitalisierung und eine Regionalisierungsstrategie auf die Zukunft vorbereitet.

ELEKTRONIKPRAXIS: Wie beeinflussen die derzeitigen geopolitischen Spannungen, vor allem zwischen den USA und China, Ihre Lieferketten bei Rutronik? Glauben Sie, dass eine Neustrukturierung oder Diversifizierung Ihrer Bezugsquellen notwendig ist?

Thomas Rudel: Also wenn man bedenkt, dass etwa 85 Prozent des Bauteilemarktes oder 80 Prozent des Halbleitermarktes heutzutage in amerikanischer Hand sind, dann ist das etwas, das man mal überprüfen kann.

Etwa 85 Prozent des Bauteilemarktes und 80 Prozent des Halbleitermarktes von Distributoren sind heutzutage in amerikanischer Hand. Wir beobachten also heute schon, dass die Bauteileindustrie stark von Amerika beeinflusst wird, und das wird sicherlich auch ausgenutzt. Das haben wir gesehen bei der ganzen Thematik, als Amerika gesagt hat: "Wir liefern keine Bauteile mehr nach China." Was daraus resultierte, war die Reaktion der BRICS-Staaten, die sagten: "Leute, passt mal auf. Wir müssen dagegen etwas schaffen, weil, wenn wir von ausländischen Bauteilen abhängig sind, dann ist unsere Industrie abhängig und wird möglicherweise von Kräften beeinflusst, die wir nicht kontrollieren können." Und hinzu kommt eine große Komplexität: Die Welt hat sich verändert. Wir haben gesehen, was passiert, wenn ein Schiff im Suezkanal strandet – welche Auswirkungen das hat.

Und wenn Sie sich die Lieferketten anschauen, wie schnell sie beeinflusst werden können – allein, wenn bei uns in Europa die Zinsen auf 7 Prozent steigen, was wir alle erlebt haben, von der Nullzinspolitik ausgehend. Kleinere mittelständische Unternehmen, die unter solchen Zinslasten leiden, reduzieren dann sofort ihre Lagerbestände: Das bedeutet, sie brauchen Kapital und rutschen in ein anderes Rating der Kreditversicherungen. Auch das Rating der Industrie kann sich von einem auf den anderen Tag ändern. Wir leben heutzutage in einer sehr nervösen Zeit – geopolitisch gesehen. Und dann das nächste Thema: der Krieg in der Ukraine. Das hat natürlich auch alles gewaltig beeinflusst, besonders den Mittelstand. Niemand wusste, wo wir heute stehen oder wie weit sich das noch ausbreiten könnte. Es ist noch lange nicht vorbei, sondern die Situation wird immer komplexer und schwieriger. Dann haben Sie das Thema Taiwan, als eines der wichtigsten Länder für Halbleiterproduktion. China spielt da mit seinen Muskeln und sagt: "Wenn wir nicht anständig beliefert werden, dann gibt es Probleme." In den letzten 40 Jahren hatten wir nie eine solch fragile Situation, in der es überall brennt.

Kann man sagen, das ist dann zu komplex geworden, um sich eigentlich darauf einzustellen?

Nein, wir stellen uns schon darauf ein. Wir haben uns sehr gut darauf eingestellt. Natürlich mussten einige Sparmaßnahmen ergriffen werden, aber unsere Industrie funktioniert momentan nicht so, wie man es sich vorstellt. Es gibt Auswirkungen, und wir versuchen, einen zweiten Lösungsweg aufzubauen. Was mache ich, wenn etwas passiert? Zum Beispiel, wenn morgen China Taiwan angreifen würde, dann hätte ich doch ein Problem mit der gesamten Lieferkette. Das haben wir bereits im Zusammenhang mit der Corona-Pandemie gesehen, die sich hinterher als weniger dramatisch herausgestellt hat als zunächst angenommen. Aber im ersten Moment dachte ich: Mensch, was passiert, wenn das wirklich eine Pandemie ist, so wie man es in Science-Fiction-Filmen sieht, und morgen sind vieler meiner Kunden nicht mehr existent?

