Schnittstelle zwischen SPS und Roboter SRCI ist das Englisch für die Robotik

Von Manuel Christa 8 min Lesedauer

Anbieter zum Thema

Das Standard Robot Command Interface (SRCI) soll eine einheitliche Sprache zur Roboterprogrammierung werden. Wie funktioniert der Standard und warum fördern ihn große Hersteller, die ihre propietären Systeme bereits etabliert haben?

SRCI: Eine gemeinsame Sprache zur Roboterprogrammierung über die SPS.(Bild:  KI-generiert)
SRCI: Eine gemeinsame Sprache zur Roboterprogrammierung über die SPS.
(Bild: KI-generiert)

Roboter verstehen sich untereinander nicht. Jeder Hersteller spricht seine eigene Sprache, die aus eigenen Befehlen, Bedienkonzepten und Softwarelogiken besteht. Wer einen ABB-Roboter programmiert hat, ist bei FANUC wieder bei null. Wer sich einmal auf KUKA eingeschossen hat, steht beim nächsten Projekt mit Stäubli erneut vor einer steilen Lernkurve. Das ist Alltag in der Industrie: Insellösungen, Herstellerabhängigkeit, Schulungsaufwand.

Viele Automatisierungsideen lassen sich nicht realisieren, da Systeme untereinander inkompatibel sind.Wie sich das ändern lässt, zeigte Günes Bilgen, Experte bei PI (PROFIBUS & PROFINET International), auf der PI-Konferenz im Juni 2025. In seinem Vortrag zur neuen Schnittstelle zwischen SPS und Robotersteuerung erläuterte er, wie das Standard Robot Command Interface (SRCI) diese Hürden überwindet – durch eine herstellerübergreifende, feldbusneutrale und standardisierte Sprache.

Bildergalerie
Bildergalerie mit 23 Bildern

Günes Bilgen, PI-Experte auf der PI-Konferenz im Juni 2025 referiert zur neuen Schnittstelle zwischen SPS und Robotersteuerung, die SRCI.(Bild:  Manuel Christa)
Günes Bilgen, PI-Experte auf der PI-Konferenz im Juni 2025 referiert zur neuen Schnittstelle zwischen SPS und Robotersteuerung, die SRCI.
(Bild: Manuel Christa)

So wie im internationalen Geschäftsleben Englisch als Lingua franca dient, soll das Standard Robot Command Interface (SRCI) die Übersetzungshürden zwischen Steuerung und Industrieroboter beseitigen. SRCI ist eine herstellerunabhängige, feldbusneutrale Schnittstelle für Roboterbefehle. Sie übersetzt standardisierte Bewegungs- und Steuerkommandos so, dass jeder kompatible Roboter sie versteht – unabhängig davon, ob es sich um ein Gerät von Nachi, Mitsubishi, Yaskawa oder einem chinesischen Hersteller handelt.

Der Vorteil: Anwender müssen nicht mehr jede Herstellerphilosophie im Detail kennen. Wer einmal gelernt hat, wie man einen Roboter per SRCI anspricht, kann dieses Wissen auf andere Systeme übertragen. Das reduziert nicht nur Schulungszeiten, sondern auch Integrationskosten und Abhängigkeiten. Und es ebnet den Weg für einen breiteren, flexibleren Robotereinsatz – gerade in kleinen und mittelständischen Betrieben, die bislang oft an den Einstiegshürden scheiterten.

Ein weiterer Vorteil: Auch die Simulation wird vereinfacht. Entwickler können mit virtuellen Robotermodellen arbeiten, bevor die echte Hardware verfügbar ist. Das spart Zeit in der Projektplanung und ermöglicht frühzeitige Funktionstests. SRCI-kompatible Simulationsumgebungen sind bereits verfügbar – etwa auf Basis der Siemens-Umgebung.

SRCI ist also nicht nur ein technischer Standard. Es ist ein politisches Projekt, ein Kulturwandel in der Automatisierung: Weg von der herstellerspezifischen Denkweise, hin zu einem offenen, durchgängigen Sprachsystem. Wer will, kann weiter Chinesisch, Japanisch oder Deutsch mit seinen Robotern sprechen. Aber es spricht viel dafür, künftig auf Englisch umzustellen.

