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1. Vorurteil: Das AM-Werkzeug ist zu komplex
Ein AM-Werkzeug ist in der Regel nur dann komplex, wenn man mit dem Werkzeug nicht vertraut ist. Ohne vorherige Schulung endet die erste Bedienung unweigerlich in einer ablehnenden Haltung. Zu Recht erwarten die betroffenen Mitarbeiter eine Schulung zur Verwendung des AM-Werkzeuges. Von einer Schulung allein wird jedoch niemand gleich zum erfahrenen Anwender. In der Anfangszeit müssen die Benutzer des AM-Werkzeuges erfahrene Coaches als Ansprechpartner haben.
2. Vorurteil: Das AM-Werkzeug passt nicht zu unserem Prozess
Unterstützen AM-Werkzeuge die Standardprozesse der meisten Unternehmen wirklich nicht? Das ist unwahrscheinlich. Tatsächlich ist damit oft eher folgendes gemeint: „Ich kann Anforderungen nicht mehr mit Microsoft Word bzw. Microsoft Excel erstellen und bearbeiten.“ Es gibt jedoch bestimmte AM-Werkzeuge, die über entsprechende Schnittstellen auf solche Bedürfnisse eingehen.
Dieses Vorurteil ist aber auch dann anzutreffen, wenn nicht alle Anwender in die Werkzeug-Evaluierung eingebunden waren oder wenn das Unternehmen ein bestimmtes Werkzeug vorschreibt. Dann fühlen sich die Mitarbeiter übergangen und ihr Ego steht der Akzeptanz des neuen Werkzeuges im Weg. Manchmal passt das AM-Werkzeug jedoch tatsächlich nicht zum Prozess: Nämlich dann, wenn man vorher kein systematisches Anforderungsmanagement betrieben hat.
Bevor Sie das falsche Werkzeug zu schnell einführen, führen Sie lieber erst einmal keines ein. Gut Ding will Weile haben. Das falsche Werkzeug bringt Ihnen tatsächlich keinen Nutzen.
3. Vorurteil: Das AM-Werkzeug erhöht die Qualität unseres Anforderungsmanagement-Prozesses nicht
Sollte diese Aussage zutreffen, wäre das für die meisten Projekte akzeptabel. Hauptsache das AM-Werkzeug verschlechtert die Qualität nicht. Aber oft werden im Rahmen der Einführung eines AM-Werkzeuges auch Änderungen am Prozess vorgenommen. So kann aus einem guten Prozess ein schlechter werden.
Stattdessen sollte der existierende Prozess im AM-Werkzeug umgesetzt werden. Eine zeitgleiche Änderung des Prozesses verschleiert eventuell den Nutzen des AM-Werkzeuges, da je nach Größe diese Prozessänderung auch erst mal umgesetzt und akzeptiert werden muss.
4. Vorurteil: Der Mehraufwand ist zu groß, dafür haben wir keine Zeit
Projektteams, denen das Unternehmen ein AM-Werkzeug vorschreibt, sie aber bei der Einführung nicht unterstützt, haben häufig Angst vor dem Mehraufwand. Ein AM-Werkzeug lässt sich tatsächlich nicht gut nebenbei in einem laufenden Projekt einführen.
Das Unternehmen muss die Einführung eines AM-Werkzeuges als Projekt aufsetzen, mit eigenem Budget und eigenen Ressourcen. Dabei muss auch bedacht werden, dass sich die ersten Projekte trotz Schulungen und Coaching erst einmal mit dem neuen Werkzeug vertraut machen müssen. Der Nutzen stellt sich erst später ein.
1. Klassiker: Erst den Prozess definieren, dann das Werkzeug einführen
Obwohl jeder weiß, dass die Prozessdefinition Priorität vor der Werkzeugeinführung hat, wird es ganz oft andersherum gemacht. Bei der Werkzeugevaluierung müssen jedoch spezifische Anforderungen an das AM-Werkzeug berücksichtigt werden, die sich erst aus dem Prozess ergeben. Oft erlebt: Bei der Konfiguration des AM-Werkzeuges stellt man fest, dass der Prozess noch nicht vollständig ist.
Beispielsweise sollen im Werkzeug Attribute für Anforderungen definiert werden; bisher wurden aber keine Attribute verwendet, da die Anforderungsdokumente mit Textverarbeitungsprogrammen erstellt wurden, die nur aus Kapiteln, Text und Grafiken bestehen. Also lässt man sich hinreißen von den neuen Möglichkeiten und erstellt viel zu viele Attribute.
2. Klassiker: A fool with a tool is still a fool
Das beste AM-Werkzeug nützt nichts, wenn es nicht oder nicht richtig verwendet wird. Wenn der aus ca. 20 Sätzen bestehende Abschnitt 3.4.7 eines Lastenheftes des Kunden als eine Anforderung betrachtet wird, dann stoßen gegensätzliche Welten aufeinander. Hier sind erst einmal Grundlagenschulungen zum Anforderungsmanagement notwendig, wie sie der Foundation Level Lehrplan des International Requirements Engineering Board vorgibt [IREB11].
Aber das Wissen um die richtigen Methoden allein reicht genauso wenig aus: Die Aufgaben müssen auch umgesetzt werden. Wenn der Bearbeiter die vorgesehene Beziehung zwischen Kunden- und Systemanforderungen nicht füllt, dann ist es egal, ob Anforderungen mittels Dokumenten, wie in Lasten- und Pflichtenheft, oder mit einem AM-Werkzeug verwaltet werden.
Den Faktor Mensch nicht außen vor lassen
Der Kampf Mensch gegen Maschine tobt insbesondere gerne bei der Einführung von Anforderungsmanagement-Werkzeugen. Daher existieren hier zahlreiche Vorurteile. Gerade der Faktor Mensch muss bei der Einführung entsprechend berücksichtigt werden.
Oft beruhen die Vorurteile nicht nur auf mangelnden Fähigkeiten, sondern auch auf anderen Werten und Überzeugungen. Letzten Endes kann ein AM-Werkzeug den Menschen bei seinen Tätigkeiten nur unterstützen.
Literatur
[IREB11] Lehrplan Foundation Level International Certified Professional for Requirements Engineering, Version 2.1 vom 01.03.2011, http://www.certified-re.de/lehrplaene/foundation-level.html, aufgerufen am 06.04.2011
[DILT06] Robert B. Dilts: Die Veränderung von Glaubenssystemen, Junfermann, 2006
[NLPEDI] NLPedia: Logische Ebenen, http://nlpportal.org/nlpedia/wiki/Logische_Ebenen, aufgerufen am 06.04.2011
[SWGH08] Jürgen Schmied, Paul-Roux Wentzel, Michael Gerdom, Uwe Hehn: Mit CMMI Prozesse verbessern!, dpunkt, 2008
* * Jens Palluch ist bei Method Park als Trainer und Berater tätig und verantwortlich für das Systems Engineering und Requirements Engineering.
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