Gastkommentar Wie Laternenparken die Elektromobilität voranbringen kann

Redakteur: Peter Koller

Elektromobilität bietet die Chance, die individuelle Massenmobilität auf eine energieeffiziente und klimafreundliche Grundlage zu stellen – wenn die Frage der „Betankung“ intelligent gelöst wird. Davon ist Andreas Pretschner überzeugt, Professor am Institut für Prozessautomation und Eingebettete Systeme an der HTWK Leipzig.

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Professor Andreas Pretschner
Professor Andreas Pretschner
(HTWK Leipzig)

Das ist nicht nur ein Thema in Deutschland, sondern weltweit; viele Schwellenländer holen bei der individuellen Mobilität gerade erst noch auf. Dank der politischen Unterstützung sowie der technologischen Vorreiterrolle bei erneuerbaren Energien bietet sich hier für Deutschland die besondere Chance, zu einem Leitanbieter und Leitmarkt für Elektromobilität zu werden.

Die internationalen Autoshows in Las Vegas oder Detroit zeigen eindrucksvoll den Wandel der heutigen Fahrzeuge hin zur Integration elektronischer und informationstechnologischer Komponenten (Embedded Systems). Im Falle der Elektromobile kommen die Aufgaben der sicheren, zuverlässigen und kostenoptimierten elektrischen „Betankung“, gerade wegen der momentan geringeren Reichweite, hinzu. Dies betrifft auch Hybridfahrzeuge mit teilweise elektrischem Antrieb. Zwar führt die Entwicklung von neuen Batterietechnologien zu einer stetig steigenden Speicherkapazität bei gleichzeitiger Gewichtsabnahme, und schon heute können Elektrofahrzeuge mit Reichweiten von 500 km produziert werden. Aber letztlich braucht es ein völlig neues Netz von neuartigen „Tankstellen“, und davon zahlenmäßig etwa so viele wie Elektroautos. Heute sind in Deutschland bereits über 2.200 öffentlich zugängliche Ladepunkte – für über 4.500 Elektrofahrzeuge verfügbar. Wir müssen hier also deutlich aufholen, vor allem wenn die Zahl der Elektroautos stark steigen soll.

Im öffentlichen Raum stellt sich die Aufgabe, eine kostengünstige und hochverfügbare Ladeinfrastruktur zur Verfügung zu stellen. Der Neuaufbau eines komplett neuen „Tankstellennetzes“ wäre – zumal bei diversen technischen Risiken – unbezahlbar. Ein vielversprechender Ansatz ist daher die Nutzung der vorhandenen kommunalen Infrastruktur, zum Beispiel von Laternen und Masten im urbanen Raum. Diese Idee wird als „Laternenparken“ bezeichnet. Dabei soll das kommunale Beleuchtungsnetz zum Laden von Elektroautos genutzt werden – obwohl es elektrisch für diesen Anwendungsfall in der Regel nicht ausgelegt wurde. „Laternenparken“ wird hier nicht zwangsläufig als der Energiebezug aus diesem dedizierten Netz verstanden. Es wird vielmehr der Standort und die Integration des Ladesystems in die bestehende Stadtinfrastruktur betrachtet.

In einigen Städten (u.a Berlin) sind die technischen Voraussetzungen in vielen Stadtteilen nahezu ideal: jede Straße verfügt gesondert über einen Niederspannungsnetzanschluss, so dass bereits Laternenladesysteme zum Einsatz kommen.

Für viele andere Städte heißt es aber: entweder das Beleuchtungsnetz ausbauen, vorhandene Reserven ausreizen oder neue Anschlüsse an das Verteilnetz legen. Eine allgemeingültige Lösung dieser Problematik gibt es nicht, es müssen viele lokale Einflussfaktoren verglichen werden. Die Machbarkeit und Wirtschaftlichkeit wird letztlich über die konkrete Lösung entscheiden. Momentan arbeiten wir mit den Stadtwerken Leipzig im Projekt „Schaufenster Elektromobilität“ an einer spezifischen Lösung für das vorhandene kommunale Netz der Stadt Leipzig.

Das Ziel ist die prototypische Realisierung des elektrischen Ladeprozesses auf der elektrischen sowie der informationstechnischen Ebene, auch unter dem Aspekt der Nachnutzbarkeit. Die Entwicklung von Teilkomponenten der elektrischen Infrastruktur schreitet stetig voran. Ab dem Lademodul, also vom Netzanschluss bis zum Fahrzeug, ist kaum noch mit Problemen zu rechnen: ob Netzschutz, Steckverbindung oder Gehäuseaufbau, für vieles bestehen Normen bzw. werden zurzeit Normen erarbeitet. Ein Beispiel ist der Typ2-Stecker („Menneckes-Stecker“), welcher sich als gemeinsame Norm in Europa etabliert hat. Für die informationstechnische Integration des Ladevorganges in Abrechnungssysteme sowie die Auswirkungen und Berücksichtigung elektrischer Lasten im System müssen weitere Untersuchungen und Standardisierungen noch erfolgen.

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