Wir haben in den letzten vier bis fünf Jahren schon einiges durchgemacht. Und dann haben wir noch eine Bundesregierung, die heutzutage vor allem darauf aus ist, Top-Storys zu liefern, wie zum Beispiel der Aufbau von Halbleiter- oder E-Mobilitätsproduktionsstandorte im Osten Deutschlands durch große, namhafte Unternehmen – und wir wissen ganz genau, dass da weniger als versprochen herauskommen wird.

Oder Nachhaltigkeit wird als Thema vorangetrieben, aber für die Industrie in Deutschland, insbesondere für den Mittelstand, ist kein Geld da.

(Bild:  Rutronik)
(Bild: Rutronik)

Wie schätzen Sie die aktuelle politische Situation in Europa ein und welche Auswirkungen hat sie auf die Elektronikbranche? Welche politischen Maßnahmen wären Ihrer Meinung nach notwendig, um die Wettbewerbsfähigkeit europäischer Unternehmen zu stärken?

Das ist die größte Katastrophe aller Zeiten, die wir bisher erlebt haben. Für uns Unternehmer wird es immer schwieriger, alles zu managen. Vom Beginn der Lieferkette bis hin zum kleinsten Detail. Die Finanzämter werden immer strenger, und Unternehmen müssen immer mehr Auflagen erfüllen. Wir werden als Unternehmer mit immer mehr Bürokratie überhäuft, was ich alles reporten muss. Dann wird das ganze Thema wieder zurückgezogen, und wir müssen wieder von vorne anfangen. Wir sind heutzutage von der Administration und der ganzen Bürokratie extrem belastet in Europa. Das ist in Amerika nicht so. Wenn ich mir die Ausschüsse in den USA anschaue, zum Beispiel für Halbleiter, da sitzen kompetente Leute aus großen Unternehmen drin. Und bei uns in der EU – im Ausschuss für elektronische Bauelemente – sitzen Leute, die kaum Branchen- und Fachwissen zur Elektrotechnik und den dazugehörigen Märkten mitbringen. Das zeigt für mich den Unterschied in der Kompetenz beim wohlbedachten Zusammenstellen von Ausschüssen in Amerika im Vergleich zu Europa.

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Welche Maßnahmen wären denn nötig Ihrer Meinung nach?

Dass man Politiker an Posten setzt, die die entsprechende Ausbildung für die Aufgaben haben, die sie ausüben sollen. Man kann nicht jemanden, der keine Schulausbildung hat, morgen zum Herzchirurgen machen. Sonst hätte man nicht studiert, um bestimmte Berufe ausüben zu können. Ein gewisses Grundwissen gehört dazu. Wie bereits angedeutet sind wir außerdem überreguliert.

Welche strategischen Ziele haben Sie für Rutronik in den nächsten fünf bis zehn Jahren? Gibt es Pläne, in neue Märkte oder Produktbereiche zu expandieren?

Die strategischen Ziele hängen erst einmal von der politischen Umgebung ab. Ja, und wie sich das ganze Desaster in der Ukraine und im MIttleren Osten entwickelt – das ist auch ein wichtiges Thema, das alles beeinflusst. Und wer der nächste Präsident der Vereinigten Staaten wird, das ist sicherlich auch ein Thema. Wie das Ganze beeinflusst wird – für uns ist es auch ganz wichtig in Deutschland, wie ich schon vorhin gesagt habe: Werden wir wieder vernünftige Rahmenbedingungen haben – ja oder nein? Für Rutronik gesprochen – wir werden weiterhin weltweit expandieren mit einem Fokus auf Amerika und Asien. Ja, wir haben heute schon angefangen, uns im Zuge unserer Regionalisierungsstrategie zu dezentralisieren auf Regionen in Europa, Nordamerika und China sowie Südostasien.

Und was die Arbeitskräfte betrifft: Wir suchen uns Arbeitskräfte dort, wo wir sie finden können. In Ländern wie Litauen oder auch Singapur haben wir daher zum Beispiel Entwicklungsteams.

