Künstliche Intelligenz und Robotik Nicht Humanoide, sondern Roboterhunde sind das wichtigste Testfeld für Embodied AI

Von Henrik Bork 4 min Lesedauer

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Sind Vierbeiner die besseren Roboter? Auf der „Olympiade für Roboterhunde“, die in Hangzhou stattgefunden hat, war die beeindruckende Agilität und Stärke dieser neuen Spezies namens „Quadruped“ im Ökosystem der Robotik zu beobachten.

Der Unitree Go2 lässt sich in der "geringsten" Konfiguration ab 1.600 US-Dollar bestellen.(Bild:  Unitree)
Der Unitree Go2 lässt sich in der "geringsten" Konfiguration ab 1.600 US-Dollar bestellen.
(Bild: Unitree)

Auf der „International Conference on Intelligent Robots and Systems“ (IROS) in der ostchinesischen Stadt Hangzhou war der wohl weltweit schwerste Hindernis-Parcours für Roboterhunde aufgebaut. Stufen und ganze Treppen, K-Schienen, Palettenstapel und Rampen mussten überwunden werden. All das hat dem Event seinen inoffiziellen Olympia-Spitznamen beschert.

Dieses Jahr fand das Spektakel, bei dem sieben Teams aus Top-Unis vierbeinige Roboter aller Art über diesen vielfältigen Parcours jagten, vor einem interessanten Hintergrund statt. Während die Humanoiden, also die menschenähnlichen Zweibeiner unter den Robotern, noch immer mit Abstand die meiste Aufmerksamkeit der Medien auf sich ziehen, verschieben immer mehr chinesische Hersteller ihre Forschungsbudgets in Richtung Vierbeiner.

Zweibeiner vs. Vierbeiner

Nur, weil die Natur den Menschen mit zwei Beinen ausgestattet hat, muss dieses Design nicht auch das beste für den Einsatz von Robotern in allen möglichen Szenarien sein. Von der Bergrettung über das Austragen von Paketen bis zum Sortieren von schweren Komponenten in Warenlagern könnten sich andere Designs bewähren.

In China stürzt sich eine wachsende Zahl von Start-ups und Herstellern voller Enthusiasmus auf den jungen Markt der mechanischen Hunde, deren Fähigkeiten neuerdings dank der Fortschritte der KI immer erstaunlicher werden. Roboterhunde seien zum jetzigen Zeitpunkt „die fortschrittlichsten Allzweckroboter der Gegenwart“, heißt es in einem Bericht von Semianalysis, der kürzlich veröffentlicht worden ist. Und es sei China, das in diesem Feld inzwischen die Technologieführerschaft übernommen habe, nicht die USA, schreibt die amerikanische Nachrichtenagentur Bloomberg.

Bello auf Platz 1

Ein anschauliches Beispiel ist der Gewinner dieser diesjährigen „Olympiade für Roboterhunde“, der vierbeinige Roboterhund L1 von GENISOM AI, einer Firma aus Suzhou in der Nähe von Shanghai. Er wiegt nur 15 Kilogramm, ist also so etwas wie ein Schoßhund im Kreis der bis zu 50 Kilogramm schweren Roboter-Doggen, gegen die er antreten musste. Doch er ist clever.

Mit einer KI-Rechenleistung von 100 TOPS aus Chips von Nvidia und ausgestattet mit einem Mid360-Lidar von Livox und mehreren anderen Sensoren und Kameras, konnte der L1 sämtliche Hindernisse problemlos erkennen und beinahe in Echtzeit über seine jeweilige Reaktion entscheiden. Auch die Gelenkmodule des KI-Köters – und wozu sie ihn befähigen – versetzten die versammelte Fachwelt in Hangzhou in eine Begeisterung, für die bei echten olympischen Spielen die Kameras ins Publikum geschwenkt hätten. Als klarer Außenseiter ins Rennen gegangen, kämpfte sich der Roboterhund durch alle Vor- und Zwischenrunden bis ins Finale vor und gewann dann schließlich den gesamten Wettbewerb.

„Das Ergebnis zeigt, dass im Zeitalter intelligenter Algorithmen präzise entwickelte Technik und gutes Design einer größeren Masse und roher Kraft überlegen sein können“, schreibt das Online-Portal Rexun Wang. Viele Zuschauer hatten eher damit gerechnet, dass ein Roboterhund der „Unitree Technology Co.“ die Goldmedaille gewinnt. Das Unternehmen aus Hangzhou reitet gerade auf einer einzigartigen Welle des kommerziellen Erfolgs, seit es zum Frühlingsfest im Staatsfernsehen ein Ballett von Humanoiden tanzen ließ. Es hat soeben einen neuen bionischen Humanoiden vorgestellt, dessen Gesicht einem Menschen auf schon fast gruselige Art und Weise ähnlich sieht.

Unitrees Börsengang

Unitree bereitet sich momentan auf einen Mega-IPO vor, der schon in wenigen Wochen kommen könnte und bei dem das Unternehmen mit sieben Milliarden US-Dollar bewertet werden könnte. In der Zwischenzeit hat es bereits 70 Prozent des Weltmarktes für vierbeinige Roboter erobert. Für Roboterhunde, nicht so sehr für Humanoide, hatte das Herz des jungen Unitree-Gründers Wang Xinxing schon geschlagen, als er noch Student war und an seinen ersten Prototypen bastelte.

In einem Video, das Unitree im August dieses Jahres beim Launch seines neuen Roboterhundes auf Youtube veröffentlichte, legt der Unitree A2 einen äußerst dynamischen Auftritt hin. Der Quadruped prescht da mitten durch eine Glasscheibe, die in tausend Scherben zersplittert, macht dann völlig unbeeindruckt mehrere Backflips und tanzt mal auf zwei, mal auf einem seiner vier Beine. Danach klettert er in einem irren Tempo Berge hoch oder stürzt sich steile Abhänge hinunter, ohne sich auch nur einen Kratzer zu holen.

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Spot, der Roboterhund von Boston Dynamics in den USA, war schon erfunden, bevor es in China den ersten Roboter seiner Art gab. Er ist nach wie vor auch der vielleicht am weitesten entwickelte Prototyp seiner Art. Leider ist er aber so teuer, dass ihn sich kaum jemand leisten kann, nicht einmal interessierte Forschungslabors von Unternehmen. Genau das ist in China anders. In der riesigen Fertigungsindustrie des Landes finden junge Tüftler und Ingenieure alles, was sie zum Bau von Roboterhunden brauchen, von Gelenkmodulen über Sensoren und Chips bis zu Software-Anbietern – und all das zu sehr zivilen Preisen.

Robodog zum Minipreis

Selbst fertige Roboterhunde sind dann schon ab 1.400 Euro zu kaufen, wie der „Go2“ von Unitree. Der Hersteller hat gerade Studenten in ganz China eingeladen, kostenlos damit zu spielen, und seine Specs und Algorithmen öffentlich zugänglich gemacht. Die Firma hofft, dass dieses „Robotertraining“ zur Erfindung neuer Anwendungen führt, und macht damit auf geschickte Art und Weise ihren Namen bei einer ganzen Generation neuer Robotik-Ingenieure bekannt.

Die Erschwinglichkeit des Roboterhundes Go2 lasse gerade „ein Ökosystem aus Entwicklern und Wissenschaftlern entstehen“, schreibt Bloomberg. „Je mehr Labors, Hochschulen und eine breitere Community die Hardware nutzen, desto stärker entsteht ein sich selbst verstärkender Kreislauf, der Unitree hilft, weitere Marktanteile zu gewinnen.“ (sb)

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