WLAN im KI-Zeitalter Wi-Fi 8: Pläne für ein deterministisches Funknetz

Von Manuel Christa 7 min Lesedauer

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Wi-Fi 7 hat im Markt noch gar nicht richtig Fuß gefasst, da will Intel schon die nächste WLAN-Generation Wi-Fi 8 ins Gespräch bringen. Anstatt Geschwindigkeitsrekorde hinterherzujagen, die ohnehin nur in Reichweite einer Armlänge zum Access Point erreicht werden, soll es nun um Stabilität und Zuverlässigkeit gehen.

Wi-Fi 8: So ordnet Intel die nächste WLAN-Generation im Funk-Ökosystem ein(Bild:  Intel)
Wi-Fi 8: So ordnet Intel die nächste WLAN-Generation im Funk-Ökosystem ein
(Bild: Intel)

Nahezu keine neue Technologie wird vom Unwort des Jahrzehnts verschont. Aber, so viel sei jetzt schon verraten, bei Wi-Fi 8 soll KI mehr als nur eine Marketing-Hülse sein. Mit „Connectivity for the AI Era“ zeichnet der Konzern das Bild eines Funknetzes, das weniger mit neuen Rekordraten glänzt, sondern vor allem zuverlässiger, berechenbarer und enger mit KI-Anwendungen verzahnt arbeitet.

Aktuell steckt der Standard 802.11bn noch mitten in der IEEE-Arbeit: Ein erster Entwurf liegt vor, viele Details sind aber noch in Bewegung. Die Wi-Fi Alliance bereitet parallel ein Zertifizierungsprogramm für Wi-Fi 8 vor, das grob zum Ende des Jahrzehnts starten soll. Damit alles so abläuft, wie Intel es sich vorstellt, kommuniziert man bereits jetzt technische Details. Sie lassen erkennen, wohin die drahtlose Reise gehen wird.

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In einem Whitepaper bündelt Intel Wi-Fi 8 in vier Versprechen: „Optimized networking“, „Deterministic“, „Stronger security/privacy“ und „AI enabling“. Dahinter steckt die Idee, Funknetze nicht mehr nur an der maximalen Bruttodatenrate zu messen. Nun soll es darum gehen, wie stabil sie in der Fläche funktionieren, wie gut sich Latenzen begrenzen lassen, wie konsequent Security und Privacy vom ersten Management-Paket an mitlaufen und wie gut sich das Ganze mit KI-basierten Anwendungen verknüpfen lässt.

Autor des Whitepapers ist Dr. Carlos Cordeiro, der als „Wireless-CTO“ in Intels Client Computing Group fungiert. Er nennt vorwiegend dichte Heimnetze mit vielen Streams, Enterprise- und Campus-WLANs, XR- und Collaboration-Szenarien sowie Workloads, bei denen KI-Modelle auf Client oder Edge ständig Daten nachladen und austauschen. Gerade hier entscheiden stabile, planbare Verbindungen darüber, ob Anwendungen ruckeln oder sich nahtlos anfühlen.

Im Pressebriefing hat Carlos Cordeiro dieses Bild geschärft. Er skizzierte einen Zeithorizont von fünf bis zehn Jahren, in dem der typische Nutzer sehr viel Rechenleistung und Speicher in weniger als zehn Millisekunden Entfernung haben soll – sei es im AI-PC, auf einem Edge-Knoten oder im lokalen Rechenzentrum. Wi-Fi 8 soll in diesem Szenario vor allem eine bessere „rate at range“ liefern, also bei gleicher Position mehr nutzbare Datenrate als Wi-Fi 7, statt nur höhere Peak-Werte auf dem Datenblatt. Konkret nannte er als Zielkorridor für die Wi-Fi-8-Zertifizierung das Ende des Jahrzehnts, grob um 2027 herum; erste Geräte erwartet Intel im Anschluss an dieses Zeitfenster.

Technische Eckpunkte von Wi-Fi 8

Wi-Fi 8 bringt auf der physikalischen Ebene mehrere Stellschrauben mit, die die Funkstrecke robuster machen sollen. Dazu gehören feinere MCS-Stufen, Long-Range-Modi etwa im 2,4-GHz-Band und Verbesserungen im Uplink, bei dem der Client oft die schwächere Seite ist. Ziel ist eine bessere „rate at range“: An derselben Position soll unter realen Bedingungen mehr nutzbare Datenrate zur Verfügung stehen als bei Wi-Fi 7 – ohne dass dafür zwangsläufig breitere Kanäle oder noch höhere Modulationsstufen nötig sind.

