Vom menschlichen Gehirn inspirierte Computerchips könnten Anwendungen der Künstlichen Intelligenz deutlich energiesparender machen. Einen international führenden Standort für neuromorphe KI-Hardware planen Wissenschaftler des Forschungszentrums Jülich und der RWTH Aachen University gemeinsam mit Unternehmen.
Der Funke springt über: Das Gehirn stellt eine enorme Rechenleistung äußerst energieeffizient bereit. Neuromorphe Computerchips sollen diese Fähigkeiten nachbilden.
Eine technologische Basis für neuroinspirierte KI-Hardware aus Europa etablieren – das ist das Ziel des Zukunftsclusters NeuroSys und des Neurotec-Projekts, in dem das Forschungszentrum Jülich und die RWTH Aachen miteinander kooperieren. Im Großraum Jülich-Aachen soll dazu in Zusammenarbeit mit in der Region ansässigen Hightech-Firmen ein international führender Standort für neuromorphe Hardware entstehen – Computerchips nach dem Vorbild des menschlichen Gehirns.
Neurotec ging Ende 2021 in die zweite Phase und erhält dafür vom Bundesministerium für Bildung und Forschung (BMBF) eine Gesamtförderung von rund 36 Millionen Euro über fünf Jahre. Das Zukunftscluster „NeuroSys – Neuromorphe Hardware für autonome Systeme der Künstlichen Intelligenz“ hatte sich im letztjährigen Ideenwettbewerb Clusters4Future durchgesetzt und wird vom BMBF mit bis zu 45 Millionen Euro gefördert.
In unserem Interview erläutert Prof. Rainer Waser vom Forschungszentrum Jülich und der RWTH Aachen, Koordinator von Neurotec (Neuro-inspired Technology of Artificial Intelligence for Future Electronics) gemeinsam mit Prof. Max Christian Lemme von der RWTH Aachen und der AMO GmbH, Koordinator des Zukunftsclusters NeuroSys (Neuromorphic Hardware for Autonomous Systems of Artificial Intelligence) den aktuellen Stand der Entwicklungen.
Prof. Rainer Waser, wofür genau brauchen wir solche neuromorphen Computerchips nach dem Vorbild des menschlichen Gehirns?
In Neurotec haben wir ein zukunftsträchtiges Gebiet im Blick, nämlich Hardware für Anwendungen der Künstlichen Intelligenz. Mit unserem Ansatz adressieren wir dabei ein ganz grundlegendes Problem, das Energieproblem: Denn der Einsatz von KI ist momentan noch sehr energieintensiv. Das Training der Modelle erfolgt in der Regel auf Superrechnern und benötigt immer mehr Rechenzeit. Alle drei bis vier Monate verdoppelt sich der Rechenaufwand, dies ist zumindest der Trend der letzten Jahre.
Neuromorphe Systeme mit künstlichen Synapsen versprechen, diese Aufgaben deutlich – um mehrere Größenordnungen – effizienter zu lösen, als es mit herkömmlichen Digitalrechnern möglich ist. Langfristig denkbar ist eine Vielzahl von Anwendungen: von kleinsten Nanosensoren, dem „Smart dust“, über intelligente Implantate mit energieautarker KI-Regelung, Mustererkennungschips in mobilen Endgeräten, online-trainierbare Steuerungen in der Industrie 4.0, fahrzeugbasierte KI-Elektronik für autonomes Fahren bis hin zu den Großrechneranlagen, die ihrerseits das Gehirn emulieren oder zentral komplexe KI-Aufgaben für die umliegende Wirtschaft lösen.
Das Neurotec-Projekt wird durch das Sofortprogramm für den Strukturwandel gefördert. Es soll dazu beitragen, bereits vor dem Ende der Braunkohle im Rheinischen Revier neue Jobs zu schaffen. Was genau schwebt Ihnen da vor?
Wir planen eine Unterstützung der ansässigen Industrie insbesondere im Bereich der Basistechnologien. Die beruflichen Branchen, die wir dabei adressieren, reichen weit über die eigentliche Chipfertigung hinaus. Das beinhaltet etwa auch den Anlagenbau, Messtechnik sowie die Elektronikentwicklung. Die Projektphase Neurotec II ist seit November 2021 sehr gut angelaufen und nahezu alle Arbeitspakete sind im Zeitplan. Einige Arbeitspakete sind ihrer Zeit sogar etwas voraus.
Sein Vorbild ist das menschliche Gehirn: Prof. Rainer Waser entwickelt Computer-Chips, die weit weniger Energie verbrauchen als heute gebräuchliche elektronische Bauteile. Ein wichtiger Schritt auf dem Weg zum Supercomputer von morgen.
(Bild: Forschungszentrum Jülich / Sascha Kreklau)
Die Technologie befindet sich derzeit noch in der Forschungs- und Entwicklungsphase. Trotzdem gibt es bereits erste konkrete Erfolge zu verzeichnen. Dabei handelt es sich naturgemäß zunächst vorrangig um Arbeitsplätze für spezialisierte Fachkräfte, bevor es mit fortgeschrittener Technologiereife dann später auch verstärkt in Richtung industrielle Fertigung gehen wird, wenn die Technologie in der Breite in die Anwendung kommt. Ein aktuelles Beispiel: Prof. Heuken von der Aixtron SE hat auf dem Jülich-Aachen Neuromorphic Computing Day gezeigt, welche Perspektiven sich in den nächsten Jahren hinsichtlich neuer Arbeitsplätze bei Aixtron im Zusammenhang mit den neuen 2D-Materialien eröffnen werden. Diese Materialien werden im Neurotec-Projekt auf ihre Eignung für neuromorphes Computing untersucht.
