Anbieter zum Thema
Irgendwann findet jedes Projekt sein Ende: Die einen feiern ein oft verzögertes Happy End. Die anderen sterben nach längerem Leiden einen unwürdigen Projekttod und werden schnell verscharrt. Die Happy-End-Projekte dienen der Legendenbildung. Da der reale Verlauf ohnehin schwer nachvollziehbar ist, wird eine plausible Geschichte gestrickt, die vor allem die Illusion nährt, dass die Protagonisten meist alles im Griff hatten oder zumindest heldenhaft dem Projektwahnsinn trotzten.
Als Nachspann vieler Projektgeschichten würde ein Satz wie dieser gut passen: Personen und Handlung beruhen auf einer wahren Begebenheit. Aber mehr auch nicht. Retrospektive Betrachtungen unterliegen ebenfalls einer starken Wahrnehmungsverzerrung, schlicht weil die Realität viel zu kompliziert ist, um nachvollziehbar zu sein. Der Verstand bastelt sich deshalb lieber eine einfache, plausible Erfolgsstory. Die Bücherläden sind voll mit Erfolgsrezepten und Lösungsprinzipien wie „Reich und glücklich in 7 Schritten“. Nicht weil sie zuverlässig funktionieren, sondern weil die Menschen sie verstehen können und die Illusion lieben, alles im Griff haben zu können. Die Faktoren Glück, Zufall und all die unvorhersehbaren Dinge des Lebens finden darin in der Regel nicht die Würdigung, die ihnen gebührt. Die Folge: Überfliegerprojekte führen möglicherweise zu einer Art Projektgrößenwahn. Sie werden zum Maßstab für die nächsten Projekte.
Dazu eine Frage: Wie hoch schätzen Sie den Einfluss unvorhersehbarer Ereignisse (Personalfluktuation, technologische Unwägbarkeiten, Änderungswünsche, Motivation, Wetter, Marktentwicklung, Wettbewerbsdruck, usw.) auf den Projektverlauf ein? 30%, 50%, 70%? Wie sinnvoll ist es, einzelne Erfolgsstories zum Maßstab zu erheben, wenn 30% oder mehr Glückssache sind? Gleichzeitig müssten über die meisten anderen Projekte eher Dramen oder Komödien geschrieben werden. Aber das trauen sich die meisten nicht. Gescheiterte Projekte werden lieber gemeinsam mit all den schmerzhaften aber wertvollen Erkenntnissen in irgendwelchen Projektmassengräbern verscharrt. Psychologen nennen das Verdrängung.
Bekennen Sie sich auch zu den Erfolgsfaktoren Glück und Zufall, wenn es gut läuft. Beerdigen Sie Ihre gescheiterten Projekte in Würde, indem Sie auch den unangenehmen Erfahrungen Aufmerksamkeit schenken. Seien Sie sich bewusst, dass Sie die ganze Projektwahrheit nie kennen werden. Sie können der Wahrheit allerdings näher kommen, wenn Sie die Mechanismen verstehen, die Ihre Wahrnehmung verzerren.
* In die Arbeit von Peter Siwon fließt die Erfahrung aus über 25 Jahren Berufspraxis in Forschung, Entwicklung, Vertrieb, Coaching und Geschäftsführung.
(ID:42675456)