Eine zweite Säule ist die Multi-AP-Koordination. In dichten Installationen sollen Access Points ihre Sendezeiten und Kanäle besser aufeinander abstimmen, Beamforming koordiniert einsetzen und Mobilität in einer gemeinsamen „Mobility Domain“ abwickeln. Damit wird Make-before-break-Roaming möglich: Der Client baut eine neue Verbindung auf, bevor die alte abreißt. Im Idealfall wechselt ein Endgerät also den Access Point, ohne dass laufende Anwendungen das bemerken.

Auf MAC-Ebene zielt Wi-Fi 8 auf mehr Determinismus. Mechanismen zur Priorisierung von Latenz-sensitivem Traffic sollen dafür sorgen, dass Echtzeitströme – etwa Sprache, interaktive Kollaboration oder Steuerinformationen – eine definierte Latenzschranke einhalten. „Für mich beschreibt ‚deterministisch‘ viel besser, dass Wi-Fi 8 nicht nur zuverlässig sein soll, sondern zuverlässig innerhalb einer definierten Latenzgrenze. Das ist eine deutlich stärkere Messgröße", meint der Intel-Manager. Das Zielbild aus dem Briefing lautet sinngemäß: Roaming und Lastwechsel im Netz sollen im Alltag nicht mehr als hörbare Aussetzer oder spürbare Hänger auffallen.

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Hinzu kommen Funktionen für Koexistenz und Energieverbrauch. Clients können ihrem Access Point genauer mitteilen, wann andere Funkmodems im Gerät, etwa Bluetooth, gerade aktiv sind, damit sich die Funksysteme nicht gegenseitig ins Gehege kommen. Gleichzeitig definiert Wi-Fi 8 neue Power-Save-Optionen sowohl für Endgeräte als auch für Access Points. Besonders der „Listening“-Modus, in dem ein Client auf Signale aus dem Netz wartet, soll deutlich weniger Energie verbrauchen und damit die Laufzeit mobiler und batteriebetriebener Geräte verlängern.

Wi-Fi 8: Sicherheit, Privacy und neue Kontextfunktionen

Wi-Fi 8 setzt bei der Sicherheit deutlich früher an als viele Vorgänger. Ein zentrales Ziel ist es, den gesamten Association-Prozess zu verschlüsseln. Heute laufen in dieser Phase noch Management-Informationen im Klartext über die Luft, die sich auslesen und auswerten lassen. Künftig sollen auch diese Pakete geschützt sein. Ergänzend dazu sieht der Standard vor, weitere Management- und Control-Frames abzusichern, die bisher oft unverschlüsselt bleiben. Damit rückt WLAN näher an das heran, was Anwender von modernen Protokollen im restlichen Stack bereits gewohnt sind.

Mit diesen Änderungen verfolgt Wi-Fi 8 auch Privacy-Ansprüche: Wenn weniger Metadaten im Klartext sichtbar sind, wird es für Angreifer deutlich schwerer, aus passiv mitgehörtem Funkverkehr Rückschlüsse auf Gerätetypen, Nutzerverhalten oder typische Bewegungsmuster zu ziehen. Geräte-Fingerprinting soll so deutlich erschwert werden, ohne dass Nutzer dafür aktiv etwas konfigurieren müssen.

Außerdem führt Wi-Fi 8 neue Kontextfunktionen ein, die im Whitepaper unter Begriffen wie Wi-Fi Sensing und Proximity-Ranging laufen. Das Funknetz kann Bewegungen und Anwesenheit im Raum erkennen und Entfernungen zwischen Geräten bestimmen. Im Briefing hat Intel diese Möglichkeiten direkt mit KI-Anwendungen verknüpft: Denkbar sind etwa Systeme, die auf Gesten reagieren, Arbeitsplätze, die sich automatisch an- und abmelden, oder Kollaborationsanwendungen, die ihre Oberfläche anpassen, wenn sich Personen im Raum bewegen oder Geräte ihre Position verändern.

Wi-Fi 8 im Funk-Ökosystem von 5G und Bluetooth

Steht Wi-Fi 8 in Konkurrenz zu anderen Funktechnologien, wie 5G? Im Pressebriefing hat Carlos Cordeiro klargemacht: „Diese Diskussion ist aus meiner Sicht längst entschieden: Die Technologien bleiben komplementär. Wi-Fi hat seine Märkte, 5G hat seine Märkte, ebenso Ultra-Wideband und andere. Es gibt Überschneidungen, aber die sind aus meiner Sicht nicht entscheidend.“ Wi-Fi bleibt überall dort die erste Wahl, wo ohnehin eine dichte Infrastruktur vorhanden ist, etwa in Bürogebäuden, Laboren, Hörsälen oder vielen Produktionsbereichen. Mobilfunk spielt seine Stärken bei großen Flächen, harter Funkplanung mit lizenziertem Spektrum und bei verteilten Assets über mehrere Standorte hinweg aus.