Auch die Märkte wachsen schneller, und so müssen wir auch unsere Zukunftsmärkte entwickeln. Das heißt nicht, dass Europa nicht weiterhin interessant ist – besonders Osteuropa ist ein wichtiger Markt. Fakt ist, dass Europa weltweit einen Anteil von 33 Prozent an elektronischen Bauelementen hatte, welcher auf acht Prozent geschrumpft ist. Da muss man sich Gedanken machen, wohin das unsere Industrie führt.

In Europa haben wir daher noch eine stärkere Fokussierung auf Technologie und spezifische Märkte. In Frankreich sehen wir beispielsweise einen starken Fokus auf Automotive und Luft- und Raumfahrttechnik, während in Südeuropa ein größerer Anteil auf die Bereiche Energie und Industrie entfällt. Deshalb sind die technologischen Ausrichtungen in den Regionen unterschiedlich. Aber alles, was wir tun, ist Teil der Rutronik-Strategie, uns stärker im Hightech-Bereich zu positionieren. Wir wollen standortübergreifend weiterhin neutral in der Distribution bleiben, aber auch Lösungen anbieten, die technologisch komplex sind und dem Kunden helfen, sich in seinem Markt zu behaupten.

Welche Auswirkungen hat die Digitalisierung auf Ihre Geschäftsprozesse? Welche Rolle spielt Industrie 4.0 in Ihrer Logistik und im Vertrieb?

Alles läuft in der Zukunft über Daten, und das wird immer wichtiger. Die Vorteile der Digitalisierung zu nutzen, bedeutet auch, dass, wenn ich keine Mitarbeiter auf dem Markt finde, ich diese Lücke durch Prozesssteuerung und Digitalisierung schließen kann. Wir als Unternehmen sind im Bereich Digitalisierung sehr, sehr gut aufgestellt und arbeiten mit den neuesten Systemen. Wir haben heute sogar eine Cyber-Versicherung. Eine solche Versicherung bekommen Sie nur, wenn Sie bestimmte Versicherungsauflagen erfüllen. Das ist vor allem auch ein wichtiges Thema für unsere Kunden. Sie müssen sich mal überlegen: Wer hat heute überhaupt eine Cyber-Versicherung als Lieferant? Denn wenn morgen ein Hackerangriff stattfindet, hat unser Kunde ein Problem. Wir bei Rutronik wissen, dass Digitalisierung eine Benchmark ist in allem, was wir tun. Wir beschäftigen uns heute auch schon sehr stark mit Künstlicher Intelligenz (KI), um unsere Prozesse zu optimieren. Wir entwickeln Lösungen für uns selbst, von welchen wir in Zukunft auch unseren Kunden teilhaben lassen möchten. Ganz aktuell kann ich berichten, dass wir mit dem KI-Spezialisten collective mind aus Leonberg bei Stuttgart zusammenarbeiten und in das Unternehmen investiert haben. Wir vereinen dabei unsere Kompetenzen in der Bauteildistribution mit der Softwareexpertise von collective mind in Bereichen wie der KI-basierten Bildverarbeitung.

Ein weiteres Beispiel: Die Digitalisierung optimiert manuelle Bestellprozesse, die früher mühsam waren. Automatisierung und Digitalisierung ermöglichen es, effizienter zu disponieren und Einsparpotenziale zu realisieren. Ein Beispiel dafür ist die verbesserte Lagerverwaltung, die durch digitale Prozesse optimiert wird. Heute, wo der Markt so stark von Digitalisierung geprägt ist, kommen wir um dieses Thema gar nicht herum. Es ist entscheidend für den Erfolg.

Wie sieht denn so eine Anwendung von KI aus?

