Fertigung Wie das Internet der Dinge Produktionsabläufe verändert

Autor / Redakteur: Rich Miron * / Margit Kuther

Wer heute erfolgreich sein will, darf nicht auf Fertigungsstrukturen von gestern setzen. Vernetzte Automatisierungsinseln sind out, gefragt sind intelligente Einzelkomponenten, die miteinander kommunizieren.

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Internet der Dinge: Vom Zentralrechner zur Cloud.
Internet der Dinge: Vom Zentralrechner zur Cloud.
(Bild: Digi-Key)

Der ausgeprägte Wettbewerb in der Industrie fordert eine Produktionsweise, die schneller auf die Bedürfnisse der betreffenden Branche reagieren kann. Der hohe Druck hinsichtlich Kosten und Lieferzeiten zwingt die Werksführung, ihre Systeme flexibler zu gestalten.

Ein stark wechselnder Bedarf verlangt die Produktion eher kleinerer Mengen von kundenspezifischen Produkten anstelle von Massenproduktion einzelner Designs. Um dieser Marktveränderung gerecht zu werden, empfiehlt es sich, die vorrangig zur Produktionssteuerung eingesetzten Systeme an das Konzept „Industrie 4.0“ anzupassen.

Bisher wurden in industriellen Steuerungssystemen diskrete Automatisierungssysteme basierend auf zentralisierten Controllern eingesetzt. Einzelne Werkzeugmaschinen und ähnliche Systeme verwenden immer komplexere Steueralgorithmen zur Optimierung von Produktion und Effizienz in den einzelnen Systemen. Um eine Designänderung für ein bestimmtes Produkt umzusetzen, müssen in der Regel für jede Charge neue Programme auf jeden einzelnen Controller geladen werden. Dies ist häufig ein sehr arbeitsintensiver Prozess mit hohem Fehlerrisiko, denn es passiert nur allzu leicht, dass eine falsche Einstellung vorgenommen und dadurch möglicherweise ein Teil der Charge unbrauchbar gemacht wird.

Es müssen also noch große Fortschritte gemacht werden, nicht nur für die Verknüpfung dieser Automatisierungszentren, sondern auch für ihre Umstrukturierung. Die industriellen Steuerungsstrategien entwickeln sich hin zum Einsatz verteilter Steuerungssysteme, in denen Automatisierungsinseln über Feldbusse oder Ethernet-Versionen für den industriellen Einsatz untereinander verbunden werden. Der nächste Schritt besteht dann darin, sich die Vorteile des Internet der Dinge (Internet of Things, IoT) zunutze zu machen und intelligente Technologien auf die einzelnen Sensoren und Aktoren zu verteilen.

Intelligente Komponenten mit Embedded Controllern

Intelligente mechatronische Komponenten, ausgestattet mit Embedded Controllern auf Mikroprozessorbasis, können in Werkzeugmaschinen und andere Ausrüstungen integriert und sowohl für die Zusammenarbeit als auch eine einfachere Neukonfiguration programmiert werden. Intelligente Geräte wie Ventile, Motoren und Pumpen lassen sich für die Ausführung verschiedener Steueralgorithmen programmieren, die auf der Auswahl der übergeordneten Controller basieren. Ebenso können sie Diagnosefunktionen ausführen, die diese übergeordneten Steuerungssysteme über potenzielle Probleme informieren. Indem der Maschine die Verarbeitung übertragen wird, werden Steuerschleifen reaktionsschneller und die Produktivität dadurch gesteigert.

Nehmen wir als Beispiel ein System, das den Fluss von Platinen durch eine Elektronikproduktion oder Flaschen durch eine Anlage zur Lebensmittelverarbeitung steuert. Jede Platine, Flasche oder auch Gruppe von Flaschen kann mit einem RFID-Tag versehen werden, das der Controller an jedem Wegpunkt liest.

Produktcode bestimmt die Weiterverarbeitung

Anhand dieser Informationen des Produktcodes kann das Produkt an den entsprechenden Verarbeitungspunkt weitergeleitet werden. Als Beispiel: Eine bestimmte Platine soll Steckkomponenten aufnehmen können und muss durch ein spezielles Lötverfahren entsprechend vorbereitet werden.

