Wenn der Markt sich dreht Semitron zwischen Digitalisierung, Lieferkrise und Zukunftsplänen

Von Maria Beyer-Fistrich 3 min Lesedauer

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Der Halbleiter-Distributor Semitron aus Küssaberg kombiniert seit fast 50 Jahren Distribution und Testdienstleistungen. Nach dem Verlust zweier Lieferanten richtet das Unternehmen seine Strategie neu aus und setzt auf Digitalisierung und neue Märkte.

Der Firmensitz von Semitron in Küssaberg: Von hier aus steuert der Halbleiter-Distributor seine Vertriebs-, Test- und Programmierdienstleistungen für Kunden in Deutschland, der Schweiz und darüber hinaus.(Bild:  Semitron)
Der Firmensitz von Semitron in Küssaberg: Von hier aus steuert der Halbleiter-Distributor seine Vertriebs-, Test- und Programmierdienstleistungen für Kunden in Deutschland, der Schweiz und darüber hinaus.
(Bild: Semitron)

Wer nach Küssaberg fährt, muss es wollen. Das kleine Städtchen im Süden Baden-Württembergs liegt abseits der großen Industriezentren, dort, wo der Schwarzwald langsam in Richtung Schweiz ausläuft. Zwischen Feldern, Hügeln und Fachwerkhäusern sitzt ein Unternehmen, das in der internationalen Halbleiterwelt eine wichtige Rolle spielt, und doch nur Kennern ein Begriff ist: Semitron.

Gegründet 1975 von Diplom-Ingenieur Werner Röck, hat sich das Unternehmen über fast fünf Jahrzehnte hinweg vom regionalen Bauteilehändler zu einem Komplettanbieter entlang der gesamten Signalkette entwickelt. Heute beschäftigt Semitron 147 Mitarbeitende an vier Standorten in Deutschland und der Schweiz und erzielte 2023 einen Umsatz von 276 Millionen Euro. Das Besondere: Semitron ist nicht nur Distributor, sondern betreibt auch ein eigenes Test- und Programmierzentrum, das in der Branche Maßstäbe setzt. Hier werden elektronische Bauteile programmiert, auf Echtheit geprüft, thermisch getestet und für die Langzeitlagerung vorbereitet. Kunden aus Automotive, Industrie, Medizintechnik und zunehmend auch aus dem Aerospace- und Defence-Sektor verlassen sich auf die Expertise aus Küssaberg.

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„Unsere Stärke ist die Fokussierung“, sagt Jürgen Rohland, seit zwölf Jahren Managing Director von Semitron. Der 59-Jährige hat hier seine gesamte Karriere verbracht – vom Testingenieur über den Vertriebsleiter bis an die Unternehmensspitze. Er kennt jede Maschine im Testhaus, jeden Hersteller im Portfolio und viele Kunden persönlich. „Wir wollen nicht nur liefern, wir wollen beraten. Wir kennen die Produkte unserer Lieferanten so genau, dass wir oft schon in der Entwicklungsphase beim Kunden dabei sind - bevor ein Bauteil überhaupt offiziell auf dem Markt ist.“

Gerade diese Nähe zu Kunden und Lieferanten hat das Unternehmen groß gemacht. Als in den Jahren 2022 und 2023 die Allokationskrise die Elektronikbranche erschütterte und Bauteile monatelang nicht verfügbar waren, halfen die Experten aus Küssaberg vielen Unternehmen, ihre Lieferketten abzusichern. Semitron prüfte nach kundenindividuellen Spezifikationen Wareneingänge, übernahm Echtheitskontrollen und entwickelte Testverfahren für extreme Anforderungen – von minus 55 bis plus 150 Grad Celsius. „Viele unserer Services sind entstanden, weil ein Kunde mit einem Problem auf uns zukam“, sagt Rohland. „Wir suchen dann gemeinsam nach einer Lösung, standardisieren sie und bieten sie künftig als festen Service an.“

Doch zuletzt geriet das Geschäftsmodell unter Druck. Zwei langjährige Lieferanten haben ihre Partnerschaft mit Semitron aus Gründen der strategischen, globalen Neuausrichtung beendet. Für einen mittelständischen Distributor wie das Unternehmen aus Küssaberg ist das ein tiefer Einschnitt. „Das hat uns gezwungen, unser Portfolio mit neuen Lieferanten neu aufzustellen und zu erweitern. Neben der intensiven Bestandskundenbetreuung müssen wir auch verstärkt in die Neukundengewinnung investieren“, sagt Rohland offen. Gleichzeitig kämpft die gesamte Branche mit den Nachwirkungen der Allokationsjahre: Viele Kunden haben ihre Lagerbestände auf Vorrat gefüllt und rufen erst langsam wieder neue Mengen ab. „Wir sehen erste Signale, dass sich der Markt erholt“, sagt Rohland. „Aber sobald die Nachfrage zurückkommt, werden auch die Lieferzeiten wieder steigen. Acht bis vierzehn Wochen sind heute normal, bald könnten es wieder 24 bis 36 sein.“

Trotz aller Herausforderungen bleibt Semitron auf Wachstumskurs. Das Unternehmen hat ein neues ERP-System eingeführt, um Prozesse zu digitalisieren und Schnittstellen zu Kunden zu automatisieren. Branchen wie Aerospace & Defence entwickeln sich überdurchschnittlich stark, weil dort höchste Qualitätsstandards und zuverlässige Lieferketten entscheidend sind. „Wir wollen technologisch vorn bleiben“, sagt Rohland. „KI-Integration, neue Tools im CRM- und ERP-Bereich – all das hilft uns, Prozesse schlank zu halten und unsere Kunden noch besser zu unterstützen.“

Jürgen Rohland, Managing Director von Semitron, treibt die strategische Neuausrichtung des Distributors voran – mit Fokus auf Digitalisierung, neue Lieferanten und Zukunftsmärkte.(Bild:  Semitron)
Jürgen Rohland, Managing Director von Semitron, treibt die strategische Neuausrichtung des Distributors voran – mit Fokus auf Digitalisierung, neue Lieferanten und Zukunftsmärkte.
(Bild: Semitron)

Auch intern setzt Semitron auf Modernisierung. Junge Ingenieure bringen neue Ideen ein, Weiterbildung und Herstellerschulungen sorgen dafür, dass das Team technologische Trends früh versteht und diese Erkenntnisse im Zuge der Design-In Unterstützung für unsere Kunden umsetzt. „Unsere Kultur ist offen“, sagt Rohland. „Wir diskutieren Vorschläge, wir probieren Dinge aus, wir setzen sie um, wenn sie uns weiterbringen.“

Eine Internationalisierung über den DACH-Markt hinaus plant Semitron nicht – aber wenn Kunden ihre Produktion nach Mexiko oder Asien verlagern, liefert Küssaberg dorthin. „Wir folgen unseren Kunden, nicht umgekehrt“, sagt Rohland.

Und so steht Semitron heute an einem Wendepunkt. Das Unternehmen muss die Lücke seiner verlorenen Partner schließen, neue Kunden gewinnen und gleichzeitig die Digitalisierung vorantreiben. Doch in Küssaberg klingt niemand verzagt. „Wir haben schon viele Marktzyklen erlebt“, sagt Rohland. „Die letzten Monate waren anspruchsvoll. Aber wir sind überzeugt, dass die nächste Wachstumsphase kommt – wir sind dafür bereit.“(mbf)

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