Denkanstoß Warum Softwaredokumentation ungeliebt ist

Autor / Redakteur: Peter Siwon* / Martina Hafner

Fahren Sie schneller als gewohnt, um einen knappen Termin zu erreichen? Haben Sie eine Affäre? Finden Sie, dass die Software in Ihrem Unternehmen ausreichend dokumentiert und getestet ist? Steht das jeweils langfristige Risiko in einem angemessenen Verhältnis zu dem kurzfristigen Gewinn, der dadurch erzielt wird?

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Eine wahre Geschichte: Gerade hat Stefan Rührig (Name geändert) einen Softwarefehler behoben, den er von seinem Vorgänger geerbt hat. Die Behebung der Altlast war sehr mühsam, weil der gute Kollege bei der Erstellung seines Softwerkes alle Register der Programmiertrickkiste gezogen hatte. Gleichzeitig hat er durch seine spärliche bzw. nicht vorhandene Dokumentation gezeigt, dass er nicht gewillt war, seine Nachwelt an seiner Genialität teilhaben zu lassen. Da die Fehlerbehebung das bereits laufende neue Projekt von Rührig in weiteren Verzug brachte, war dieser froh, als die Sache irgendwie lief. Abgehakt! Dokumentation? Keine Zeit! Kennen Sie das? Bei Softwareprojekten stirbt die Dokumentation zuerst und die Hoffnung, dass das gut geht, zuletzt.

Der Mensch hat eine natürliche Neigung zu kurzfristigem Lustgewinn oder zur schnellen Vermeidung von Unannehmlichkeiten, auch wenn er dafür langfristig hohe Risiken eingeht. Der Grund liegt darin, dass die emotionale Zentrale im Gehirn (limbisches System) und das Hormonsystem schnell auf angenehme oder unangenehme Reize reagieren.

Mit etwas Verzögerung tritt dann der Verstand auf die Bühne. Er hat zwar die Chance, Einspruch zu erheben, doch wurden bereits biologische Tatsachen geschaffen, die nicht so leicht zu überstimmen sind. Im Falle des Softwerkers ist die Stressreaktion stärker als alle Vernunft. Anstatt in Opposition zu gehen, ist es für den Verstand viel einfacher, in die gleiche Kerbe zu schlagen wie das Hormonsystem: „Beim letzten Mal ging es auch gut“. „Ich kümmere mich darum, wenn ich Zeit habe“.

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Warum wir den Verstand nutzen, um unsinniges Handeln zu rechtfertigen

Leider benutzen wir unseren Verstand sehr oft, um unsinniges Handeln zu rechtfertigen, anstatt es zu verhindern. So können wir nicht nur unser positives Selbstbild erhalten, sondern erzeugen Konsistenz von Handeln und Denken. Psychologen haben herausgefunden, dass der Mensch ein natürliches Bedürfnis nach dieser Konsistenz hat. Der Verstand folgt also oft den Hormonen statt der Vernunft. Dies führt in Softwareprojekten in einen Teufelskreis. Hoher Druck erzeugt Stress. Der Mensch versucht nun intuitiv, dem Druck auszuweichen, um in einen angenehmeren Zustand zu kommen.

(Archiv: Vogel Business Media)

Der schnellste Ausweg für Softwerker ist es, die Software möglichst schnell irgendwie zum Laufen zu bringen oder loszuwerden. Dies fällt umso leichter, weil in vielen Unternehmen bei allen Lippenbekenntnissen zu Qualität, Wiederverwendbarkeit, Dokumentation und Test das gelebte Ziel der Softwareentwicklung tatsächlich nur lautet: Hauptsache es läuft!

Solange sich diese Zielsetzung nicht ändert, werden in Softwareprojekten kurzfristige aber wenig tragfähige Erfolgserlebnisse auf Kosten langfristiger Risiken erkauft. Wie wäre es mit folgender Zielsetzung: Die Einhaltung gesetzter Qualitätsmaßstäbe hat für alle Projektbeteiligte absoluten Vorrang.

Das mag zwar kurzfristig nicht immer leicht sein, aber langfristig zahlt es sich aus. Erweisen sich diese Maßstäbe als nicht praktikabel, dann sollten die Beteiligten ihre Kreativität einsetzen, um sie oder die gegebenen Randbedingungen zu verändern, anstatt gesetzte Regeln zu umgehen und sich Ausreden auszudenken.

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