Darüber kann ich jetzt nicht im Detail sprechen, aber es läuft darauf hinaus, dass Prozesse automatisiert werden. Man arbeitet miteinander papierlos, weil das manuelle Eingeben von Daten einfach zu teuer wäre. Unsere Kunden haben verschiedene Geschäftsprozesse, die ein Distributor und auch ein Kunde hat – sei es Einkauf, Disposition, Lagerhaltung oder Bestellwesen. Diese Prozesse werden wir in Zukunft mit unseren zunehmend KI-basierten Lösungen optimieren, sodass unsere Kunden sich das Leben etwas leichter machen können. Die großen Herausforderungen, die wir heute in der Supply Chain haben, sind im Prinzip hausgemacht, und mit unseren Lösungen möchten wir diese verbessern.

Weil man den Mangel nicht kommen sieht?

Nein, das liegt für mich in der Natur der Sache. Das Fertigungsunternehmen konzentriert sich auf die Fertigung. Da ist Software eigentlich eine Nebensächlichkeit. Die Kompetenz in diesem Bereich kauft man dazu. Es war damals genauso mit dem EDI-Prozess. Kein Kunde wollte das am Anfang machen, weil sie gesagt haben: „Ich bin froh, wenn mein SAP-System läuft. Das ist schon gut genug für mich.“ Aber wir haben die Kunden dann überzeugen können und hatten damals eigene Berater, die bei den Kunden teilweise die EDI-Systeme mit implementiert haben. Dasselbe Prinzip ist jetzt angedacht: Den Kunden über intelligente Lösungen dabei zu helfen, ihr Bestellverhalten – zumindest bei den Commodities, also den Standardwaren, die nicht den höchsten Wert haben, aber bei deren Fehlen es große Probleme geben kann – zu optimieren. Das macht dann auch unser Leben leichter und im Endeffekt auch das Leben der Hersteller.

Als global agierendes Unternehmen: Wie gelingt es Ihnen, die Bedürfnisse lokaler Märkte zu erfüllen, während Sie gleichzeitig von den Vorteilen der Globalisierung profitieren?

Das ist ein ziemlich umfassendes Thema. Jeder lokale Markt – jeder Distributionsmarkt – Italien, Frankreich, England, Deutschland – hat unterschiedliche Bedürfnisse. Das machen wir schon lange. Das ist unser Geschäft. Ein Distributor ist dazu da, sich auf die Bedürfnisse seiner Kunden und auch seiner Lieferanten einzustellen. Diese Bedürfnisse variieren je nach Branche und Markt. Deshalb gibt es uns auch heute noch. Die Flexibilität eines Distributors besteht darin, für jeden Kunden die richtige Lösung zu finden. Das geht bis hin zur Applikationsebene, wo wir für jede Anwendung im Prinzip eine passende Lösung bieten. Wenn ein Kunde in der Entwicklungsphase ist, sorgen wir dafür, dass er die notwendige Unterstützung erhält. Deshalb haben wir Applikationsingenieure, die den technischen Support direkt leisten.

Ein Distributor ist heute nicht mehr nur jemand, der Bauteile „schiebt“. Es gibt gewisse Distributoren, die das in Übersee machen und Container wie Commodities verschieben. Aber heute ist ein Distributor vielmehr ein Lösungsanbieter für seine Kunden, der sich intensiv Gedanken macht, was der Kunde braucht. Deshalb haben wir auch Produktmarketing-Teams, die auf spezielle Produkte und Applikationen spezialisiert sind. Wir haben mit unseren Field Application Engineers (FAEs) Fachexperten, die für die Entwicklung der jeweiligen Lösung zuständig sind, und das für alle Bereiche der Elektroindustrie. Zudem greifen wir auf das Fachwissen unserer Hersteller zurück, die uns die notwendige Unterstützung und Ressourcen zur Verfügung stellen. So bekommt der Kunde eine umfassende Betreuung, um seine Applikation erfolgreich zu entwickeln.

Welche Ratschläge würden Sie jungen Menschen geben, die eine Karriere in der Elektronikbranche anstreben? Welche Fähigkeiten und Qualifikationen sind entscheidend für den Erfolg in diesem Bereich?

