Für 61 Mrd. US-$ erwirbt Broadcom den Cloud-Spezialisten VMware – eine weitere Rekordsumme, die das Unternehmen in nur wenigen Jahren für eine Akquise zur Hand nimmt. Es ist ein weiterer Mosaikstein in der Langzeit-Strategie von CEO Hock Tan, der seit seinem Amtsantritt im Jahr 2006 aus einer relativ kleinen Halbleiter-Ausgründung bis heute ein gigantisches Technologie-Konglomerat gebildet hat.
Hock Tan trat 2006 als Geschäftsführer der jungen Halbleiter-Ausgründung Avago Technologies an. Kurz vorher hatten zwei Buyout-Firmen das Unternehmen für etwa 2,66 Mrd. US-$ erworben - nach zahlreichen Mergern und Akquisen liegt der Wert des nun unter dem Namen Broadcom firmierenden Technologie-Konglomerats bei 225 Mrd. US-$.
(Bild: Broadcom)
Einst war er ein armes „dürres Kind“ aus Malaysia, nun lieferte er sich mit einem legendären US-Technologiemogul ein Kopf-an-Kopf-Rennen um eine transformative Übernahme: Anfang des Monats führte Hock Tan, CEO von Broadcom.ein Telefonat mit Michael Dell, dem Vorsitzenden von VMware und Chef des Computerherstellers Dell Technologies Inc.
Für den heute 70-jährigen Tan stellt dieser Deal den vorläufigen Höhepunkt einer Reihe von Akquisen dar, die ihm dabei geholfen haben, das heutige Broadcom von einem Embedded-SoC-Anbieter zu einem Technologiekonglomerat zu machen, das heute 225 Milliarden US-$ wert ist. Auf diesem Weg erlangte er den Ruf eines scharfsinnigen Geschäftsmannes - und eines rücksichtslosen Kostensenkers.
Dell, der persönlich noch 40 Prozent an VMware hält und die Firma zusammen mit der Buyout-Firma Silver Lake - alten Weggefährten von Hock Tan - kontrolliert, musste eine Entscheidung treffen: Tan bei der Stange halten und nach einem besseren Angebot Ausschau halten, oder zu riskieren eine große Chance zu verlieren angesichts eines möglichen Einbruchs der Technologieaktien aufgrund eines drohenden Konjunkturabschwungs bei gleichzeitig steigernder Inflation? Broadcom bot 61 Milliarden US-$ in einer Kombination aus Barvermögen und Aktienpaketen für VMware, fast 50 Prozent mehr, als das Unternehmen nach seinem jüngsten Aktienkurs wert war. Um das Geschäft abzuschließen räumte Tan VMware sogar ein, nach Unterzeichnung des Vertrags noch 40 Tage lang nach einem anderen Käufer zu suchen, der einen besseren Preis bieten könnte. VMware sagte zu. (Diese Schilderung über die Verhandlungen basiert auf Personen, die an dem Geschäft beteiligt waren und um Anonymität gebeten haben).
Ein kalkuliertes Manöver zur Übernahme eines neuen „Franchises“
Tatsächlich hatte Broadcom wohl schon seit Monaten ein Auge auf VMware geworfen. Doch zunächst zögerte man, an das Unternehmen heranzutreten. VMware war erst im November 2021 aus Dell Technologies ausgegründet worden, und man fürchtete, dass Dell und Silver Lake bei einem zu frühen Angebot nicht hinreichendes Interesse zeigen würden: Aktionäre laufen Gefahr, den steuerfreien Status ihrer Abspaltung zu verlieren, wenn ihr Unternehmen in den ersten sechs Monaten nach der Abspaltung Verkaufsgespräche aufnimmt. Die Wahl des Zeitpunkts war also entscheidend, um die Zustimmung der Aktionäre zu gewinnen.
Tans Ruf als Kostensenker veranlasste Raghu Raghuram, CEO von VMware, nach der Ankündigung des Deals an seine Mitarbeiter zu schreiben. Er versicherte, dass die „Wahrnehmung“, Broadcom würde Gewinne über Innovationen stellen, „unzutreffend“ sei. Er schrieb, dass Tan „sich verpflichtet, eine gemeinsame Innovationskultur zu kultivieren“.
Dieser Ruf rührt von Tans Strategie her, Unternehmen zu erwerben, die er als „Franchises“ bezeichnet, und dann die seiner Meinung nach übermäßigen Vertriebs- und Marketingausgaben und unnötigen Investitionen zu reduzieren. Teile dieser Unternehmen, die sich nicht gut entwickeln, werden sehr schnell wieder abgestoßen.
