Bitkom-Umfrage zu hybriden Bedrohungen Unternehmen können ohne Internet im Schnitt nur 20 Stunden weiterarbeiten

Von Sebastian Gerstl 3 min Lesedauer

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Eine Bitkom-Befragung zeigt: Bei einem Internetausfall würde jedes fünfte deutsche Unternehmen sofort stillstehen. 83 Prozent erwarten eine Krise durch hybride Angriffe. Gleichzeitig befürchtet mehr als die Hälfte aller Unternehmen in den nächsten 5 Jahren einen Konflikt zwischen Russland und einem NATO-Land.

Kritische Bedrohungslage? 83% aller befragten deutschen Unternehmen befürchten, dass sogenannte kritische Angriffe zu ener ernsthaften unternehmerischen Krise führen dürften. Doch ernsthaft auf so eine Krise vorbereitet ist kaum jemand.(Bild:  Bitkom)
Kritische Bedrohungslage? 83% aller befragten deutschen Unternehmen befürchten, dass sogenannte kritische Angriffe zu ener ernsthaften unternehmerischen Krise führen dürften. Doch ernsthaft auf so eine Krise vorbereitet ist kaum jemand.
(Bild: Bitkom)

Stromausfall durch zerstörte Leitungen, Sabotage an Internetkabeln oder mit Ransomware lahmgelegte Fabriken: Hybride Bedrohungen treffen Deutschland zunehmend – und viele Unternehmen sehen sich darauf nicht ausreichend vorbereitet. Das ist das Ergebnis einer Befragung von 604 Unternehmen ab 10 Beschäftigten in Deutschland im Auftrag des Digitalverbands Bitkom, die im Vorfeld der Münchener Sicherheitskonferenz und der Munich Cyber Security Conference vorgestellt wurde.

Im Fall eines Internetausfalls könnten Unternehmen ihren Geschäftsbetrieb im Durchschnitt nur 20 Stunden aufrechterhalten. Jedes fünfte Unternehmen (21 Prozent) müsste sogar sofort die Arbeit einstellen. Nur 8 Prozent sind sicher, länger als 48 Stunden weiterarbeiten zu können.

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Bitkom-Präsident Dr. Ralf Wintergerst verweist darauf, dass es neben einzelnen, öffentlich sichtbaren Ereignissen „ganz viele unter der Schwelle liegende Angriffe auf Infrastrukturen und auf Unternehmen“ gebe, die zunehmen. Der Anschlag auf Stromleitungen in Berlin, durch den Anfang Januar mehr als 100.000 Menschen mehrere Tage ohne Strom waren und über 2.000 Unternehmen betroffen waren, zeige exemplarisch die möglichen Folgen.

Bedrohungslage: Mehrheit rechnet mit Krise durch hybride Angriffe

Drei Viertel der Unternehmen (74 Prozent) erwarten wegen der Spannungen zwischen Russland und der NATO eine erhöhte Gefahr hybrider Angriffe. 83 Prozent halten eine ernsthafte Krise in Deutschland infolge solcher Angriffe für wahrscheinlich. Zudem gehen 53 Prozent von einer militärischen Konfrontation zwischen Russland und der NATO in den kommenden fünf Jahren aus. Wintergerst beschreibt diese Einschätzungen als „Alarmvektor“, der zeige, wo die deutsche Wirtschaft in der Bewertung von Risiko und Gefahrenszenario derzeit stehe.

Auch die Einschätzung zur Gesamtvorbereitung fällt kritisch aus: 73 Prozent sagen, Deutschland sei im internationalen Vergleich unzureichend auf hybride Angriffe vorbereitet.

Energie, Zahlungsverkehr, Kommunikation: kritische Abhängigkeiten

Als besonders gefährdet sehen Unternehmen die Energieversorgung (90 Prozent) sowie Banken und Versicherungen (89 Prozent). 64 Prozent nennen zudem Telekommunikation und IT als stark gefährdet. Entsprechend groß wären die Auswirkungen erfolgreicher Attacken auf das eigene Unternehmen: Bei Angriffen auf die Energieversorgung erwarten 97 Prozent große Folgen, bei Banken und Versicherungen 88 Prozent, bei Telekommunikation und IT 85 Prozent.

