Im Teil 1 dieser Artikelserie haben wir uns mit den verschiedenen Erscheinungsformen digitaler Überforderung und den Grenzen der kognitiven Steuerung beschäftigt. Teil 2 zeigt, warum unser Gehirn sich so gerne von digitalen Reizen verführen lässt.
Unser Gehirn lässt sich gerne von digitalen Reizen verführen.
(Bild: Peter Siwon)
In diesem Teil dieser Artikelserie schauen wir uns an, wie die kognitive Steuerung nach heutigem Kenntnisstand im Gehirn organisiert ist. Sie werden erkennen, warum Bottom-Up-Einflüsse so mächtig sind und welche Rolle Bedürfnisse in diesem Zusammenhang spielen. Sie werden außerdem verstehen, warum sich bewusste Zielverfolgung und Multitasking ausschließen und die Aufmerksamkeit lückenhaft und begrenzt ist. Dieses tiefere Verständnis hilft uns dabei, Auswege aus dem Dilemma digitaler Hyperaktivität zu finden.
Hinweis der Redaktion: Einige Leser von ELEKTRONIKPRAXIS haben uns ihre kreativen und interessanten Antworten auf die Fragestellungen in dieser Serie zugeschickt – vielen Dank dafür. Auszüge daraus sind in diesem Artikel als Zitate eingestreut.
Präfrontaler Cortex als Teamleitung: Der präfrontale Cortex spielt eine Schlüsselrolle bei der bewussten Zielverfolgung. Er kooperiert dabei mit komplexen neuronalen Netzwerken, die sich in alle Bereiche des Gehirns verzweigen. Der präfrontale Cortex befindet sich direkt hinter der Stirn und scheint nach allem, was man bisher weiß, eine Besonderheit des menschlichen Nervensystems zu sein. Er ist wesentlich daran beteiligt, dass wir nicht nur zu reflexartigem Reagieren, sondern auch zu geplantem zielorientiertem Handeln fähig sind. Er versetzt uns in die Lage, Impulse zur kurzfristigen Befriedigung von Bedürfnissen zu unterdrücken, um Ziele mit einem langfristig höheren Nutzen für unsere Bedürfnisse zu verfolgen.
Wir unterdrücken beispielsweise den Impuls zuzuschlagen zugunsten einer aufwändigeren, aber weniger riskanten Konfliktlösung. Allerdings klappt das nur, wenn der präfrontale Cortex gemeinsam mit seinen neuronalen Kooperationspartnern im Gehirn gelernt hat, destruktive Handlungsimpulse (Zuschlagen, Anschreien) zugunsten konstruktiver Verhaltensmuster (Beschwichtigen, nachhaltige Konfliktlösung) zu unterdrücken.
Man könnte den präfrontalen Cortex mit einer vorausschauenden Teamleitung vergleichen, die in der Lage ist, den Einsatz der Teammitglieder (spezialisierte Module im Gehirn) so zu steuern, dass ihre Fähigkeiten mit dem richtigen Timing und Engagement zum Einsatz kommen. Diese Teammitglieder sind beispielsweise Spezialisten für die Auswertung der Signale von Augen, Ohren oder Nase. Andere kümmern sich um die Koordination der Bewegungen. Wieder andere liefern situationsabhängig Erinnerungen und Assoziationen.
Der präfrontale Cortex schenkt denjenigen Beiträgen (Wahrnehmungen, Handlungen, Gedanken) der Teammitglieder die meiste Aufmerksamkeit, die für die Zielerreichung besonders relevant sind. Das Engagement der Teammitglieder, die solche Beiträge liefern, wird damit angeregt. Die Beiträge, die dem Ziel nicht dienen oder dieses sogar gefährden, werden weitgehend ignoriert. Die Lieferung solcher Beiträge wird aktiv gehemmt. Dieses aktive Motivieren, Ignorieren und Unterdrücken von Aktivität erfordert allerdings kognitive Ressourcen. Man kann es sich so vorstellen, dass der präfrontale Cortex als Teamleitung sein Team immer wieder daran erinnern muss, was für das Ziel relevant ist und was nicht.
