Auf dem Fachkongress „Power of Electronics 2025“ enthüllt Guido Körber eine entscheidende Einsicht: Unser wachsender Energiebedarf kann nachhaltig und kosteneffizient mit erneuerbaren Energien gedeckt werden. Doch anhaltende Mythen und der fehlende politische Wille bremsen Deutschlands Fortschritt und Innovationskraft aus.
In der Keynote auf dem Fachkongress „Power of Electronics 2025“ rechnet Guido Körber mit den hartnäckigsten Mythen der Energiewende in Deutschland ab.
(Bild: Stefan Bausewein)
„In der Energiepolitik wird unheimlich viel Unsinn erzählt – Behauptungen, die keinerlei Grundlage in den Technikwissenschaften haben.“ Mit diesen klaren Worten eröffnet Guido Körber, Geschäftsführer von Code Mercenaries aus Berlin, seine Keynote am zweiten Kongresstag der Power of Electronics 2025.
Es folgt keine ideologische Rede, sondern eine faktenbasierte Abrechnung mit den hartnäckigsten Mythen der Energiewende. Gleichzeitig ist es ein dringender Appell an die Politik, die bestehenden Blockaden endlich zu beseitigen. Diese Blockaden sind vor allem regulatorischer oder bürokratischer Natur und bremsen den Einsatz erneuerbarer Energien und deren Speicherung.
Körber macht gleich zu Beginn klar: Die Energiewende ist keine Frage des „Ob“, sondern des „Wie schnell bauen wir die Infrastruktur aus“. Die Technologie ist da, die Sonne liefert täglich ein Vielfaches dessen, was Deutschland benötigt. Die Tage, an denen Solar und Wind den Strombedarf abdecken, werden mehr. „Es ist wirklich nur eine Frage dessen, wie man das ausbaut", fasst Körber die technische Realität zusammen.
Doch statt eines beschleunigten Ausbaus, diskutiert vor allem die Politik in Deutschland noch immer über längst widerlegte Mythen. Körber nimmt sich die Zeit, diese mit harten Zahlen und Fakten aus der Ingenieurspraxis systematisch zu dekonstruieren.
Zur Person
Guido Körber ist Geschäftsführer der Code Mercenaries Hard- und Software GmbH mit Sitz in Berlin. Das 1997 gegründete Unternehmen hat sich als Spezialist für USB-Peripherie-Controller einen Namen gemacht: Von Joystick-Controllern über Tastatur- und Maus-Interfaces bis zu Sensor-Schnittstellen und LED-Treibern reicht das Portfolio. Produkte wie der JoyWarrior, KeyWarrior oder SpinWarrior werden weltweit in industriellen Anwendungen und Consumer-Produkten eingesetzt. Seit Jahren engagiert sich Körber intensiv in energiepolitischen Debatten. Seine Expertise aus der Embedded-Systems-Entwicklung kombiniert er mit einem tiefen Verständnis für Energietechnik und Leistungselektronik.
Mythos 1: Die Energiewende ist zu teuer
Ein Blick nach Frankreich genügt, um diesen Mythos zu widerlegen. Körber rechnet vor: Das Atomkraftwerk Flamanville 3 sollte vor zwölf Jahren ans Netz gehen, läuft bis heute nicht stabil und hat über 20 Mrd. Euro gekostet. „Auf jeder Kilowattstunde, die es in den ersten 20 Jahren produzieren kann, sind acht Cent allein reine Baukosten“, erklärt Körber. Zum Vergleich: Solarstrom ist längst günstiger und das ohne die versteckten Kosten fossiler Abhängigkeiten.
Mythos 2: Erneuerbare sind zu instabil
„Batteriespeicher können binnen Millisekunden eingreifen und die Netzfrequenz stabilisieren“, sagt Körber. Lithium- und Natrium-Ionen-Zellen haben eine Reaktionsgeschwindigkeit, die innerhalb einer Halbwelle korrigierend wirken kann. Das ist schneller als jedes konventionelle Kraftwerk. Während in der Diskussionsrunde ein Teilnehmer vor Stromausfällen warnt, verweist Körber auf die Fakten: „Die Energiemenge, die wir von der Sonne jeden Tag bekommen, ist so gewaltig groß, dass es ein x-faches von dem ist, was wir aktuell überhaupt benötigen. Selbst bei zusätzlichen Großverbrauchern wie KI-Rechenzentren, die bis 2035 hunderte Gigawatt abrufen werden, bleibt die Antwort dieselbe: Die Energie ist verfügbar. Es fehlt nur der politische Wille, die Infrastruktur entsprechend auszubauen.