Auch beim Blick auf Bluetooth stellt Intel klar, dass Wi-Fi 8 kein Ersatz sein wird. Bluetooth deckt weiterhin Kurzstreckenverbindungen mit sehr niedrigem Energiebedarf ab – vom Headset über Wearables bis zu einfachen Sensoren. Entscheidend ist daher nicht, eine Technik durch die andere zu verdrängen, sondern die Koexistenz im gleichen Gerät sauber zu organisieren. Genau hier setzen die neuen Koexistenzmechanismen an, mit denen ein Client dem Access Point besser mitteilen kann, wann andere Funkmodule aktiv sind.

Beim 6-GHz-Band betont Intel schließlich die regionalen Unterschiede. In vielen Märkten ist 6 GHz ein zentrales Argument für moderne Wi-Fi-Generationen, also mehr Bandbreite, weniger Altlasten. In anderen Regionen, etwa in China, ist dieses Spektrum bislang nicht freigegeben. Entsprechend wird 6 GHz für Wi-Fi-8-Geräte nicht global Pflicht sein. Für international ausgelegte Designs und hochwertige Geräte ist die Unterstützung des 6-GHz-Bandes aber de facto gesetzt, weil sich hier ein wesentlicher Teil der zusätzlichen Leistungsfähigkeit von Wi-Fi 6E, 7 und künftig 8 erschließen lässt.

Wi-Fi 8: Wie sich Entwickler jetzt schon darauf vorbereiten können

Der Standard ist zwar noch lange nicht final, aber die Richtung steht: Wer jetzt neue Hardware- oder Systemgenerationen plant, kann einige Weichen so stellen, dass der spätere Umstieg auf Wi-Fi 8 deutlich leichter fällt.

Aus HF- und Layout-Sicht lohnt es sich, 6-GHz-Designs konsequent mitzudenken. Dazu gehören saubere Filterkonzepte, Antennenstrukturen, die 2,4, 5 und 6 GHz sinnvoll abdecken, sowie eine gute Isolation zwischen den Bändern. Gerade in kompakten Geräten mit mehreren Funktechniken ist das Layout entscheidend dafür, ob sich die theoretischen Vorteile von Wi-Fi 6E, 7 und 8 in der Praxis auch zeigen.

Auf Protokoll- und Software-Ebene rückt Quality of Service (QoS) stärker in den Fokus. Viele Anwendungen laufen heute noch vollständig im „Best Effort“-Verkehr, obwohl sie unterschiedliche Anforderungen an Latenz und Zuverlässigkeit haben. Wer seinen eigenen Stack schon jetzt sauber nach Traffic-Klassen trennt, etwa für Sprache, Steuerdaten, interaktive Anwendungen und Hintergrundverkehr, schafft die Grundlage, damit Wi-Fi-8-Mechanismen zur Priorisierung überhaupt greifen können. Ebenso hilfreich ist ein Logging, das Latenzverteilungen, Jitter, Paketverluste und Roaming-Events sichtbar macht. Deterministisches Verhalten lässt sich nur dann bewerten und später ausnutzen, wenn diese Kennzahlen bereits im Systemdesign mitgedacht werden.

Hinzu kommt die strategische Produktplanung. Gerade industrielle Geräteklassen, etwa industrielle Gateways, Steuerungen oder komplexe Embedded-Systeme, sind zehn Jahre und länger im Feld. Wer heute eine neue Plattformgeneration dafür definiert, sollte realistisch davon ausgehen, dass Wi-Fi 8 im Lebenszyklus eine Rolle spielen wird. In solchen Fällen lohnt es sich, Modulkonzepte, Update-Strategien und Zertifizierungsprozesse so zu wählen, dass ein späterer Wechsel des Funkmoduls möglich bleibt. Auf der anderen Seite wird es viele Produkte geben, die noch lange mit Wi-Fi 6 oder 7 gut bedient sind, wie etwa preissensitive IoT-Knoten oder einfache Consumer-Geräte.

Für beide Welten gilt: Je klarer Anforderungen an Latenz, Zuverlässigkeit, Sicherheit und Energieverbrauch heute beschrieben und im Design verankert sind, desto einfacher lässt sich Wi-Fi 8 später einpassen. Der Standard wird keine schlechten HF-Layouts, unklare QoS-Konzepte oder unsaubere Koexistenzstrategien reparieren, bietet aber zusätzliche Werkzeuge, mit denen durchdachte Systemarchitekturen deutlich mehr aus der Funkstrecke herausholen können. (mc)

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