Wenn KI ausfällt KI-Konsum und seine Folgen: Deepseek ging in „Deepsleep“

Von Henrik Bork 5 min Lesedauer

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„Erst als Deepseek ausfiel, wurde mir klar, dass ich ohne diese KI gar nicht mehr arbeiten kann.“ Solche Kommentare von Nutzern fluteten Chinas soziale Medien, nachdem der beliebte KI-Anbieter aus Hangzhou kürzlich einen 13 Stunden langen Totalausfall hatte.

Deepsleep: 13 Stunden lang war Deepseek nicht verfügbar. Nutzer spürten die Auswirkungen teils deutlich.(Bild:  Dall-E / KI-generiert)
Deepsleep: 13 Stunden lang war Deepseek nicht verfügbar. Nutzer spürten die Auswirkungen teils deutlich.
(Bild: Dall-E / KI-generiert)

Nach dem 13-stündigen Ausfall der chinesischen Deepseek-KI-Modelle klagte etwa ein anderer Nutzer, er sei gerade beim Schreiben einer wissenschaftlichen Arbeit gewesen, als der Dienst zusammenbrach. „Alles wieder aufzubauen, das ist wahnsinnig mühsam.“

Programmierer sahen ihre Debugging-Abläufe zusammenbrechen. „Man merkt erst, wie abhängig man ist, wenn das abstürzt“, schrieb ein Nutzer und verglich das Erlebnis mit der Trennung in einer Beziehung, berichtete das chinesische Wirtschaftsportal 21 Jingji.

Andere tauften die KI kurzerhand in „Deepsleep“ um. Für viele hätte es sich angefühlt, als ‚hätten sie die Hälfte ihres Gehirns verloren‘, fasste das Tech-Portal Xin Zhiyuan die weitverbreitete Frustration zusammen.

Als Deepseek tief schlief

Was war passiert? Am Abend des 29. März 2026, gegen 21:35 Uhr Pekinger Zeit, fielen Webseite und App des chinesischen KI-Chatbots Deepseek gleichzeitig aus. Beide Oberflächen waren plötzlich nur noch grau. Die Warnleuchte auf der offiziellen Statusseite blinkte die ganze Nacht, obwohl die Ingenieure der Firma sofort eine Nachtschicht einlegten, schrieb Xin Zhiyuan.

Deepseek versuchte offenbar mehrere Reparaturen, doch der Dienst war erst am nächsten Morgen um 10:33 Uhr wieder voll funktionsfähig. Dreizehn Stunden Totalausfall, das war die bislang längste Störung, seit das Unternehmen aus Hangzhou Anfang 2025 mit seinem Reasoning-Modell R1 weltweit bekannt geworden war. Zuvor war der Dienst, Angaben des Unternehmens zufolge, nie länger als zwei Stunden am Stück ausgefallen.

Es handelte sich allerdings schon um den fünften größeren Ausfall seit 2025, nur die Zeit zur Wiederherstellung habe sich verlängert, berichteten chinesische Medien. Eine offizielle Erklärung von Deepseek gibt es bis jetzt nicht. Bei Störungen dieser Größenordnung lägen die Ursachen aber erfahrungsgemäß in der Infrastruktur, analysierte der Branchendienst Pan Finance. Typisch seien „Überlastungen von GPU-Clustern, plötzliche Traffic-Peaks oder Fehler nach System-Updates.“

Verschärft wurde das Problem offenbar durch einen Lawineneffekt, weil der Ausfall diesmal so lange dauerte. Viele Nutzer versuchten während des Ausfalls wiederholt, die Seite neu zu laden, was die ohnehin überlasteten Server erst recht in die Knie zwang, schrieb die Zeitung Global Times.

Sind das erschreckende Nachrichten – oder gute?

Für Hersteller von GPUs, Servern und Rechenzentrums-Hardware ist all das eine eher gute Nachricht. Denn in China wird nach solchen Ausfällen gewöhnlich nach einer Lösung gesucht und schnell investiert. Man darf davon ausgehen, dass nicht nur Deepseek, sondern auch seine größten Konkurrenten aus diesem Vorfall die Lehre ziehen, mehr in ihre Infrastruktur investieren zu müssen.

Auch die Regierung in Peking hat erkannt, dass hier ein massiver Bedarf besteht. Sie hat den Ausbau der Recheninfrastruktur in den vergangenen Monaten massiv beschleunigt. China betreibt bis jetzt 42 große GPU-Cluster mit einer kombinierten intelligenten Rechenleistung von mehr als 1.590 EFLOPS, einer Maßeinheit für Supercomputing-Leistung. Mit dieser Kapazität rangiere das Land ganz oben in der Weltspitze, meldete die amtliche Nachrichtenagentur Xinhua. US-amerikanische Chip-Boykotte können diesen schnellen und volumenstarken Ausbau von Recheninfrastruktur zwar abbremsen, aber nicht aufhalten. Chinas GPU-Eigenversorgungsquote habe 2024 bei 34 Prozent gelegen und werde bis 2027 auf 82 Prozent steigen, schätzt die amerikanische Investmentbank Morgan Stanley.

