Projektcoaching Stille Post im Projektalltag
Kennen Sie die „Stille Post“? Dieses Spiel führt meist zu großer Erheiterung. Bei Projekten erzeugen die dabei auftretenden Phänomene eher schlechte Laune.
Anbieter zum Thema
Bei der „Stillen Post“ sitzen die Spieler im Kreis. Eine Person denkt sich einen Satz aus, z.B. „Chantal hat den Marco letzte Woche geknutscht“, und flüstert ihn der benachbarten Person ins Ohr. Diese flüstert den Satz fröhlich so weiter wie sie ihn gehört hat. Schließlich kommt der Satz oder besser gesagt, was daraus geworden ist, am Ende der Flüsterkette an und wird dort laut ausgesprochen. Der Urheber des Satzes gibt das Original zum Besten, und alle amüsieren sich über die wundersame Verwandlung.
Was diese Transformationen betrifft, unterscheiden sich Flüsterketten bei z.B. Kindergeburtstagen nicht groß von der Kommunikation in der Welt der Erwachsenen. Bei einer Kinderparty beruht die Informationsverfälschung möglicherweise darauf, dass es am unnötigen Ernst fehlt. Wenn Erwachsene im Projekt kommunizieren, gibt es andere Ursachen für Missverständnisse. Sie liegen u.a. zwischen den Ohren des Empfängers, wo heimlich, still und leise „Stille Post“ gespielt wird.
Unser Körper hat großen Einfluss darauf, welche Informationen in unserem Bewusstsein ankommen: auf dem Weg der Informationen von der Außenwelt zum Bewusstsein spielen unendlich viele Körperzellen Stille Post.
Was wäre nun für Sie Realität, wenn Sie nicht wüssten, dass Sie am Ende einer „Stillen Post“ sitzen? Ein Beispiel: Sie kommen übelgelaunt ins Büro, weil Sie sich kurz zuvor mit Ihrem Partner gestritten haben. Auf Ihrem Schreibtisch finden Sie die Nachricht: „Hallo, wir stecken tief in der Sch… Dem Kunden ist heute Nacht die Anlage um die Ohren geflogen. Krisensitzung beim Chef!“
Schlagartig bringen Ihre Erfahrungen mit Begriffen wie Fehler und Chef ihr Hormonsystem in Wallung. Die Mitspieler in Ihrer inneren Stillen Post bauschen die Worte zu Schreckensszenarien auf. Wenn Sie wie ich ein temperamentvoller Typ sind, fluchen Sie, hauen mit der Faust auf den Tisch und marschieren in die Schlacht. Sie legen sich Ihren Angriffs- und Verteidigungsplan zurecht. „Ich habe doch gleich gesagt, wir müssen mehr testen!“
Auf dem Weg zum Chef kommt Ihnen ein freundlich grinsender Kollege entgegen. Sie denken sich: „Was fällt dem ein, in so einer Situation so blöd zu grinsen? Vielleicht bekommt er meinen Job!“ Vor der Tür des Chefs sind Sie so mit Adrenalin gesättigt, dass Sie keinen klaren Gedanken mehr fassen können. Wie in Trance treten Sie ein.
Da schallt es Ihnen entgegen: „April, April! Die Anlage läuft astrein. Der Kunde ist glücklich. Sekt?“ Alles was seit dem Lesen des Zettels passiert ist, wird schlagartig als pure Fiktion Ihres Nerven- und Hormonsystems entlarvt. Doch für Sie war es bis zu „April, April!“ Realität.
Wie oft begleitet uns die Fiktion unbemerkt in unseren Projekten, wollen wir nicht wahrhaben, was tatsächlich läuft? Wie oft ignorieren wir wertvolle Ideen oder berechtigte Bedenken, weil die „Stille Post“ sie aussortiert oder im Sinne unserer eigenen Stimmung interpretiert? Je höher der Druck oder die Euphorie, desto gnadenloser wird aussortiert und uminterpretiert. Wir erkennen nicht, dass wir am Ende einer „Stillen Post“ sitzen, deren unsichtbare Mitspieler Körper, Psyche und persönliche Erfahrung heißen.
Wie Sie die „Stille Post“ entlarven und überlisten
Unsere Geschichte zeigt, dass es drei innere Mitspieler gibt, die wir kennen sollten.
Physische Ausnahmezustände: Befinden wir uns in physischen Ausnahmezuständen, werden unsere Bedürfnisse die Notwendigkeiten des Projektes überstimmen. Wenn wir hungrig, durstig, müde oder verspannt sind, versuchen wir, Entscheidungen oder Handlungen schneller abzuhaken, um endlich die körperlichen Bedürfnisse zu stillen.
Alles was unseren Körper stresst, führt zur Verschiebung der inneren Prioritätenliste zu Ungunsten des Projekts. Dies gilt auch für Bewegungsmangel, schlechte Sitzhaltung, falsche Ernährung, ungesundes Raumklima oder mangelhafte Beleuchtung. Leider sind Pflichtbewusstsein oder Bequemlichkeit oft so groß, dass wir unserem Körper ohne Not sein Recht verwehren. Wen wundert es, wenn erjedes Hintertürchen nutzt, um uns für diesen Mangel an Loyalität in die Suppe zu spucken? Nehmen Sie sich immer wieder die Zeit herauszufinden, wie es Ihrem Körper geht. Machen Sie Pausen und hören Sie in sich hinein.
Psychische Ausnahmezustände: Hohe Erregungszustände begünstigen spontanes unreflektiertes Handeln. Dummerweise fällt es unserer Psyche schwer, dafür zu sorgen, dass sich die Wirkung einer Erregung nur auf ihre Ursache beschränkt. Wenn wir auf 180 sind oder im Rausch der Euphorie, wird die Wirkung dieser Gefühle auf uns nicht dadurch verschwinden, weil sie mit der aktuellen Situation nichts zu tun haben oder uns schaden könnten.
Es ist wichtig, dass wir uns darüber im Klaren sind und dafür sorgen, dass wir in psychischen Ausnahmezuständen keine schwerwiegenden Entscheidungen fällen. Faustregeln wie Eine-Nacht-darüber-schlafen oder das Vier-Augen-Prinzip können uns davor bewahren. Checklisten oder Richtlinien helfen, dass emotionsneutrale Kriterien unser Gemüt dämpfen. Wir sollten uns immer wieder klar machen, dass andere Menschen viele Situationen in unserem Leben gezielt so steuern, dass wir in emotionale Ausnahmezustände geraten, weil sie die damit verbundenen Schwächen gerne auszunutzen.
Persönliche Erfahrungen: Psychische Ausnahmezustände entstehen auch durch die Erwartung einer Situation. Manchmal genügt ein Wort oder ein Bild um uns an eine Ausnahmesituation zu erinnern und damit ein Feuerwerk der Emotionen in uns auszulösen. Es ist hilfreich, sich die Frage zu stellen, woher diese Erregung rührt und wie viel sie mit der Gegenwart zu tun hat. Warum habe ich Probleme, vor einer Gruppe frei zu sprechen? Warum reagiere ich aggressiv, wenn mich jemand kritisiert?
Eine Möglichkeit besteht darin, sich solche Schwächen einzugestehen und die Situationen zu meiden, die sie auslösen. Die Alternative besteht darin, negative Erfahrungen durch neue zu kompensieren, indem wir die Beherrschung dieser Situationen einüben. Dies ist oft nur mit professioneller Hilfe möglich.
(ID:345663)