Plattformstrategie 2025 Wie Bosch Rexroth mit ctrlX Automation Edge, KI und Virtualisierung vereint

Von Manuel Christa 8 min Lesedauer

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Steuerung wird Software, Maschinen reden mit der Cloud, KI zieht in die Fabrik ein. Bosch Rexroth wagt mit ctrlX Automation 2025 die nächsten großen Schritte. Offen, vernetzt, skalierbar und sicher soll alles sein. Wie passt all das zusammen?

CtrlX-Pressekonferenz 2025: Das Team von Bosch Rexroth stellt Neuheiten vor.(Bild:  Manuel Christa)
CtrlX-Pressekonferenz 2025: Das Team von Bosch Rexroth stellt Neuheiten vor.
(Bild: Manuel Christa)

Ende September wurde Ulm zum Schauplatz der jährlichen ctrlX-Pressekonferenz. Im Fokus stand nicht mehr die einzelne Steuerung, sondern ein vernetztes, offenes Ökosystem, das Automatisierung und digitale Technologien enger verzahnt. Bosch Rexroth zeigte damit, wie stark sich das Unternehmen von der klassischen Antriebstechnik hin zum Anbieter digitaler Plattformlösungen entwickelt. Ziel ist eine gemeinsame technische Basis für Hardware, Software und Services, die Automatisierung einfacher und skalierbarer macht.

ctrlX OS Virtual und Core plus: Automatisierung als Software

Eine zentrale Ankündigung war die Vorstellung von ctrlX OS Virtual sowie der neuen Steuerungsgeneration ctrlX Core plus. Damit entkoppelt Bosch Rexroth erstmals Steuerungsfunktionen vollständig von der Hardware und öffnet die Automatisierung für virtualisierte Umgebungen. Anwender können das offene, Linux-basierte Betriebssystem ctrlX OS künftig auf physischen Steuerungen, Industrie-PCs, Servern oder in Cloud-Instanzen betreiben. Durch die zusätzliche Core-plus-Variante erhalten Nutzer mehr Rechenleistung, Speicher und KI-Funktionalität, was insbesondere für datenintensive Anwendungen entscheidend ist.

ctrlX OS: Carina Heil, verantwortlich für das "Rexroth-Linux", spricht über Virtualisierung.(Bild:  Manuel Christa)
ctrlX OS: Carina Heil, verantwortlich für das "Rexroth-Linux", spricht über Virtualisierung.
(Bild: Manuel Christa)

Dadurch entsteht eine neue Flexibilität: Steuerungslogik, Engineering-Tools und Anwendungen lassen sich dort ausführen, wo die benötigte Rechenleistung verfügbar ist – im Schaltschrank, im Rechenzentrum oder in einer privaten Cloud. Das senkt Hardwarekosten, reduziert Energieverbrauch und ermöglicht eine dynamische Skalierung von Prozessen, etwa bei wechselnden Produktionslasten oder bei Simulationen in der Entwicklung.

Steffen Winkler, Senior Vice President Sales der Business Unit Automation & Electrification Solutions, erklärte: „Wir bringen Automatisierung dahin, wo Rechenleistung ohnehin vorhanden ist. ctrlX OS Virtual erlaubt uns, Steuerung, Engineering und KI-Anwendungen in einer Umgebung zusammenzuführen.“

In der Praxis können Unternehmen damit ganze Maschinen oder Produktionslinien virtuell betreiben, testen und konfigurieren, bevor reale Hardware überhaupt im Einsatz ist. ctrlX OS Virtual lässt sich nahtlos mit Engineering- und Visualisierungstools verbinden und unterstützt containerisierte Applikationen über den ctrlX Data Layer. Das eröffnet auch neue Szenarien für Wartung, Schulung und digitale Zwillinge.

Das Konzept folgt dem Trend zur Software-defined Automation.

ctrlX OS: Carina Heil zeigt einen Use Case der Virtualisierung.(Bild:  Manuel Christa)
ctrlX OS: Carina Heil zeigt einen Use Case der Virtualisierung.
(Bild: Manuel Christa)

Anwender können ctrlX OS auf unterschiedlichen Plattformen einsetzen, vom IPC über Edge-Geräte bis in die Cloud,und behalten dabei Kompatibilität zu bestehenden Steuerungen. Zudem kündigte Bosch Rexroth eine Clusterung des offenen Betriebssystems in drei Varianten an, um unterschiedliche Hardwareanforderungen abzudecken. Damit verschwimmen die Grenzen zwischen klassischer SPS, IT und Edge-Computing noch stärker und schaffen die Grundlage für softwarezentrierte Fertigungssysteme.

