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EP: Die Ethik-Kommission befindet, dass Dilemma-Situationen eigentlich aus ethischer Sicht nicht lösbar sind. Müsste das nicht der Knock-Out für hochautomatisierte Systeme sein und wenn sich selbst eine Ethik-Kommission nicht einigen kann, wer soll dann die Rahmenbedingungen kreieren?
Wolfgang Schmid, AUDI-Experte für Regierungsbeziehungen:Es liegt in der Natur einer Dilemma-Situation, dass sie nicht lösbar ist. Die Frage lautet daher: Wie gehen wir damit um, dass eine Dilemma-Situation eintreten kann? Technisch geht es hier darum, wie das automatisiert fahrende Auto in einer unvermeidbaren Schadenssituation reagieren soll. Diese Frage hat sich bisher nicht gestellt, weil menschliche Fahrer in einer solchen Situation im Affekt handeln. Aus gesellschaftlicher Perspektive müssen wir definieren, wie wir dem Restrisiko begegnen, das das automatisierte Fahren wie andere Technologien mit sich bringt.
Beide Fragen können wir als Automobilhersteller nicht alleine beantworten. Politik, Wirtschaft, Wissenschaft und Gesellschaft müssen zusammenspielen. Daher begrüßen wir die Untersuchungen der Ethik-Kommission des Bundesverkehrsministeriums und haben selbst die beyond Initiative ins Leben gerufen. Im Rahmen der Initiative haben wir ein interdisziplinäres Netzwerk mit Experten aus Wissenschaft und Wirtschaft aufgebaut und treiben den Diskurs zu ethischen, rechtlichen und gesellschaftlichen Aspekten beim automatisierten und autonomen Fahren voran.
EP: Im Falle eines bevorstehenden, unvermeidbaren Unfalls heißt es, dass es keine Hoch- und Aufrechnung von Opfern geben darf und auch persönliche Merkmale wie Alter, Geschlecht oder Hautfarbe keine Rolle spielen dürfen. Wie aber soll sich ein System in einer Dilemma-Situation verhalten, wenn alle Einstufungsoptionen verboten werden? Wird das autonome Fahren dann nicht zur Lotterie oder juristisch unmöglich?
Martin Siemann, AUDI-Rechtsexperte für automatisiertes Fahren:Wir arbeiten mit einer Reihe von Maßnahmen darauf hin, Dilemma-Situationen bestmöglich zu vermeiden: Wir führen das automatisierte System zunächst in Bereichen wie der Autobahn ein, wo Dilemma-Situationen deutlich unwahrscheinlicher sind als in komplexen Verkehrssituationen in der Stadt. Unsere automatisierten Systeme sind auf eine defensive, risikomindernde Fahrweise programmiert. In gefährlichen Situationen ist das System darauf ausgelegt zu bremsen.
Dass Dilemma-Situationen vereinzelt auftreten, können wir nicht ausschließen. Deshalb das automatisierte und autonome Fahren grundsätzlich in Frage zu stellen, ist aus unserer Sicht unverhältnismäßig. Die Wahrscheinlichkeit, dass ein automatisiertes Auto in eine Dilemma-Situation gerät, ist gering. Das Sicherheitsplus durch das automatisierte Fahren ist hingegen enorm.
Wir sollten vielmehr nach Lösungen suchen, wie wir mit dem Restrisiko umgehen, dass Dilemma-Situationen auftreten können. Die Ethik-Kommission hat klargestellt, dass es in einer konkreten Dilemma-Situation keine Aufrechnung von Opfern geben darf. Sie hat aber auch betont, dass eine abstrakte Programmierung auf Minimierung der Opfer ohne Verstoß gegen die Menschenwürde gerechtfertigt sein könnte, wenn die Programmierung das Risiko jedes Verkehrsteilnehmers im gleichen Maße reduziert.
Als Beispiel wurde die Impfpflicht angeführt, die ein großes Sicherheitsplus für die Gesellschaft verspricht und bei der nicht klar ist, wer im Ausnahmefall Impfschäden davonträgt. Was das konkret bezogen auf die Programmierung automatisierter Autos bedeutet, wird die weitere Diskussion zum Thema zeigen.
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