Mythos 3: Der Primärenergiebedarf ist zu hoch
Ein häufiger Trick in der Debatte ist laut Körber, die Primärenergie im Petajoule zu messen, ähnlich wie eine Fahrstrecke von Berlin nach München in Millimetern anzugeben, wie er es kritisch formuliert. Tatsächlich benötigt Deutschland rund 3.100 Terawattstunden Primärenergie. Doch bei der Diskussion über den Energiebedarf muss auch die Effizienz betrachtet werden: Die Verluste bei der Nutzung fossiler Brennstoffe sind deutlich höher als bei erneuerbaren Energien. Erneuerbare Energien wie Solar- und Windkraft verursachen erheblich geringere Energieverluste, was den tatsächlichen Primärenergiebedarf verringert. Für die Elektronik- und Halbleiterbranche bedeutet das konkret: Der Bedarf an Wechselrichtern, DC-Wandlern, Batteriemanagement-Systemen und Smart-Grid-Komponenten wird massiv steigen. Die Märkte entstehen mit oder ohne deutsche Beteiligung.
Die komplette Keynote im Video
Mehr Blockaden aus der Energiewirtschaft
In knapp einer Stunde nahm sich Guido Körber Zeit, nicht nur auf die Mythen der Energiewende einzugehen, sondern auch die Blockaden der Energiewirtschaft zu analysieren.
(Bild: Stefan Bausewein)
„Die größte Hürde ist nicht die Technologie, sondern der Widerstand der alten Energiewirtschaft.“ Wer jahrzehntelang mit zentralisierten fossilen Strukturen und hohen Margen verdient hat, blockiert die Transformation. „Fossil ist eigentlich tot", stellt Körber fest. Die Investitionen in fossile Energieträger gehen massiv zurück, die Versorgung wird unzuverlässiger und teurer. Doch statt die energiewirtschaftliche Realität anzuerkennen, verzögern Interessensgruppen den notwendigen Umbau.
Körbers Forderungen an die Politik:
1. Großverbraucher an der Umsetzung der Versorgung beteiligen. Rechenzentren und andere Großabnehmer dürfen nicht einfach erwarten, dass die Allgemeinheit ihre Infrastruktur bezahlt. „Dann sollen die bitte sehr mit einem Konzept kommen, wie sie den Strom denn da hinbekommen“, fordert Körber. Wer hunderte Gigawatt für KI-Systeme abrufen will, muss auch Verantwortung für die Versorgung übernehmen.
2. Strompreiszonen einführen. Körber kritisiert, dass Strom „die einzige Ware ist, die ich in ganz großen Mengen über fast beliebige Entfernungen einkaufen kann. Die anderen müssen für den Transport zahlen.“ Die Lösung: netzabhängige Strompreise und Preissignale. Wenn das Netz ausgelastet ist, müssen die Netzentgelte steigen. „Wir brauchen Preissignale“, sagt Körber.
3. Ausbau beschleunigen, Genehmigungen vereinfachen. Die Technologie ist da, die Komponenten sind verfügbar, die Leistungselektronik-Branche steht bereit. Was fehlt, sind klare Rahmenbedingungen und beschleunigte Genehmigungsverfahren.
„Wir müssen für die Energiewende schnell die notwendige Infrastruktur aufbauen“, sagt Guido Körber. Was fehlt, sind klare politische Rahmenbedingungen, beschleunigte Genehmigungen und der Mut, Großverbraucher in die Pflicht zu nehmen.
(Bild: Hendrik Härter)
Körber warnt: „Wer jetzt nicht transformiert, wird verlieren.“ Andere Länder investieren massiv und bauen ihre Position in Zukunftsmärkten aus. Das reicht von Wechselrichtern über Batteriemanagement-Systeme bis zu Smart Grid. Für die deutsche Elektronik-, Halbleiter- und Automatisierungsbranche ist das keine abstrakte Bedrohung, sondern eine konkrete Herausforderung.
Stand: 08.12.2025
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„Das betrifft nicht nur die Energiebranche, sondern auch Elektronik, Halbleiter, Automatisierung und Industrie 4.0“, sagt Körber. Neue Geschäftsmodelle, energieautarke Industriebetriebe und dezentrale Versorgungskonzepte entstehen. Mit oder ohne die etablierten Player.
In der anschließenden Diskussion geht Körber auf verschiedene Speichertechniken ein. Während Lithium- und Natrium-Ionen-Batterien dank ihrer hohen Reaktionsgeschwindigkeit binnen Millisekunden die Systemdienstleistungen übernehmen können, sieht er für Redoxflow-Batterien andere Einsatzgebiete: „Die sind nicht gut geeignet, die Systemdienstleistung zu erbringen. Aber für die längerfristige Speicherung, also wenn ich jetzt über Tage spreche, da könnten sie wahrscheinlich durchaus aushelfen.“
Körber erwähnt auch Aluminium-Ionen-Zellen und Zink-Ionen-Zellen als vielversprechende Entwicklungen aus dem Labor. „Es gibt immer diese schönen plakativen Meldungen aus dem Labor“, sagt er. „Dann stellt man fest: Die haben so eine kleine Batterie.“ Doch er ist optimistisch: „Weitere Technologien werden kommen. Man muss auf jeden Fall offen für diese sein.“ (heh)