Marktdurchdringung: Wer SRCI heute schon nutzt

Standard Robot Command Interface (SRCI): die einheitliche Robotersprache(Bild:  Profibus)
Standard Robot Command Interface (SRCI): die einheitliche Robotersprache
(Bild: Profibus)

Die Idee hat bereits gezündet und sie ist längst nicht mehr nur Theorie. Mehr als 30 Unternehmen arbeiten inzwischen im SRCI-Arbeitskreis mit, darunter führende Roboterhersteller wie KUKA, Stäubli, Yaskawa, Kawasaki, Denso, Jaka und FANUC sowie wichtige Steuerungspartner wie Siemens, Phoenix Contact und Rockwell. Acht Roboterhersteller haben bereits Produkte mit SRCI-Schnittstelle auf den Markt gebracht.

KUKA wird beispielsweise seine SRCI-kompatiblen Systeme ab Juli 2025 offiziell freigeben. FANUC zeigt auf Messen wie der Automatica bereits laufende Demos. Andere wie Denso oder CSUN haben ihre Systemtests zu über 90 Prozent abgeschlossen.

Warum SRCI? Die Idee hinter dem Standard

Die Grundidee von SRCI ist so einfach wie naheliegend: Warum sprechen Roboter eigentlich nicht dieselbe Sprache? Warum muss man als Maschinenbauer für jede neue Anlage nicht nur neue Hardware verbauen, sondern auch das Bedienkonzept und die Programmiersprache von Grund auf neu erlernen?

Das Standard Robot Command Interface (SRCI) soll eine einheitliche Sprache zur Roboterprogrammierung (per SPS) werden.(Bild:  Profibus)
Das Standard Robot Command Interface (SRCI) soll eine einheitliche Sprache zur Roboterprogrammierung (per SPS) werden.
(Bild: Profibus)

Diese Fragen stellten sich nicht nur Anwender, sondern auch Vertreter großer Hersteller und Organisationen. 2018 formierte sich ein Arbeitskreis unter dem Dach von PI (PROFIBUS & PROFINET International), um dieses Problem grundlegend anzugehen. Das Ziel: eine standardisierte Schnittstelle, die herstellerübergreifend funktioniert und auf offenen Prinzipien basiert. Nicht als Ersatz für vorhandene Systeme, sondern als verbindendes Element. Feldbus-neutral, systemoffen und so konzipiert, dass sie sich mit allen gängigen Steuerungssystemen und Roboterarchitekturen kombinieren lässt.

Jetzt Newsletter abonnieren

Verpassen Sie nicht unsere besten Inhalte

Mit Klick auf „Newsletter abonnieren“ erkläre ich mich mit der Verarbeitung und Nutzung meiner Daten gemäß Einwilligungserklärung (bitte aufklappen für Details) einverstanden und akzeptiere die Nutzungsbedingungen. Weitere Informationen finde ich in unserer Datenschutzerklärung. Die Einwilligungserklärung bezieht sich u. a. auf die Zusendung von redaktionellen Newslettern per E-Mail und auf den Datenabgleich zu Marketingzwecken mit ausgewählten Werbepartnern (z. B. LinkedIn, Google, Meta).

Aufklappen für Details zu Ihrer Einwilligung

Im Zentrum steht die Idee der Entkopplung: Roboter und SPS müssen keine unterschiedlichen Inseln im System sein. Mit SRCI lassen sich Bewegungen und Funktionen auf einer gemeinsamen Sprachebene abbilden. Und diese Sprache bleibt stets dieselbe. So wird nicht nur der Aufwand für Integratoren reduziert. Auch neue Geschäftsmodelle und Applikationen werden plötzlich realisierbar, weil das Kommunikationsproblem verschwindet.

Diese Philosophie setzt sich nach und nach durch: Inzwischen zählt der SRCI-Arbeitskreis über 30 Mitglieder, darunter praktisch alle großen Namen der Branche. Acht Hersteller haben bereits Produkte mit SRCI-Anbindung am Markt, weitere Pilotprojekte laufen. Das Momentum ist da – und der Standard steht bereit, sich durchzusetzen.

Wie SRCI technisch funktioniert

Das Grundprinzip von SRCI ist simpel aber durchdacht: Im Zentrum steht ein Interpreter, der auf dem Robotercontroller läuft und die standardisierten Kommandos in die herstellerspezifische Befehlssprache übersetzt. Auf der anderen Seite befindet sich der Client, etwa eine SPS, die die Steuerbefehle sendet. Die Kommunikation läuft über eine klar definierte Schnittstelle – unabhängig davon, ob der Datenaustausch per PROFINET, OPC UA oder Ethernet/IP erfolgt.