Wirtschaftliche Bedeutung für Bosch Rexroth

ctrlX Automation ist längst zentraler Bestandteil der Unternehmensstrategie von Bosch Rexroth. Das Geschäft mit Automatisierungslösungen wächst überdurchschnittlich: Allein im Jahr 2024 legte der Umsatz im Bereich Automation & Electrification Solutions um zweistellige Prozentwerte zu. Laut Unternehmensangaben entfallen mittlerweile rund 40 Prozent der Entwicklungsaktivitäten auf die ctrlX-Plattform. Das zeigt, wie stark Bosch Rexroth seine Zukunft auf softwarebasierte und skalierbare Systeme ausrichtet. Ziel ist es, ctrlX Automation als tragende Säule im Konzernportfolio zu etablieren, vergleichbar mit der Bedeutung der Hydraulik in früheren Jahrzehnten.

Winkler betonte, dass die ctrlX-Plattform auch wirtschaftlich neue Horizonte öffne: „Wir sehen eine klare Verschiebung vom klassischen Hardwaregeschäft hin zu einem Service- und Softwaremodell. Unsere Kunden investieren zunehmend in digitale Funktionen, die sich flexibel aktivieren, kombinieren und über den Lebenszyklus hinweg erweitern lassen.“ Diese Entwicklung spiegelt sich auch in der wachsenden ctrlX Community wider, in der Entwicklerinnen und Entwickler eigene Apps, Module und Erweiterungen teilen.

Ask iXi: Künstliche Intelligenz als Assistenzsystem

Ask iXi: Theresa Christ, Development Engineer bei Bosch Rexroth, stellt den KI-Chatbot vor, der das Wühlen durch Dokumentationen überflüssig machen soll.(Bild:  Manuel Christa)
Ask iXi: Theresa Christ, Development Engineer bei Bosch Rexroth, stellt den KI-Chatbot vor, der das Wühlen durch Dokumentationen überflüssig machen soll.
(Bild: Manuel Christa)

Neben der Virtualisierung stand KI im Mittelpunkt der Veranstaltung. Theresa Christ stellte den neuen KI-Chatbot Ask iXi vor, der Anwender in Engineering- und Serviceprozessen unterstützt. Er basiert auf einem Retrieval-Augmented-Generation-Modell (RAG), das auf der Rexroth-Dokumentation trainiert ist. Ask iXi ist direkt in die Entwicklungsumgebung ctrlX Works integriert und beantwortet Fragen zu Funktionen, Parametern oder App-Integration. Die Markteinführung soll zur Messe SPS 2025 erfolgen.

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„Wir wollten keinen generischen Chatbot, sondern ein domänenspezifisches Werkzeug, das die Sprache der Ingenieure spricht“, sagte Christ. Perspektivisch soll Ask iXi auch in die ctrlX Automation-Website integriert werden, um Anwendern einen durchgängigen Zugang zu Support und Wissen zu bieten.

Parallel stellte Bosch Rexroth eine erweiterte KI-Toolbox vor, mit der sich KI-Modelle direkt in ctrlX Works einbinden und trainieren lassen. Zudem präsentierte das Unternehmen neue skalierbare IPCs mit integrierter Nvidia-2000A-GPU und vorinstalliertem ctrlX OS, die speziell für Bildverarbeitung und KI-Anwendungen am Edge ausgelegt sind. Damit lassen sich KI-gestützte Prozesse unmittelbar in der Fabrikzelle ausführen, ohne dass Daten in die Cloud übertragen werden müssen.

Erweiterungen im Portfolio: I/O-Module und Solution Sets

23 neue I/O-Module: Neue Hardware von Bosch Rexroth(Bild:  Bosch Rexroth)
23 neue I/O-Module: Neue Hardware von Bosch Rexroth
(Bild: Bosch Rexroth)

Bosch Rexroth kündigte zudem insgesamt 23 neue I/O-Module an. Sie erweitern die ctrlX-I/O-Familie und bieten mehr Varianten für Signalverarbeitung, Leistungsbereiche und Kommunikation. Die neuen Antriebe sind kompakter, energieeffizienter und teilweise schaltschranklos ausgelegt. Sie folgen einem modularen Baukastenprinzip, das sich flexibel an Maschinengrößen anpassen lässt.