Ergänzendes zum Thema
Glossar

Wenn es um Industrie 4.0 oder das Internet der Dinge geht, verstehen viele nur Bahnhof. Wir erklären Ihnen kurz und bündig, was konkret hinter diesen Begriffen steckt.

Das Internet der Dinge

Heute sind immer mehr Geräte netzwerkfähig und werden von Mikrocontrollern gesteuert. Sie bilden die Basis des Internets der Dinge (Internet of Things, IoT), in dem solche intelligente Geräte miteinander vernetzt sind und untereinander eigenständig Informationen austauschen. Jedes Mitglied des IoT muss eindeutig identifizierbar sein, was dank des Internetprotokolls IP6 möglich ist. Es stellt für jeden Quadratmillimeter der Erdoberfläche 665.570.793.348.866.944 Internetadressen zur Verfügung – also mehr als genug, um allen Gegenständen auf unserem Globus eine eindeutige IP-Adresse zuzuordnen. So lassen sich beliebige Geräte der Unterhaltungselektronik, Haushaltsgeräte und auch Industriesysteme einbinden, mobile Geräte gehen über Mobilfunknetze oder Funktechnologien wie WLAN, RFID oder NFC ins Netz. Geprägt hat den Ausdruck Internet der Dinge Kevin Ashton, Mitgründer und Leiter des Auto-ID Center am Massachusetts Institute of Technology (MIT), der 1999 erstmals eine firmenübergreifende RFID-Infrastruktur entwarf. In Ashtons Vision sollten Computer fähig sein, Informationen unabhängig vom Menschen zu beschaffen und die reale Welt begreifen, ohne von Menschen bedient zu werden.

Industrie 4.0

Industrie 4.0 ist ein Zukunftsprojekt im Rahmen der Hightech-Strategie der Bundesregierung. Ziel ist es, die Informatisierung der klassischen Industrien voranzutreiben. So soll die intelligente Fabrik (Smart Factory) realisiert werden, die extrem flexibel, effizient und ergonomisch ist. Dabei ist auch die Integration von Kunden und Geschäftspartnern in die Geschäfts- und Wertschöpfungsprozesse vorgesehen. Die technologische Basis von Industrie 4.0 sind Cyberphysische Systeme und das Internet der Dinge. Laut Bundesregierung soll Industrie 4.0 die vierte industrielle Revolution zum Ausdruck bringen.

Die erste industrielle Revolution war die Mechanisierung mit Wasser- und Dampfkraft, Massenfertigung mit Hilfe von Fließbändern und elektrischer Energie die zweite und schließlich die digitale Revolution, der Einsatz von Elektronik und IT zur weiteren Automatisierung der Produktion schließlich die dritte. Der Begriff Industrie 4.0 wurde 2011 zur Hannover Messe erstmals genannt. und 2012 wurden der Bundesregierung Umsetzungsempfehlungen des Arbeitskreises Industrie 4.0 der Promotorengruppe Kommunikation der Forschungsunion übergeben. Auf der Hannover Messe 2013 wurde der Abschlussbericht des Arbeitskreises Industrie 4.0 übergeben und die von den Branchenverbänden Bitkom, VDMA und ZVEI eingerichtete Plattform Industrie 4.0 nahm ihre Arbeit auf.

Andere Platinen hingegen, die vor oder nach dieser einen Platine den Produktionsfluss durchlaufen, sollen diese Option nicht aufweisen und einfach an die Lötstation für die Oberflächenmontage weitergeleitet werden. Der Controller kann die eine Platine umleiten und sie an die erforderliche Produktionsstation senden.

Ein Controller im weiteren Produktionsverlauf erhält dann das Signal, dass die Platine mit speziellen Lötanforderungen auf dem Weg ist und prüft, ob für den weiteren Ablauf eine Lötmaschine verfügbar ist. Ist dies nicht der Fall, kann die Platine an eine Wartestation gesendet werden, damit sie keinen Stau der nachfolgenden Platinen verursacht, die sofort weiterverarbeitet werden können.

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