Standard Robot Command Interface (SRCI): die einheitliche Robotersprache(Bild:  Profibus)
Standard Robot Command Interface (SRCI): die einheitliche Robotersprache
(Bild: Profibus)

Die Funktionsweise ähnelt einem Dolmetscher: Der SPS-Client sendet Befehle wie „linear fahren“, „Greifer öffnen“ oder „Position speichern“. Der Interpreter auf dem Roboter nimmt diese Befehle entgegen, übersetzt sie zur Laufzeit in den herstellereigenen Roboter-Code und führt sie aus – inklusive Rückmeldung über Status, Erfolg oder Fehler.

Wesentlich hier ist das Puffersystem: Befehle werden zwischengespeichert und synchron verarbeitet, um Timingprobleme zu vermeiden. Gleichzeitig sorgen umfangreiche Logging- und Diagnosefunktionen dafür, dass Fehlerquellen schnell erkannt und analysiert werden können. Insgesamt deckt SRCI bereits über 120 Roboterfunktionen ab – von einfachen Bewegungen bis hin zu komplexen Bahnsteuerungen, Triggern, Greifmodulen oder Korrekturbewegungen beim Schweißen.

In der Praxis heißt das: Ein einmal erstelltes Automatisierungsprogramm kann prinzipiell auf mehreren Robotertypen ausgeführt werden, meist ohne oder wenn überhaupt nur mit minimalen Anpassungen. Das spart Zeit, senkt die Abhängigkeit von einzelnen Anbietern und erhöht die Wiederverwendbarkeit von Code und Know-how. Und genau das ist das Versprechen von SRCI: eine einheitliche Sprache für die Welt der Robotik.

Das SRCI-SDK: Baukasten für schnelle Integration

Damit SRCI nicht nur ein theoretischer Standard bleibt, sondern auch in der Praxis ankommt, wurde ein zentrales Werkzeug entwickelt: das SRCI Software Development Kit, kurz SDK. Es richtet sich an Roboterhersteller, die SRCI in ihre Systeme integrieren wollen – und reduziert den Entwicklungsaufwand drastisch.

Die Idee: Statt jede Funktion von Grund auf selbst zu entwickeln, greifen Hersteller auf eine vorgefertigte Toolbox zurück. Das SDK liefert getestete Codebausteine, die wie ein Baukasten zusammengesetzt und an die firmeneigene Roboter-Firmware angebunden werden können. „Bewiesenerweise: ohne SDK braucht ein Hersteller um die 40 Mannmonate. Mit SDK: 12 Mannmonate“, berichtet Günes Bilgen.

Das Standard Robot Command Interface (SRCI) soll eine einheitliche Sprache zur Roboterprogrammierung (per SPS) werden.(Bild:  Profibus)
Das Standard Robot Command Interface (SRCI) soll eine einheitliche Sprache zur Roboterprogrammierung (per SPS) werden.
(Bild: Profibus)

Dass das keine theoretischen Zahlen sind, zeigen Beispiele aus der Praxis: KUKA und Stäubli haben das SDK bereits aktiv eingesetzt, ebenso chinesische Anbieter wie Jaka oder CSUN. Die Bibliothek wird kontinuierlich weiterentwickelt und ist für Mitglieder des SRCI-Arbeitskreises frei zugänglich.

Für viele Hersteller bedeutet das einen Paradigmenwechsel: Wo früher die Entwicklung einer Schnittstelle ein aufwendiges internes Projekt war, reicht heute ein dediziertes Team von Entwicklern, die mit dem SDK arbeiten – unterstützt durch das PI-Testcenter und abgestimmte Zertifizierungsprozesse. Auch die Kommunikation mit anderen Systemkomponenten, etwa SPS oder Bedienpanels, lässt sich damit standardisiert abbilden.

Kurz gesagt: Das SRCI-SDK ist das fehlende Werkzeug, das aus einer Vision ein Produkt macht. Es senkt die Einstiegshürden, sorgt für konsistente Implementierungen und macht es auch kleineren Anbietern leichter, Teil des offenen Ökosystems zu werden.

