Porsche Semper Vivus – Der erste Hybrid im Jahr 1900

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Die schweren Vorderräder laufen auf Achsschenkeln, die ungefedert mit dem Rohrrahmen verbunden sind. Um wenigstens ein Mindestmaß an Fahrkomfort zu gewährleisten und nicht alle Stöße der damals sehr unebenen Fahrbahnen auf Radnabenmotoren und Insassen ungedämpft weiterzuleiten, tragen die Felgen Luftreifen der Größe 880 x 120 Millimeter.

Gesteuert wird der Semper Vivus über eine Achsschenkellenkung, auf deren Spurstangen eine 6:1 übersetzte Schneckenradlenkung die Drehimpulse des Fahrers überträgt. Die Hinterräder, auf denen sich Vollgummireifen der Dimension 1150 x 100 breit machen, sitzen an den Enden einer Starrachse, die ebenfalls starr mit dem Rahmen verbunden ist.

Dieses Chassis besteht aus einem schlichten rechteckigen Rundrohrrahmen aus Stahl, der über Klemmstücke verbunden sind. Um Aufbau und Schwerpunkt einigermaßen niedrig zu halten, setzte Ferdinand Porsche die Batterie als schwerste Einzelkomponente nicht auf den Rahmen, sondern hing sie in einem Kasten an vier Spiralfedern in das Rechteck hinein.

Zwei DeDion-Bouton-Viertakter mit je 700 cm³ Hubraum und 3,5 PS

Die Batterie war ursprünglich ein 420 Kilogramm schwerer Blei-Säure-Akkumulator mit 44 Zellen, der unbelastet eine Spannung von 88 Volt und ein Ladungsspeichervermögen von 110 Amperestunden aufbringt. Im Nachbau des Semper Vivus nimmt aus Sicherheitsgründen eine Blei-Gel-Batterie mit vergleichbaren Werten, Abmessungen und ähnlichem Gewicht ihren Platz ein.

Die Federung schützt nicht nur die empfindlichen Bleiplatten des Energiespeichers vor zerstörerischen Stößen; auf dem Batteriekasten, der von der Hinterachse bis unter den Vordersitz reicht, sind auch Sitze, Stromerzeuger und Antriebssteuerung montiert. Aus dem ungefederten Fahrerfußraum ragt die Lenksäule, daneben ist der Hebel der Fußbremse.

Geschützt von der kniehohen Frontverkleidung informieren Volt- und Amperemeter den Fahrer über den Energiehaushalt, außen an der mit Sackleinen bespannten Holzverkleidung sind der Petroleumscheinwerfer und die beiden Wasserkühler angeschraubt.

Zum Meilenstein der Automobilgeschichte machen den Semper Vivus die beiden Einzylinder-Motoren hinter dem Fahrersitz, die keine mechanische Verbindung zu einer Antriebsachse haben, sondern über Generatoren ausschließlich der Stromerzeugung für die Radnabenmotoren dienen – das erstmals verwirklichte Prinzip des seriellen Hybridantriebes. Die beiden identischen Verbrennungsmotoren sind originalgetreue DeDion-Bouton-Viertakter mit jeweils 700 Kubikzentimetern Hubraum und etwa 3,5 PS Leistung bei 1200 Umdrehungen pro Minute.

Ihr Kurbelgehäuse besteht aus Aluminium, die Kolben aus Grauguss. Die Kühlung der Motoren übernimmt ein Wassermantel, dessen Inhalt von einer Wasserpumpe umgewälzt wird. Sie saß beim Original auf einer Achse mit der Kurbelwelle und beförderte das Kühlmittel zu den Röhrenkühlern im Fahrzeugbug, während das Wasserreservoir unter dem hinteren Beifahrersitz untergebracht ist. Beim Nachbau des Semper Vivus werden für die zwei Kühlkreisläufe kleine Elektropumpen verwendet, die aus der Batterie gespeist werden.

Für die Gemischaufbereitung sorgen frühe Spritzdüsenvergaser, deren Luftstrom über einen kleinen, mit einem Drosselschieber im Vergaser verbundenen Handhebel geregelt werden kann. Das Gemisch strömt durch ein sogenanntes Schnüffelventil seitlich in den Brennraum, das durch den Unterdruck beim Ansaugen geöffnet wird und vor dem Verdichtungstakt federbelastet wieder schließt.

Die Entflammung des komprimierten Gemischs übernimmt eine Unterbrecherzündung mit seitlich zwischen Ein- und Auslasskanal des ungeteilten Sackzylinders angeordneter Zündkerze. Die konservendosengroße Zündspule arbeitet mit zwölf Volt Spannung, die Anfang des 20. Jahrhunderts üblicherweise an der sechsten Zelle der Batterie abgegriffen wurde.

Heute übernimmt ein moderner Spannungswandler, der von der Gel-Batterie gespeist wird, diese Aufgabe. Die DeDion-Bouton-Motoren sind nach dem Gegenstromprinzip konzipiert, deshalb verlassen die Abgase von einem Seitenventil gesteuert den Brennraum unterhalb von dem Schnüffelventil.

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