„Er führt Broadcom wie ein Investment-Portfolio ... es sind alles unabhängige Lehen“, sagte ein ehemaliger Mitarbeiter des Unternehmens, der eng mit Tan zusammenarbeitete. „Wenn er eine dominante Position in einem Markt hat, geht er rein und erhöht die Preise.“ Das blieb auch nicht ohne Kontroversen: Die Vorgehensweise hat im Laufe der Jahre wegen des Verdachts des Machtmissbrauchs zu mächtigem Ärger mit den Kartellbehörden in den USA und in der EU geführt.
Tan und Broadcom reagierten gegenüber Reuters nicht auf Bitten um eine Stellungnahme.
Vom „armen Jungen aus Malaysia“ zum Chef eines Technologie-Giganten
Der in Malaysia aufgewachsene Hock Tan war nach eigenen Worten ein „18-jähriges, dürres Kind“ gewesen, als er 1971 ein Stipendium für ein Ingenieurstudium am MIT erhielt. Ein Segensfall, denn seine Eltern konnten es sich nicht leisten, ihn aufs College zu schicken. Später erwarb er einen MBA an der Harvard University. In der Folge bekleidete er mehrere Führungspositionen in Malaysia und den Vereinigten Staaten, bevor er 1994 zum Chiphersteller Integrated Circuit Systems wechselte und dort 1999 zum Vorstandsvorsitzenden aufstieg.
Stand: 08.12.2025
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In dieser Position nahm Silver Lake Kontakt mit Tan auf und warb ihn als Geschäftsführer für ein anderes Unternehmen ab, aus dem schließlich das heutige Broadcom hervorgehen sollte: Im Jahr 2006 wechselte Tan zu Avago Technologies nach Singapur. Das Avago selbst hatte bereits eine noch recht junge und dennoch bewegte Vergangenheit mit wechselnden Besitzern und Namensänderungen hinter sich: Das Unternehmen war erst Teil des Halbleitergeschäfts von Hewlett-Packard, ehe es 1999 als Teil einer Firmenausgründung in des neue Unternehmen Agilent Technologies überging. Aus einem Teilverkauf der Chipsparte von Agilent an die global agierenden Investoren KKR und Silver Lake für für 2,66 Milliarden US-$ ging 2005 Avago hervor - und Hock Tan wurde als Geschäftsführer des jungen Unternehmens rekrutiert.
Ein Mega-Deal jagt den nächsten
Was folgte, war eine Reihe von Übernahmen, oft einschließlich des Namens des akquirierten Unternehmens, während Tan die Konsolidierung der Halbleiterindustrie in Angriff nahm. Oft griff er dabei aktiv auf die Unterstützung von Silver Lake zurück. 2013 akquirierte Avago im Frühjahr für 400 Millionen US-$ den Optik-Spezialisten CyOptics und für weitere 5 Millionen US-$ den Leistungselektronikanbieter Amantys; 2014 zahlte Avago 6,6 Milliarden US-Dollar für den Speicherchiphersteller LSI Corp. Im Jahr darauf erwarb das Unternehmen dann Broadcom für 37 Milliarden US-$ und firmierte anschließend unter diesem Namen weiter.
Die angestrebte Übernahme, die mit Abstand zum größten Technologie-Deal aller Zeiten geworden wäre, wurde schließlich durch ein Veto der US-Regierung vereitelt. Diese befürchtete, dass Broadcom, das damals seinen Hauptsitz noch immer aus alten Avago-Zeiten in Singapur hatte, die US-Halbleiterindustrie auf Kosten von Innovationen zu sehr dominieren würde. Mittlerweile firmiert das Hauptquartier von Broadcom im kalifornischen San Diego - dort, wo Broadcom auch vor der Übernahme durch Avago/LSI seine Stammsitz inne hatte.
Mit Software wird nur ein weiterer zusätzlicher Marktbereich erschlossen
Tan ließ sich von dem Scheitern nicht beirren, er richtete nur seinen Fokus neu aus: Er wandte sich nun statt dessen Softwareunternehmen zu, die wie Halbleiter einen zuverlässigen Cashflow generieren können. Nur kurz nach dem Platzen des Qualcomm-Deals übernahm übernahm Broadcom CA Technologies Inc für 18,9 Milliarden US-$. Kurze Zeit später wurde auch die Sicherheitssparte von Symantec Corp für 10,7 Milliarden US-$ einverleibt.
Dabei konnte jedes Mal die Liquidität trotz riesiger Summen am Laufen gehalten werden: Nach jeder Übernahme zahlte Broadcom einen Großteil der Schulden zurück, die es zur Finanzierung aufgenommen hatte, und nutzte dafür den Cashflow seiner Geschäfte. Es ist dieser Erfolg, die Tan ermutigt hätten, seine Akquisitionswelle fortzusetzen, sagte Matt Britzman, Analyst bei Hargreaves Lansdown gegenüber Reuters.: „Broadcom hat sich nach jeder großen Akquisition schnell entschuldet“, so Britzman.