Ich kann nur eines sagen: Der Elektroingenieur ist heutzutage eine aussterbende Spezies, weil sich viele auf BWL-Studiengänge stürzen. Dabei bietet die Elektrotechnik eine riesige Chance, hier mehr Geld zu verdienen als in anderen Branchen – vorausgesetzt, man verfügt über die notwendigen Fähigkeiten. Das ist ein wichtiger Punkt. Zweitens ist die elektrotechnische Branche eigentlich die Branche der Zukunft, weil die Produkte, die in zwei oder drei Jahren auf den Markt kommen, heute schon entwickelt werden. Also gibt es heute schon die Technologien, die benötigt werden, um die Endprodukte der Zukunft herzustellen. Und ich meine, das ist doch eine interessante Sache. Ich möchte für die Zukunft arbeiten und nicht für die Vergangenheit.

Der Elektroingenieur ist eine aussterbende Spezies heutzutage, weil sich viele auf BWL-Studiengänge stürzen.

Thomas Rudel

Welche Fähigkeiten und Qualifikationen waren entscheidend für Ihren Erfolg – für Sie persönlich?

Der persönliche Erfolg ist nie allein erreicht, sondern er kommt aus dem gesamten Team. Ich hatte das Glück, dass mein Vater in diese Branche eingestiegen ist. Es ist vielleicht interessant für Sie zu wissen: Ich bin die zweite Generation in einer Branche, die noch sehr jung ist. Und jetzt kommt die dritte Generation. Die Branche war am Anfang sehr hart umkämpft und in den letzten Jahren von Konsolidierungen geprägt. Wir sind so groß geworden, weil wir ein großartiges Team hatten und sauber gewirtschaftet haben.

Das Geschäftsmodell „alles aus einer Hand“ haben wir über die letzten Jahrzehnte erfolgreich umgesetzt. Unsere Wettbewerber machen es anders, aber jeder große Distributor hat seine eigenen Stärken und Schwächen. Ein weiterer wichtiger Aspekt ist unsere Mitarbeiterbindung. Wenn jemand fünf Jahre bei uns ist, bleibt er meistens bis zum Lebensende, außer es gibt persönliche Veränderungen wie einen Umzug oder eine neue Partnerschaft. Die meisten Mitarbeiter fühlen sich bei uns wohl. Wir führen Statistiken darüber, und wir belügen uns nicht selbst. Wenn ein Mitarbeiter über 20 Jahre bei uns ist — selbst der Hausmeister, hat er vielleicht nach vielen Jahren ein Gehalt erreicht, das ich damals als studierter Neueinsteiger in der Firma hatte. Das muss eine Firma erst einmal leisten können. Der Erfolg der ganzen Firma kommt eigentlich nur vom motivierten und kompetenten Personal. Wir tun auch unseren Teil dazu, indem wir unsere Strategie festlegen, aber ohne gute Leute ist man nichts. Das ist das ganze Spiel dabei.

Was treibt Sie persönlich an, und wie schaffen Sie es, Ihre Visionen und Ideen innerhalb eines großen Unternehmens wie Rutronik zu verwirklichen? Welche Werte sind Ihnen in Ihrer Rolle als CEO besonders wichtig?

Was mich persönlich antreibt? Erstens die Marktlage. Es ist nicht so, dass wir sagen können: "Wir nehmen uns jetzt mal ein Jahr Auszeit." In den letzten Jahren oder Jahrzehnten war jedes Jahr anders. Wir mussten uns immer neuen Herausforderungen stellen, und das haben wir gut gemeistert – das haben auch unsere Wettbewerber gemacht. Die Branche ist nicht einfach. Jeder denkt, es geht nur um ein bisschen Handel, aber man muss immer technisch auf dem neuesten Stand sein. Man kann nie stehen bleiben.

