Exportbeschränkungen Mal hüh, mal hott: Nvidia darf nun doch wieder seinen H20 nach China liefern

Von Henrik Bork 4 min Lesedauer

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Drei Monate nach dem Lieferstopp dürfen Nvidias KI-Beschleuniger H20 wieder nach China – ein Schritt, der aus Verhandlungen über seltene Erden hervorging. In China sorgt das für kurzfristige Erleichterung, doch Experten warnen.

Sollte das chinesische KI-Ökosystem die Ketten sprengen wollen. die ihm von US-Exportbeschränkungen angelegt werden, müsste die eigene Entwicklung forciert werden.(Bild:  Dall-E / KI-generiert)
Sollte das chinesische KI-Ökosystem die Ketten sprengen wollen. die ihm von US-Exportbeschränkungen angelegt werden, müsste die eigene Entwicklung forciert werden.
(Bild: Dall-E / KI-generiert)

Drei Monate nach dem abrupten US-Exportstopp dürfen Nvidias KI-Prozessoren vom Typ H20 nun doch wieder nach China geliefert werden. Die überraschende Kehrtwende Washingtons kam im Zuge von Verhandlungen über seltene Erden zustande, wie US-Handelsminister Howard Lutnick am 16. Juli 2025 gegenüber Reuters bestätigte.

In Chinas Tech-Industrie sorgte die Nachricht zunächst für Erleichterung. Gleichzeitig jedoch warnen einheimische Branchenkenner: Man wisse nicht, was als Nächstes komme, und man müsse trotzdem so schnell wie möglich unabhängig von amerikanischer Technologie werden.

Nvidia-CEO Jensen Huang selbst hatte die bevorstehende Wiederaufnahme der H20-Lieferungen vor wenigen Tagen bei einem Besuch in Peking öffentlich angekündigt. Das US-Handelsministerium habe seinem Unternehmen zugesichert, die nötigen Exportlizenzen in Kürze zu erteilen, sagte Huang auf einer Veranstaltung in der chinesischen Hauptstadt.

Nvidia stelle sich darauf ein, die Auslieferung der H20-GPUs bald wieder aufnehmen zu können. Gleichzeitig stellte Huang einen neuen, vollständig exportkonformen High-End-Chip in Aussicht, der speziell für China entwickelt werde und auf der neuesten „Blackwell“-Chiparchitektur basiere. Damit signalisierte Nvidia, den wichtigen chinesischen Markt nicht aufgeben zu wollen.

Kritik aus den eigenen Reihen

In den USA wurde die Lockerung der Exportkontrollen derweil parteiübergreifend scharf kritisiert. Raja Krishnamoorthi, ein ranghoher Demokrat im US-Repräsentantenhaus, warnte in einer Stellungnahme, die Regierung gebe damit „unseren ausländischen Gegnern unsere fortschrittlichsten Technologien in die Hand“ und handele „gefährlich inkonsequent“ in ihrer China-Politik, berichtet Reuters.

Auch der republikanische Vorsitzende des China-Ausschusses, John Moolenaar, zeigte sich beunruhigt und kündigte an, beim Handelsministerium eine Erklärung für die plötzliche Kehrtwende einzufordern. Beide Parteien hatten die strikten Exportkontrollen ursprünglich gleichermaßen unterstützt – umso größer nun ihr Unbehagen über die Ausnahme für Nvidia.

Zu den Hauptleidtragenden des drei Monate währenden H20-Lieferstopps gehörte das Pekinger KI-Startup DeepSeek. Gerüchteweise hätte dessen neues KI-Modell „R2“ bereits im Mai fertig sein sollen, doch bis Juli war davon noch nichts zu sehen. Chinesische Fachmedien wie 36Kr berichteten, dass die Markteinführung von R2 mehrfach verschoben werden musste, weil plötzlich die nötigen Nvidia-Chips fehlten.

DeepSeek als Nvidia-Kunde

DeepSeek soll sein erstes Modell „R1“ Medienberichten zufolge mit zehntausenden Nvidia-GPUs trainiert – angeblich kamen dafür rund 30.000 H20-Chips zum Einsatz – und war dann entsprechend hart von dem Exportstopp betroffen. Entsprechend groß ist jetzt die Erleichterung bei DeepSeek über das H20-Comeback. 36Kr bezeichnete Nvidias Rückkehr in den chinesischen Markt als ein „großes Geschenk“, das DeepSeek den dringend benötigten Schub für R2 gebe.