(Bild: Peter Siwon)
Die Zielverfolgung funktioniert nur deshalb, weil Gehirnzellen Zustände, die durch einen Reiz erzeugt wurden, speichern können. Auf diese Weise kann das Gehirn Veränderungen erkennen und Vergleiche ziehen. Allerdings geschieht das im sogenannten Arbeitsgedächtnis nur kurze Zeit für eine sehr begrenzte Zahl von Informationseinheiten. Beispielsweise können wir uns an Gegenstände erinnern, die wir nur kurz zu Gesicht bekamen. Es ist so, als würde das Gehirn ganz schnell Momentaufnahmen machen, die es auch noch betrachten kann, wenn das Motiv bereits verschwunden ist. Allerdings ist die Anzahl der so gemachten Aufnahmen auf ca. 7 Motive begrenzt, und die Bilder verschwimmen in kurzer Zeit, wenn sie nicht bewusst genutzt werden. Welche Aufnahmen erstellt werden hängt wiederum davon ab, welches Ziel gerade im Fokus der Aufmerksamkeit steht.
Wie bewerkstelligt nun das Gehirn das Ziel-Management, wenn mehrere Ziele um die Aufmerksamkeit und den Arbeitsspeicher konkurrieren? Der präfrontale Cortex ist für jedes Ziel, das er verfolgen soll, mit den Gehirnregionen vernetzt, die für die Verfolgung des jeweiligen Ziels Beiträge bereitstellen. Allerdings ist er nicht in der Lage, mit den Netzwerken mehrerer Ziele gleichzeitig aktiv zu kooperieren. Es findet KEINE Parallelverarbeitung (Multitasking) statt, sondern die aktive Zusammenarbeit erfolgt abwechselnd.
Der präfrontale Cortex spielt eine Schlüsselrolle bei der bewussten Zielverfolgung.
(Bild: Peter Siwon)
Bemühen wir noch einmal die Metapher der Teamleitung: Der präfrontale Cortex koordiniert als Teamleitung mehrere Teams, die verschiedene Ziele verfolgen und in verschiedenen Räumen sitzen. Er ist dadurch gezwungen, immer wieder neu zu entscheiden, welches Team gerade Unterstützung braucht. Dann trifft er sich mit dem Team, um sich auf den aktuellen Stand zu bringen und dann die nächsten Schritte zu veranlassen. Jeder Zielwechsel verbraucht so Zeit und kognitive Ressourcen, die dann für die eigentliche Arbeit an den Zielen fehlen.
Stand: 08.12.2025
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Die Macht der Bedürfnisse
Der Zielorientierung des präfrontalen Cortex sind Grenzen gesetzt. Es gibt Instanzen (Bottom-Up-Einflüsse) im Gehirn, die sich vom präfrontalen Cortex nicht oder sehr schwer davon abhalten lassen, ihr Ding (spontane oder instinktive Reflexe) gnadenlos durchzuziehen. Sie wirken wie ein Feueralarm, der die Bewohner eines Bürogebäudes dazu zwingt, alle Aufgaben liegen- und stehenzulassen, um sich in Sicherheit zu bringen. Oder sie wirken wie eine Verführung, für die jeder den Ballast der aktuellen Tätigkeit abwirft, um schneller dem Glück hinterherlaufen zu können. Je aktueller und auffälliger eine Wahrnehmung, Handlung oder auch ein Gedanke für akute oder wesentliche Bedürfnisse ist, desto höher ist die Wahrscheinlichkeit, dass der präfrontale Cortex sich mit seinen Zielen hintanstellen muss.