Früher waren wir erstmal ein deutsches Unternehmen. Dann verlangten unsere Hersteller, dass wir europäisch werden. Das war nicht einfach, besonders angesichts der unterschiedlichen Kulturen in Europa. Die Kommunikation ist heute ein riesiges Thema. Dann mussten wir weltweit tätig werden, obwohl das nie so geplant war. Wir hatten immer große Aufgaben zu bewältigen, und das haben wir geschafft. Jetzt beginnt ein neues Zeitalter: die Digitalisierung. Ich finde das unheimlich spannend und bedaure, dass ich schon so alt bin, weil ich das gerne noch intensiv miterleben würde. Es ist faszinierend zu sehen, wie man durch Digitalisierung und KI noch effizienter und produktiver werden kann.

Wenn ich daran denke, wie die Technologie sich entwickelt hat, seit ich angefangen habe – von den ersten Computern bis hin zu modernen Systemen. Als ich mit dem Studium anfing, kam gerade der erste Macintosh heraus. Ein Handy hat heute eine Leistung, die vor 20 Jahren noch undenkbar war. Das zeigt, wie schnell sich die Welt verändert.

Ein Taschenrechner war schon eine kleine Revolution. Wir haben damals noch mit dem Rechenschieber gearbeitet. Was ich aber wirklich wichtig finde, ist, dass wir damals noch Kopfrechnen lernen mussten. Das war ein Vorteil, weil wir in der Schule saßen und selbst kreativ sein mussten, um Probleme zu lösen. Heute nimmt uns die Technologie viel Denkarbeit ab. Wenn ich heute einen Aufsatz schreiben oder etwas entwickeln muss, kann ich einer KI drei Worte geben, und sie erledigt den Rest. Ich habe Angst, dass der Mensch dadurch seine Fähigkeiten und seine Kreativität verliert.

Jeder Fortschritt war schon immer auch getrieben von Faulheit.

Thomas Rudel

Der Mensch geht wahrscheinlich oft den Weg des geringsten Widerstands. Heute hat man das ganze Wissen der Welt in der Tasche, und trotzdem scheinen die Leute immer weniger eigenständig zu denken.

Ja, und die Leute verlieren dadurch leicht ihre Kreativität. Jeder Fortschritt war schon immer auch getrieben von Faulheit. Wenn man an den Taschenrechner denkt – die Faulheit treibt den Fortschritt an.

Wie stellt Rutronik sicher, dass es im zunehmend intensiveren Wettbewerb der Elektronikbranche weiterhin innovativ bleibt? Gibt es spezielle Initiativen oder Programme zur Förderung von Innovationen innerhalb des Unternehmens?

Wie wir das sicherstellen? Wir haben das nun schon seit über 50 Jahren sichergestellt. Wir sind der Meinung, dass unsere Kreativität und Anpassungsfähigkeit der Grund sind, warum wir als einer der wenigen europäischen Distributoren noch am Markt sind. Wenn wir nicht kreativ gewesen wären, wären wir heute nicht mehr da. Wir arbeiten im Mittelstand unter harten Bedingungen – steuerlich und politisch – im Vergleich zu anderen Distributoren weltweit. Da müssen Sie kreativ sein, um zu überleben.

Wir arbeiten im Mittelstand unter harten Bedingungen – steuerlich und politisch – im Vergleich zu anderen Distributoren weltweit. Da müssen Sie kreativ sein.

Thomas Rudel

Wie haben sich die Anforderungen und Erwartungen Ihrer Kunden in den letzten Jahren verändert? Wie reagiert Rutronik auf diese Veränderungen, um weiterhin ein zuverlässiger Partner zu bleiben?

Die Anforderungen – das Geschäft – ist im Grunde sehr alt. Es war schon immer dasselbe. Sie müssen heutzutage die richtigen Produkte haben und die Bedürfnisse der Kunden erfüllen, sei es durch Logistik, technische Unterstützung oder die passenden Produkte. Dafür brauchen Sie auch die richtigen Hersteller. Das Distributionsgeschäft war schon immer aufwändig. Wir verkaufen keine Bauteile – wir bieten eine komplette Dienstleistung an, von der Entwicklung bis zum fertigen Entwicklungstool. (mbf)

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