Stand: 08.12.2025
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Welche Vorteile bietet diese neuromorphe Hardware, die Sie entwickeln?
Konventionelle Computerchips basieren auf Transistoren. Diese Transistoren möchten wir gerne um ein neuartiges memristives Bauelement ergänzen. Ein solcher „Widerstand mit Gedächtnis“ ähnelt den Synapsen in natürlichen Nervenzellen und eignet sich daher ganz besonders für künstliche neuronale Netzwerke, wie sie für Anwendungen der künstlichen Intelligenz verwendet werden.
Ein wichtiges Merkmal neuromorpher Chips besteht darin, dass Rechenprozesse und Informationsspeicher nicht mehr physisch voneinander getrennt sind. Der Datentransfer zwischen Prozessor und Speicher, der auf herkömmlichen Rechnern mit sogenannter Von-Neumann-Computerarchitektur kontinuierlich stattfindet, ist äußerst energieintensiv und bremst die Berechnungen aus. Wir stellen uns dagegen neuromorphe Chips mit künstlichen Synapsen vor, die beides können: Informationen speichern und zugleich verarbeiten. Das Rechnen wird dann direkt im – nichtflüchtigen – Speicher durchgeführt, man bezeichnet das auch als Computing-in-Memory. Und es ermöglicht es, Informationen hochgradig parallel zu verarbeiten. Vorbild ist hierbei tatsächlich das menschliche Gehirn, das im Schnitt gerade einmal 20 Watt benötigt. Das liegt mehrere Größenordnungen unter dem Energiebedarf eines Superrechners, der mittels KI ähnliche Funktionen erfüllt.
Prof. Max Christian Lemme: RWTH Aachen und AMO, Koordinator des Zukunftsclusters NeuroSys (Neuromorphic Hardware for Autonomous Systems of Artificial Intelligence).
(Bild: RWTH Aachen)
Prof. Max Christian Lemme, im Zukunftscluster NeuroSys treiben Sie komplementär die Entwicklungen auf dem Gebiet der neuromorphen Hardware voran. Das Thema wird auch global intensiv verfolgt. Wo steht die Region im Blick auf die weltweite Konkurrenz
Die Zukunftscluster-Initiative des BMBF hat explizit das Ziel, exzellente Spitzenforschung schnell in Anwendungen zu überführen, und das in regionalen Verbünden. Um das zu erreichen haben wir im Zukunftscluster NeuroSys Forscher:innen entlang der gesamten Wertschöpfungskette vereint, die jeweils in ihrer Disziplin weltweite Sichtbarkeit haben. Dazu kommen regionale Unternehmen und Start-Ups aus der High-Tech Branche. Wir decken nun den gesamten Bereich von neuen Materialien bis zur Bild- und Sprachverarbeitung und Medizintechnik ab, und erweitern das Konzept mit sozio-ökonomischen Fragestellungen – also Forschung zur Ethik von KI, zu Folgen für den Arbeitsmarkt und zu gangbaren Geschäftsmodellen für „KI Hardware Made in Europe“.
Ein Beirat aus Wissenschaftler:innen und internationalen Konzernen runden den Cluster ab. Ich wage also zu sagen, dass wir mit der weltweiten Konkurrenz auf Augenhöhe sind. Was in der Region fehlt ist eine moderne Halbleiterfabrik für KI-Chips, deren Ansiedlung wir in unserer Vision formuliert haben. Mit den exzellent ausgebildeten Ingenieur:innen und Naturwissenschaftler:innnen in der Region inklusive Belgien, Niederlande und Ruhrgebiet, der Nähe zu dem Forschungsinstitut IMEC in Belgien und dem führenden Hersteller für Lithografie-Anlagen ASML in den Niederlanden haben wir hervorragende Argument.
Wie weit ist die Technologie schon?
Wie so oft gibt es dazu keine einfache Antwort. Man kann mit herkömmlicher Technologie bereits spezielle neuromorphe Chips herstellen. Diese sind aber noch weit von der Energieeffizienz des Gehirns entfernt. Hier können uns die neuen Technologien aus resistiv schaltenden Oxiden, Phasenwechselmaterialien oder auch 2D-Materialien deutlich weiterbringen. Allerdings ist deren Einsatz immer eine Frage der industriellen Herstellbarkeit. Diese ist von Material zu Material verschieden und es sieht derzeit so aus, als würde jede Generation neuer Materialien auch wieder einen Schub an Effizienz bringen. Es ist daher sehr wichtig, bereits jetzt in den beiden Projekten eng mit Herstellern von Materialabscheideanlagen wie Aixtron aus Herzogenrath oder Deep Tech Start-Ups wie Black Semiconductor oder Aixscale Photonics zusammenzuarbeiten.
Parallel arbeitet der Zukunftscluster aber auch auf den höheren Ebenen der Wertschöpfungskette mit der Industrie zusammen. Hier gibt es einige Start-Ups in der Region wie Clinomic, Gremse-IT oder ein bereits kurz nach dem NeuroSys Start mitgegründetes Unternehmen meines RWTH Aachen Kollegen Prof. Rainer Leupers. Wir arbeiten also auf allen Technologieebenen bereits an der Umsetzung der Ziele und sind nach einem hervorragenden fliegenden Start noch immer in der Beschleunigungsphase!