Profiteur Huawei

Der Ausfall ereignete sich zu einem Zeitpunkt, zu dem weltweit intensiv über die bevorstehende Veröffentlichung des nächsten KI-Modells von DeepSeek namens V4 spekuliert wird. Es soll erstmals auf Chips des chinesischen Technologiekonzerns Huawei laufen. Dies ist eines von vielen Beispielen für die „heimische Substitution“ in der chinesischen Halbleiter-Industrie. Weil ihnen der Zugang zu leistungsstarken Nvidia-GPUs durch die US-Boykotte verwehrt oder zumindest stark erschwert wird, weichen immer mehr chinesische Unternehmen auf lokale Anbieter aus.

Mehrere chinesische Tech-Riesen haben kürzlich bei Huawei Großbestellungen aufgegeben, darunter Alibaba, Bytedance und Tencent, berichtet das US-Technologiemedium „The Information“ unter Berufung auf namentlich nicht genannte Quellen. Es soll sich dabei um Hunderttausende von Einheiten handeln. Fachmedien spekulieren seit Wochen, V4 werde voraussichtlich im April erscheinen, und sagen voraus, dass es wieder ein sehr starkes Open-Source-Modell sein werde, wenn auch ohne einen „erdrückenden Leistungsvorsprung“.

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Die Inferenz- und Trainingslasten großer Sprachmodelle hätten eine explosive Nachfrage nach GPUs und Rechenzentrums-Ressourcen ausgelöst, wird Liu Gang, Chefökonom am Chinesischen Institut für Entwicklungsstrategien Künstlicher Intelligenz der nächsten Generation, von der parteinahen Tageszeitung Global Times zitiert.

In der Tat droht das rasante Nutzerwachstum die Rechenkapazitäten zwischenzeitlich immer wieder abzuhängen. Deepseek zählte im Februar mehr als 355 Millionen registrierte Nutzer, berichtete die South China Morning Post. Immer mehr Menschen verfassen mithilfe von Deepseek ihre E-Mails und nutzen es für ihre tägliche Arbeit. Allein im ersten Quartal 2025 seien die täglich aktiven Nutzer von 120 Millionen auf 200 Millionen gestiegen, ein Zuwachs von knapp 70 Prozent, berichtet 21 Jingji. Die Rechenkapazität sei im selben Zeitraum nur um 8,3 Prozent gewachsen. „Das Nutzerwachstum hat die Infrastruktur überholt“, wird ein angeblich gut informierter Programmierer zitiert.

Wenn die KI-Infrastruktur beginnt, Schwächen zu zeigen

Auch bei der US-Konkurrenz hatte es im März Störungen gegeben, etwa bei Claude, dem KI-Assistenten von Anthropic. Daheim in China war beispielsweise auch Alibabas Sprachmodell Qwen bei einer Werbeaktion unter dem großen Ansturm für kurze Zeit zusammengebrochen. Der Bedarf nach Rechenleistung und der dafür nötigen Hardware ist keinesfalls auf einzelne Hersteller beschränkt.

Lokale Deepseek-Rivalen wie Zhipu AI, Minimax AI und Moonshot AI haben zuletzt mit ihren KI-Modellen ebenfalls große Leistungssprünge erzielt. Sie konkurrieren nun um denselben begrenzten Pool an Rechenleistung, kommentiert die South China Morning Post. Je mehr Anbieter und Nutzer, desto größer der Druck auf die Infrastruktur. Der Totalausfall von Deepseek belegt aber auch, wie schnell die KI in die chinesische Arbeitswelt einzieht. Sie befindet sich nicht mehr in einem Experimentierstadium, in dem Entwickler damit nur einzelne Strings von Code testen oder Studenten erste Aufsätze in Auftrag geben.

Inzwischen sind die KI-Assistenten für Millionen von Büroangestellten, Programmierern und Autoren in China zu einem ernsthaften Produktionswerkzeug geworden, so unverzichtbar wie E-Mail oder ein Cloud-Speicher. „Diese Unterbrechung hat vielen Menschen schlagartig bewusst gemacht, dass KI kein optionales Spielzeug mehr ist, sondern eine Notwendigkeit für die Produktivität“, kommentiert Xin Zhiyuan.

Die Verlässlichkeit der KI-Plattformen ist damit neben der reinen Modellleistung zu einem entscheidenden Wettbewerbsfaktor geworden. Die Erwartungen an die Verfügbarkeit ähneln inzwischen denen an traditionelle Cloud-Dienste. Das bedeutet, dass die Messlatte für die Systemstabilität rasant gestiegen ist. Was der Ausfall der KI mit dem Nutzer macht, steht auf einem Blatt.

Auf einem anderen steht, dass 355 Millionen Nutzer, die ohne ihren KI-Assistenten nicht mehr arbeiten können, das überzeugendste Argument für den Ausbau der Recheninfrastruktur liefern, das sich die Halbleiterindustrie nur wünschen kann. (sb)

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