(Bild: Peter Siwon)
Wenn wir nun z.B. ein Projektziel verfolgen, stehen die dafür notwendigen Wahrnehmungen, Handlungen und auch Gedanken im Wettbewerb mit denen, die unmittelbar der Befriedigung anderer Bedürfnisse dienen. Wer hat nun die besseren Chancen? Die Entscheidung fällt auf der Bedürfnisebene! Wenn es hart auf hart kommt, gewinnen die Bedürfnisse, die unmittelbar Überleben, Fortpflanzung und Lustgewinn sichern (Bottom-Up-Einflüsse). Sie haben schlichtweg die älteren Rechte und im wahrsten Sinne des Wortes auch die besseren Connections im Wettkampf um verfügbare Ressourcen. Aus evolutionärer Sicht wird die Befriedigung bedeutender Bedürfnisse auf kurzem, neuronalen und endokrinen Weg über altbewährte Gehirnteile organisiert.
Gleichzeitig wird jedes Verhaltensmuster, das diese Bedürfnisse schnell und einfach befriedigt, durch das Belohnungssystem des Gehirns besonders honoriert und bestärkt. Jede Form von Sucht ist eine Folge dieses Teufelskreises aus Handlung, schneller Befriedigung, Belohnung. Der umständliche und evolutionär noch wenig erprobte Weg über den Neocortex, zu dem auch der noch sehr junge präfrontale Cortex gehört, wird vermieden. Bedürfnisse engagieren bevorzugt Gehirnteile, die schon existierten, bevor die Evolution dem Menschen mit Hilfe eines weiterentwickelten Gehirns die Möglichkeit gab, Ziele zu planen und zu verfolgen, die nur mittelbar dem Überleben und der Fortpflanzung dienen.
Kleines Experiment: Schauen Sie auf eine belebte Straße und versuchen Sie sich genau zu erinnern, was Sie bei der letzten Mahlzeit gegessen haben. Sie werden feststellen, dass Sie intuitiv den Blick von der Straße abwenden oder die Augen schließen. So sind Sie in der Lage, für dieses Ziel die Konkurrenzsituation mit aktuellen visuellen Eindrücken zugunsten der gestellten Aufgabe zu beeinflussen. Würde nun das Fenster plötzlich zersplittern, würde sich Ihre Aufmerksamkeit spontan verändern.
Aufgrund der begrenzten Ressourcen muss sich unser Gehirn außerdem entscheiden, inwieweit es seine Aufmerksamkeit streut oder fokussiert. Je mehr es die Aufmerksamkeit streut, desto weniger kann es sich auf ein Detail konzentrieren und umgekehrt. Wenn wir uns auf ein Detail konzentrieren, nehmen wir dessen Umgebung eher nebulös wahr. Wenn wir unsere Aufmerksamkeit breit verteilen, nehmen wir Details nur ungenau wahr.
(Bild: Peter Siwon)
Ein weiteres interessantes Phänomen ist das sogenannte Aufmerksamkeitsblinzeln: Das Gehirn ist nicht in der Lage, seine Aufmerksamkeit lückenlos neu auszurichten. Es entsteht dabei immer eine Aufmerksamkeitslücke von einigen Zehntelsekunden, als würde das Gehirn blinzeln.
Diese sehr kurze Beschreibung der Vorgänge im Gehirn macht klar, dass es zwei wesentliche Erschwernisse bei der bewussten Zielverfolgung gibt:
1. Ablenkung: Die Aufmerksamkeit wird vom Ziel abgelenkt, und das Gehirn muss kognitive Ressourcen aufwenden, um sich immer wieder neu auf das Ziel zu fokussieren.
2. Zielwechsel: Das Gehirn muss für den Wechsel zwischen konkurrierenden Zielen kognitive Ressourcen aufwenden, um diesen Wechsel zu vollziehen.
Unter welchen Bedingungen besteht nun eine besonders große Gefahr, dass es zu häufigen Ablenkungen und Zielwechseln kommt? Warum lassen wir uns gerade durch digitale Medien so häufig unterbrechen und ablenken? Warum verführen sie uns dazu, auf zu vielen Ziel-Hochzeiten zu tanzen? Was können wir konkret tun, damit wir die Segnungen der Digitalisierung nutzen können, ohne unser Gehirn zu überfordern? Um diese Fragen kümmern wir uns in Teil 3 dieser Artikelreihe.