Ansonsten präsentierte das Unternehmen neue Solution Sets, also vorkonfigurierte Komplettlösungen, etwa für mobile Roboteranwendungen. Diese sollen Kunden den Einstieg in komplexe Automatisierungsaufgaben erleichtern und Entwicklungszeiten deutlich verkürzen.

CRA-kompatibel: Sicherheit und Offenheit als Fundament

ctrlX OS wurde nach dem Prinzip „Secure by Design“ entwickelt und erfüllt bereits die Anforderungen des kommenden Cyber Resilience Act. Das bedeutet, dass das System von Grund auf IT- und OT-Sicherheit ausgelegt ist: abgesicherte Boot-Prozesse, digitale Signaturen für Softwarepakete, ein rollenbasiertes Rechtemanagement und verschlüsselte Kommunikation zwischen allen Komponenten. Bosch Rexroth will damit zeigen, dass Security kein Add-on ist, sondern „by design“ ein integraler Bestandteil moderner Automatisierung.

(Bild:  Manuel Christa)
(Bild: Manuel Christa)

Das Betriebssystem ist nach IEC 62443-4-2 Security Level 2 zertifiziert, es erfüllt also auch unter industriellen Bedingungen strenge Sicherheitsanforderungen. Die Offenheit des Systems ist dabei strategisch: ctrlX OS läuft nicht nur auf eigener Hardware, sondern auch auf Geräten von Partnern und Drittanbietern. So entsteht eine herstellerübergreifende Plattform, die Sicherheits- und Kompatibilitätsstandards verbindet und Unternehmen die Integration eigener Systeme erleichtert.

OEM-Partnerschaft mit Advantech

Ein Beispiel für diese Strategie ist die neue OEM-Partnerschaft mit Advantech. Künftig werden Edge-IPCs der UNO-Serie ab Werk mit ctrlX OS und einer Auswahl vorinstallierter Apps ausgeliefert. Kunden erhalten damit eine sofort nutzbare Plattform für IoT-Edge-Gateway- und Edge-Control-Anwendungen. Die vorinstallierten Apps aus dem ctrlX OS Store, etwa für Firewall, Node-RED, InfluxDB oder IoT-Dashboard, ermöglichen einen schnellen Einstieg in datenzentrierte Projekte.

ctrlX World: Das Ökosystem wächst an Partnern

Neue Partner: Das Ökosystem von Bosch Rexroth wächst.(Bild:  Manuel Christa)
Neue Partner: Das Ökosystem von Bosch Rexroth wächst.
(Bild: Manuel Christa)

Die Partnerwelt ctrlX World ist auf mehr als 110 Anbieter angewachsen, ein deutlicher Zuwachs gegenüber dem Vorjahr. Bosch Rexroth positioniert die Plattform damit als offenes Ökosystem, das weit über klassische Zuliefererbeziehungen hinausgeht. Die neuen Mitglieder stammen aus unterschiedlichen Technologiebereichen, decken aber gemeinsam die gesamte Automatisierungspyramide ab: von Antrieben über Pneumatik und Safety bis zu Robotik und Softwareintegration.

  • SEW-Eurodrive erweitert das ctrlX-OS-Ökosystem um eigene Frequenzumrichter und Getriebemotoren. Diese lassen sich künftig direkt aus ctrlX OS ansteuern und diagnostizieren. Über eine App auf Basis des CiA-402-Standards werden Bewegungsprofile, Statusdaten und Parametrierungen einheitlich verfügbar.
  • Emerson bringt mit der Marke Aventics leistungsfähige Pneumatik- und Handling-Systeme ein. Ihr modulares Ventilsystem AV, das über intelligente I/O-Funktionen verfügt, lässt sich über ctrlX OS umfassend konfigurieren und überwachen.
  • Cognibotics, der schwedische Robotik-Spezialist, steuert das Softwareframework Juliet & Romeo bei. Ein Werkzeug, das die Programmierung von Robotern stark vereinfacht. Entwickelnde können damit Bewegungsabläufe modular definieren, testen und direkt auf ctrlX OS-Geräten ausführen. Durch native Unterstützung von Continuous Integration/Continuous Deployment (CI/CD) öffnet das Framework die Tür zu agiler Robotikentwicklung.
  • Schmersal wiederum ist der erste reine Anbieter von Safety-Lösungen in der ctrlX World. Seine Safety Fieldbox ermöglicht den Anschluss von bis zu acht Sicherheitseinrichtungen über vorkonfektionierte Steckverbinder und kommuniziert über Safety-over-EtherCAT (FSoE) mit der ctrlX Safety PLC App.