Doch während Unternehmen wie DeepSeek zumindest vorübergehend aufatmen dürfen, sehen andere Beobachter in China das US-Zugeständnis sehr skeptisch. Ein Kommentator verglich den H20 in der Asia Times gar mit „vergiftetem Wein“: technisch abgespeckt und nur ein scheinbares Linderungsmittel, das langfristig aber die Entwicklung eines eigenen Ökosystems verzögern könne.

Lahmer Gaul statt Rennpferd

Tatsächlich wurde der H20 gegenüber Nvidias High-End-Chip H100 erheblich beschnitten, um US-Exportauflagen zu genügen. So erreicht er laut Asia Times nur etwa 15 Prozent der FP16-Rechenleistung eines H100. Die NVLink-Bandbreite wurde von 900 auf 400 GB/s mehr als halbiert, und die spezialisierte Transformer Engine fehlt komplett.

Der H20 eignet sich damit vor allem für KI-Inferenz und viel weniger für das aufwendige Training großer Modelle – genau diese Einschränkungen seien Teil der US-Strategie, Chinas Zugang zu Hochleistungs-KI zu blockieren, schreiben chinesische Analysten. Die Lockerung der H20-Restriktionen sei kein einfacher Schritt zur Normalisierung, sondern ein taktisch kalkulierter Schritt Washingtons, um Chinas KI-Industrie einerseits bei Laune zu halten, andererseits aber von echter High-End-Technologie fernzuhalten, heißt es in Kommentaren in der Volksrepublik.

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Nvidia selbst kommt die Entscheidung aus Washington äußerst gelegen. Der Konzern kann nun durch die Boykotte liegengebliebene Lagerbestände im Wert von schätzungsweise fünf Milliarden US-Dollar verkaufen und einen Teil der kürzlich verlorenen Marktanteile zurückgewinnen. Ein Analyst auf dem Portal 36Kr sprach von einem „Drei Fliegen mit einer Klappe“-Erfolg für Nvidia: Das begrenzte Comeback des H20 helfe dem Unternehmen, seine vollen Lager zu leeren und die eigene Stellung im chinesischen Markt zu retten – und es bedeute zugleich einen Rückschlag für Chinas junge KI-Chipindustrie, die während Nvidias Abwesenheit an Boden gewonnen hatte.

Empfehlung für heimische Hardware

Dennoch will auch die chinesische Regierung auf lange Sicht unabhängiger von US-Hardware werden. Die Nationale Entwicklungs- und Reformkommission (NDRC) in Peking empfiehlt Betreibern neuer Rechenzentren inzwischen ausdrücklich, vorrangig heimische KI-Chips mit hoher Energieeffizienz einzusetzen.

Internet-Giganten wie Baidu, ByteDance oder Alibaba haben bereits entsprechende „Domestic Substitution“-Programme gestartet und ordern vermehrt einheimische KI-Beschleuniger wie Huaweis neuen Ascend 910C. Für viele kleinere und mittelgroße KI-Firmen hingegen erweist sich der Umstieg von Nvidias etablierter CUDA-Plattform auf Alternativen wie Huaweis Ascend-Ökosystem bislang als zu teuer und komplex.

Selbst die NDRC räumt ein, dass eine Umstellung Zeit benötigt und eine flexible Übergangsfrist nötig ist. Solange Nvidia seiner Kundschaft – wie nun mit dem H20 und dem angekündigten Blackwell-Nachfolger – signalisiert, den chinesischen Markt nicht aufzugeben und weiterhin leistungsfähige, wenn auch kastrierte, Prozessoren zu liefern, werden Unternehmen aus Gründen der Kosten und Bequemlichkeit vorerst im Nvidia/CUDA-Ökosystem verharren.

So verschafft die neue Ausnahmegenehmigung chinesischen KI-Firmen zwar kurzfristig Luft und Nvidia einen Milliardengewinn, doch sie ändert nichts Grundlegendes. Chinas KI-Branche bleibt vorläufig weiter auf amerikanische Hardware angewiesen, während der langwierige Aufbau einer eigenen chinesischen Halbleiter-Lieferkette weitergeht. Eine echte technologische Eigenständigkeit ist für China auf diesem Feld noch nicht in Sicht. Doch die Weichen dafür sind gestellt und Peking arbeitet unbeirrt daran, die Vision der „Selbstversorgung“ in den kommenden Jahren in Etappen Wirklichkeit werden zu lassen. (sb)

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