SRCI-Arbeitskreis achtet auf Qualität in der Umsetzung

„Wenn der Roboter crasht, dann stehen wir in der Zeitung. Und das war’s dann,“ erklärt Bilgen die Notwendigkeit der internen Qualitätssicherung. Die Entwicklung wird daher nicht allein den Herstellern überlassen: Jedes neue System durchläuft strukturierte Testphasen. Vom internen Pilotprojekt über ein limitiertes Release bis zur vollständigen Freigabe mit Zertifizierung, inklusive Performance-Checks, Rückmeldungsketten und Logging-Verpflichtung. Der Anspruch: Keine halben Sachen. Kein Wildwuchs. Wer SRCI-kompatibel sein will, muss sich an die Spielregeln halten.

Das Standard Robot Command Interface (SRCI) soll eine einheitliche Sprache zur Roboterprogrammierung (per SPS) werden.(Bild:  Profibus)
Das Standard Robot Command Interface (SRCI) soll eine einheitliche Sprache zur Roboterprogrammierung (per SPS) werden.
(Bild: Profibus)

Für Anwender gibt es mit der sogenannten Vendor Map ein zentrales Werkzeug zur Orientierung: eine öffentlich zugängliche Plattform, auf der sich die unterstützten Hersteller, Funktionsprofile und Kompatibilitäten miteinander vergleichen lassen. Welche Kombinationen funktionieren, wo gibt es Einschränkungen – das lässt sich dort schnell herausfinden. Das reduziert das Risiko bei der Projektplanung und stärkt das Vertrauen in den Standard.

Für Anwender heißt das: Sie arbeiten in ihrer gewohnten Welt mit SPS, Visualisierung, Engineering-Tools und können dennoch Roboter verschiedenster Herkunft integrieren. Das senkt die Hürde für den Robotereinsatz erheblich. Gerade im Mittelstand, wo man oft auf bestehende Automatisierungsplattformen setzt, ist das ein wesentlicher Vorteil.

Trotz aller Fortschritte bleibt SRCI ein Projekt mit Baustellen – nicht technologisch, sondern strukturell. Eine zentrale Frage lautet: Wie wird das Ganze langfristig finanziert? Das SDK, das zentrale Entwicklungswerkzeug für Roboterhersteller, wird bislang weitgehend von Siemens getragen – aus strategischer Überzeugung, die aus Sicht eines großen SPS-Players logisch erscheint.

Günes Bilgen vermittelt aber eine offene Botschaft an die Industrie: SRCI sei kein Siemens-Projekt. Es ist ein Branchenstandard, der allen gehört und nur dann funktioniert, wenn ihn auch alle tragen. „Es gibt keine Verlierer bei SRCI. Ganz wichtig!“, betont er.

Mehr als nur ein Standard: Was SRCI für die Industrie bedeutet

Standard Robot Command Interface (SRCI): die einheitliche Robotersprache(Bild:  Profibus)
Standard Robot Command Interface (SRCI): die einheitliche Robotersprache
(Bild: Profibus)

Warum also setzen schon jetzt viele große Roboterhersteller auf SRCI, wenn es doch aus deren Sicht zunächst logisch erscheint, die Kunden in ihrem proprietären Mikrokosmos einzuschließen? Ganz einfach, weil die Offenheit besonders für kleinere und mittlere Unternehmen, die bislang aus Zeit- oder Kostengründen auf den Einsatz von Robotern verzichtet haben, die Einstiegshürden senkt und den Markt für alle damit größer macht. So entstehen Chancen für Start-ups, Softwareanbieter oder OEMs, die SRCI als Plattform nutzen können – für autonome Applikationen, KI-gestützte Robotiklösungen oder neue Human-Machine-Interfaces.

Die Vergleichbarkeit von Systemen wird transparenter, weil Roboter nicht mehr über ihre Bedienphilosophie differenziert werden müssen, sondern über ihre Leistung, Präzision, Zuverlässigkeit oder Preisstruktur. Das fördert den Wettbewerb – aber auf einer anderen Ebene. Statt Lock-in durch proprietäre Systeme zählen künftig Offenheit und Interoperabilität.

Selbst im politischen Raum wird SRCI als industriepolitisch relevantes Projekt wahrgenommen. Denn es gibt der europäischen Industrie ein Instrument an die Hand, um unabhängiger von einzelnen Anbietern zu werden – gerade mit Blick auf globale Lieferketten, geopolitische Abhängigkeiten und technologiepolitische Souveränität.

„Es ist nicht nur ein Standard. Es ist eine Evolution im Markt,“ so Bilgen. Dabei gehe es um mehr als Technologie: Es geht um Kultur, um Haltung, um eine gemeinsame Sprache im wörtlichen wie im übertragenen Sinne.

 (mc)

(ID:50468192)