Warum selbst scheinbar einfache Steckverbinder zum Schlüssel für eine resiliente Industrie 4.0 werden und einen digitalen Zwilling brauchen, darüber redet Philip Harting mit Prof. Ruskowski. Ein Gespräch über Standardisierung, Digitalisierung und den Mut zur Umsetzung.
Philip Harting zum digitalen Zwilling von Steckverbindern: "Es ist die Schnittstelle der Zukunft. Da wird aus meiner Sicht die Verkaufsentscheidung getroffen, wenn wir die Daten unseren Kunden zur Verfügung stellen."
([Bild: , Bild: , Bild: ] SmartFactory-KL)
Wenn Mittelstand und Wissenschaft aufeinandertreffen, wird es konkret. Philip Harting, Geschäftsführer des weltweit tätigen gleichnamigen Steckverbinderherstellers, trifft auf Professor Martin Ruskowski, Wissenschaftler an der TU Kaiserslautern und Vorsitzender der SmartFactory Kaiserslautern. Zwei Rollen, zwei Blickwinkel, aber mit einem gemeinsamen Ziel: die industrielle Zukunft Deutschlands gestalten.
Die Herausforderungen sind bekannt: Fachkräftemangel, schwächelnde Konjunktur, digitale Komplexität. Und doch bleibt die Umsetzung vieler technologischer Konzepte stecken. Harting und Ruskowski fordern: Mehr Zusammenarbeit, mehr Mut zur Praxis. Denn ohne funktionierenden Technologietransfer bleibt Deutschland ein Land der Ideen aber nicht der Umsetzung.
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Vom Labor in die Werkhalle
„Wir stehen an der Schwelle zur echten Umsetzung“, sagt Professor Ruskowski und meint damit nicht die nächste Testinstallation, sondern den Sprung in die industrielle Realität. Die SmartFactory KL hat die Grundlagen geschaffen: Konzepte entwickelt, im Labor verprobt, mit Partnern wie Harting in Demonstratoren konkretisiert. Jetzt ist der Moment gekommen, diese Vorarbeit in echte Fertigungslinien zu übertragen.
Harting bringt sich dabei nicht nur als Technologieanbieter ein, sondern öffnet die eigenen Werke als Reallabore. Der Mittelständler fungiert als Testfeld und als Brücke zwischen Forschung und industrieller Skalierung. Die Frage ist nicht mehr, ob die Technologien funktionieren, sondern ob sie sich im Produktionsalltag bewähren.
Digitaler Zwilling als Gamechanger, selbst für simple Steckverbinder
Für Harting ist der digitale Zwilling längst ein strategisches Muss. Selbst ein scheinbar simples Bauteil wie der Steckverbinder, jahrzehntelang als rein mechanisches Verbindungselement verstanden, erhält ein digitales Abbild. Sensorik, CO₂-Bilanzen und Verwaltungsschalen machen aus einem Bauteil eine Komponente mit digitalem Gedächtnis. Sie registriert Steckzyklen, Temperaturen, Feuchtigkeit und macht diese Daten zugänglich.
Für Kunden zählt zunehmend, was ein Produkt digital mitliefert: Metadaten, Zustandsinformationen, Umweltwerte. Wer diese Daten liefern kann, verschafft sich nicht nur im Engineering einen Vorsprung, sondern sichert sich auch die Integration ins System des Kunden. Ruskowski bringt es auf den Punkt: „Das große Problem der Hightech ist oft die Low-Tech.“ Früher jagte man Softwarefehlern hinterher, die in Wirklichkeit schlechte Steckverbindungen waren. Heute lassen sich solche Ursachen eindeutig identifizieren – dank digitaler Zwillinge, die selbst einfachste Bauteile transparent machen.
Industrie 4.0: Anspruch vs. Wirklichkeit
Die Vision ist klar umrissen und doch stockt der Fortschritt. Bei Harting sind die Herausforderungen greifbar: Der Fachkräftemangel verschärft sich, die Investitionsspielräume schrumpfen, die Anforderungen an digitale Infrastruktur steigen. Wie soll ein Mittelständler unter diesen Bedingungen den nächsten Technologiesprung wagen?