Wintergerst ordnet die Prioritäten so ein: „Neben der Energieversorgung sind das Finanzwesen und die Kommunikation die neuralgischen Punkte der deutschen Wirtschaft.“ Ohne Energie werde Produktion schwierig, ohne funktionierenden Zahlungsverkehr ließen sich Geschäftsvorgänge kaum abwickeln, und ohne Telekommunikation und IT gerieten auch Abstimmungen und grenzüberschreitende Transaktionen ins Stocken. Gleichzeitig unterstreiche die 20-Stunden-Marke, wie stark Geschäftsmodelle und Wertschöpfung heute von digitaler Infrastruktur abhängen.

Vorbereitung bleibt lückenhaft: Notfallpläne und Übungen selten

Viele Unternehmen halten es für wahrscheinlich, selbst Ziel hybrider Angriffe zu werden (59 Prozent). Bei 61 Prozent ist der Schutz vor solchen Attacken Chefsache. Dennoch hält sich kein Unternehmen für „sehr gut“ vorbereitet; nur 12 Prozent bewerten sich als eher gut vorbereitet. 38 Prozent sehen sich eher schlecht vorbereitet, weitere 40 Prozent gar nicht. Wintergerst betont: Ohne Notfallplan auf einen Angriff zu treffen, sei „eine ganz schlechte Variante“ – und Krisenübungen seien ein wirksames Mittel, um Prozesse und Reaktionsfähigkeit realistisch zu testen.

Bei konkreten Maßnahmen zeigt sich ein gemischtes Bild: 58 Prozent verfügen über alternative Kommunikationsmittel, 57 Prozent über Backups mit erfolgreichen Restore-Tests, 28 Prozent haben ein Krisen- oder Notfallmanagement. Regelmäßige Krisenübungen führen allerdings nur 10 Prozent durch. „Einen Notfallplan braucht jedes Unternehmen, er entscheidet über die Handlungsfähigkeit in den wichtigen ersten Stunden“, so Wintergerst.

Zusätzliche Herausforderungen entstehen im Krisen- oder Konfliktfall durch mögliche Personalausfälle: Nur 30 Prozent der Unternehmen haben einen guten Überblick, wie viele Beschäftigte den Zivilschutz unterstützen, und nur 20 Prozent wissen, wie viele im Ernstfall bei der Bundeswehr tätig würden.

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Beim Blick nach vorn planen 37 Prozent höhere Investitionen in die Vorbereitung auf hybride Angriffe (9 Prozent deutlich mehr, 28 Prozent eher mehr), 44 Prozent wollen unverändert investieren. Wintergerst verweist zugleich auf einen „Nachlaufeffekt“: Reaktionen auf steigende Bedrohungslagen setzten oft verzögert ein – auch, weil Ressourcen in Unternehmen durch umfangreiche regulatorische Anforderungen gebunden seien.

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Als weiteres Hemmnis nennen viele Unternehmen fehlende Informationen. Nur 22 Prozent fühlen sich ausreichend durch Sicherheitsbehörden informiert. Gleichzeitig erwarten 80 Prozent im Fall eines hybriden Angriffs die verlässlichsten Informationen von staatlichen Stellen wie BSI oder Katastrophenschutz. Wintergerst fordert daher ein klares, transparentes Lagebild sowie einheitliche Kommunikation. NIS2 setze zwar aus seiner Sicht „die richtigen Akzente“ für Netz- und Informationssicherheit, müsse aber erst umgesetzt werden – Regulierung könne den technologischen Wettlauf zudem grundsätzlich nicht in jedem Tempo abbilden. Entscheidend bleibe, dass Unternehmen pragmatisch umsetzen, üben und ihre Resilienz systematisch erhöhen. (sg)

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