Steffen Winkler fasste die Entwicklung zusammen: „Unsere Partnerwelt spiegelt den Markt. Sie wächst entlang der Anforderungen unserer Kunden. Das Ergebnis ist ein Lösungsraum, der von der Sensorik bis in die Cloud reicht und komplette Wertschöpfungsketten digital abbildet.“

ctrlX im Wettbewerbsvergleich: eine analytische Einordnung

Im Vergleich zu anderen etablierten Wettbewerbern wie Siemens, Beckhoff oder Schneider Electric positioniert sich Bosch Rexroth mit ctrlX Automation bewusst anders. Während Siemens mit seiner Industrial Edge Plattform und Beckhoff mit TwinCAT 3 ebenfalls auf Offenheit und Softwareintegration setzen, verfolgt Bosch Rexroth einen konsequent offenen Ansatz auf Betriebssystemebene. ctrlX OS bildet die technologische Grundlage, die unabhängig von proprietärer Hardware funktioniert. Dadurch unterscheidet sich Rexroth von den stärker an eigene Steuerungssysteme gebundenen Ansätzen der Konkurrenz.

Beckhoff punktet traditionell mit Echtzeitleistung und integriertem Engineering, während Schneider Electric mit EcoStruxure auf übergeordnete Energie- und Prozessmanagementsysteme zielt. Bosch Rexroth dagegen will mit ctrlX OS eine Brücke zwischen IT und OT schlagen, die nicht nur Daten austauscht, sondern Arbeitsweisen vereint: Softwareentwicklung, Automatisierung und Datenanalyse in einer Plattform.

Damit besetzt Bosch Rexroth eine Nische zwischen klassischen Automatisierungssystemen und IT-orientierten Cloudlösungen. Das könnte ein strategischer Vorteil in Zeiten sein, in denen Produktionsumgebungen zunehmend hybrid werden. Wer künftig industrielle Steuerungen als skalierbare Software versteht, kann schneller auf Marktanforderungen reagieren. Genau darauf zielt die ctrlX-Strategie: Geschwindigkeit, Offenheit und Unabhängigkeit als neue Leitwerte der Automatisierung.

Ausblick: Nächste Schritte und Marktstrategie

Nach der Pressekonferenz deutete Bosch Rexroth an, dass die Plattformstrategie mit ctrlX Automation weiter ausgebaut wird. Für 2025 und darüber hinaus sind mehrere neue Releases geplant. Dazu gehören eine erweiterte Version von ctrlX OS Virtual mit Unterstützung für verteilte Steuerungsarchitekturen und eine neue Generation von Edge-Hardware, die auf energieeffizienten Prozessoren basiert. Auch die Integration zusätzlicher KI-Frameworks und ein noch stärker automatisiertes Engineering mit KI-basiertem Code-Assistenten stehen auf der Roadmap.

(Bild:  Bosch Rexroth)
(Bild: Bosch Rexroth)

Parallel plant Bosch Rexroth die ctrlX World international auszubauen, zunächst in Nordamerika und Asien. Dafür sollen regionale Partnernetzwerke entstehen, die lokale Märkte mit spezifischen Applikationen bedienen. In Europa wird der Fokus auf stärkere Integration von Safety- und Motion-Komponenten gelegt, um den Mittelstand besser zu erreichen.

Langfristig sieht das Unternehmen ctrlX Automation als Schlüsseltechnologie im Konzernverbund von Bosch, etwa in Kombination mit Softwarelösungen aus den Bereichen Manufacturing-X und Industrial IoT. Die Plattform soll zu einem zentralen Bestandteil der Digitalstrategie des Konzerns werden, als Basis für skalierbare, offene und sichere Industrieanwendungen weltweit.

Winkler machte deutlich, dass ctrlX Automation für ihn eine neue Generation von Steuerungstechnik repräsentiert: offen, skalierbar und bereit für die nächste Entwicklungsstufe der industriellen Digitalisierung. Mit der Plattform wolle Bosch Rexroth eine gemeinsame Sprache für Entwickler, Integratoren und Maschinenbauer schaffen, die den Brückenschlag zwischen Industrie und IT erleichtert. (mc)

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