Für Ruskowski steht fest: Abwarten ist keine Option. „Jetzt ist nicht die Zeit für Rückzug, sondern für Investitionen“, mahnt er. Der demografische Wandel sei kein Szenario, sondern Realität – in zehn Jahren fehlen Millionen Arbeitskräfte. Wer jetzt nicht in resiliente Produktionsstrukturen investiert, verliert nicht nur Zeit, sondern Anschluss. Und: „Die Welt schläft nicht.“ Gerade in Asien wird mit hohem Tempo digitalisiert, automatisiert, skaliert. Deutschland darf sich diesen Vorsprung nicht länger leisten.
Verwaltungsschale als Schlüssel zur Skalierung
Ein zentraler technischer Hebel dabei ist die Verwaltungsschale. Industrie 4.0 lebt von Daten und der Fähigkeit, sie strukturiert bereitzustellen. Ohne standardisierte digitale Abbilder lassen sich smarte Produktionsprozesse nicht skalieren. Für Harting ist die sogenannte Verwaltungsschale deshalb mehr als ein Datenmodell: Sie ist die Eintrittskarte in moderne Engineering- und Einkaufsprozesse. Wer seine Komponenten nicht mit den nötigen digitalen Metadaten versehen kann, wird in Ausschreibungen schlicht nicht mehr berücksichtigt.
Deshalb engagiert sich das Unternehmen auf allen Ebenen der Normung: national, europäisch und international. Das Ziel: einheitliche Standards schaffen, die Maschinen, Komponenten und Software miteinander sprechen lassen und Industrie 4.0 aus der Insellandschaft holen.
Fachkräftemangel und Zukunftsfähigkeit erfordern Digitalisierung
Ruskowski warnt eindringlich: In den kommenden zehn Jahren wird rund ein Viertel der heutigen Arbeitskräfte fehlen. Das ist eine Entwicklung, die sich längst abzeichnet. Ohne tiefgreifende Automatisierung, durchgängige Digitalisierung und KI-gestützte Systeme wird es unmöglich sein, die Produktivität in der Industrie aufrechtzuerhalten. Klassische Produktionsplanung reicht nicht mehr aus.
Stand: 08.12.2025
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Für Harting liegt ein zentraler Hebel in der Nutzung digitaler Zwillinge. Diese ermöglichen es, Produktionsprozesse präzise zu überwachen, Engpässe frühzeitig zu erkennen und Anlagen proaktiv zu warten. Damit lässt sich auch mit weniger Personal ein hoher Qualitätsstandard sichern – gerade in der Serienfertigung, wo Effizienz und Wiederholgenauigkeit entscheidend sind. Der digitale Zwilling wird damit zum strategischen Werkzeug, um den Fachkräftemangel nicht nur zu kompensieren, sondern produktiv zu nutzen.
Elektrifizierung als Standortfaktor
Für Harting und Ruskowski ist die Elektrifizierung kein Nice-to-have, sondern ein industriepolitischer Imperativ. Strom ist, anders als fossile Energieträger, vollständig regenerativ erzeugbar und damit die zentrale Voraussetzung für eine nachhaltige Produktionswirtschaft. Die Vision der All Electric Society steht dabei nicht nur für CO₂-Neutralität, sondern auch für systemische Effizienz.
Ruskowski verweist auf internationale Entwicklungen, etwa den Rückgang des Benzinverbrauchs in China trotz wachsender Zulassungszahlen. Das sei ein Zeichen für den beginnenden Strukturwandel. Auch ökonomisch sei der elektrische Pfad attraktiver: Batteriefertigung, Ladeinfrastruktur und Stromnetze entstehen längst in Eigenregie der Industrie. Wer diesen Weg früh beschreitet, verschafft sich einen robusten Wettbewerbsvorsprung. (mc)