Produktion für den heimischen Markt KI beschert chinesischen Chip-Herstellern ein rasantes Wachstum

Von Henrik Bork 4 min Lesedauer

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Der KI-Boom katapultiert Chinas Halbleiterindustrie gerade in eine neue Dimension. Unter den 102 Unternehmen, die an Chinas A-Aktien-Markt gelistet sind, aus den Bereichen Chipdesign, Fertigung, Packaging und Testing, haben im ersten Halbjahr 66 Gewinne gemacht, 38 meldeten sogar steigende Profite.

Die chinesische Chip-Industrie befindet sich im Aufwind.(Bild:  Dall-E / KI-generiert)
Die chinesische Chip-Industrie befindet sich im Aufwind.
(Bild: Dall-E / KI-generiert)

Während die Branche global mit einer zyklischen Schwäche kämpft, erleben chinesische Chip-Anbieter eine Phase erfreulichen Wachstums. Besonders spektakulär fällt der Sprung bei Cambricon aus. Das Pekinger Unternehmen steigerte seinen Umsatz im ersten Halbjahr auf 2,88 Milliarden Yuan (rund 340 Millionen Euro) – ein Plus von sage und schreibe mehr als 4.300 Prozent. Zuvor hatte das Unternehmen noch Verluste gemacht.

Cambricons Aktie stieg in der Folge zur teuersten des Landes auf, was der Firma den Spitznamen „das kleine Nvidia“ bescherte. „Der Aufschwung zeigt, dass heimische Chips zunehmend an die Stelle amerikanischer Produkte treten können“, schrieb die Wirtschaftszeitschrift Fortune. Während Nvidia von der US-Regierung mit immer neuen Restriktionen für den Verkauf seiner KI-Chips nach China überzogen wird, steht das Spielfeld für chinesische Hersteller wie Cambricon also plötzlich ganz weit offen.

Wachstum chinesischer Chip-Unternehmen im ersten Halbjahr 2025.(Bild:  Asia Waypoint)
Wachstum chinesischer Chip-Unternehmen im ersten Halbjahr 2025.
(Bild: Asia Waypoint)

Zwar muss man als Realitäts-Check im Auge behalten, dass Nvidia allein im zweiten Quartal dieses Jahres einen Umsatz von 46,7 Milliarden US-Dollar (rund 40 Milliarden Euro) gemacht hat und damit im Vergleich zu Cambricon noch immer ein Goliath ist. Aber David greift an.

Die Kleinen sind dran

Auch Hygon aus Shanghai, spezialisiert auf Server-CPUs, meldete starke Zahlen. Der Umsatz kletterte um 45 Prozent auf 5,46 Milliarden Yuan (etwa 650 Millionen Euro), der Nettogewinn legte um 41 Prozent zu. Halo Microelectronics, 3PEAK, Rockchip und Telink reihten sich ebenfalls in die Gruppe der Überflieger ein. Rockchip etwa verbuchte mit seinen KI-fähigen IoT-Chips ein Umsatzplus von fast 64 Prozent, der Gewinn stieg um mehr als 190 Prozent. Im analogen Segment meldete Awinic eine Gewinnsteigerung um 71 Prozent, getragen von der wachsenden Nachfrage nach KI-fähigen Endgeräten.

Nicht nur für KI-Anwendungen werden Chips benötigt, sondern überall in China, und man greift immer häufiger auf Chips aus heimischer Produktion zurück. SMIC, Chinas größte Foundry, erzielte im ersten Halbjahr einen Umsatz von 32,3 Milliarden Yuan (rund 3,7 Milliarden Euro), ein Anstieg um 23 Prozent. Der Nettogewinn kletterte um fast 40 Prozent nach oben.

Das kleinere Hua Hong kam auf 1,1 Milliarden Dollar Umsatz (etwa 940 Millionen Euro), plus 18 Prozent, und eine Bruttomarge von gut zehn Prozent. Beide dieser chinesischen Hersteller meldeten eine Auslastung an der Kapazitätsgrenze. Hua Hong etwa kam im zweiten Quartal auf 108 Prozent – ein Wert, der nur mit Überstunden und maximalem Einsatz zu erreichen ist.

Profite auch in den nachgelagerten Stufen

Auch nachgelagerte Stufen in der Lieferkette profitierten deutlich. JCET, der größte Packaging- und Testing-Dienstleister Chinas, erzielte in der ersten Jahreshälfte 18,6 Milliarden Yuan Umsatz (rund 2,2 Millionen Euro), ein Plus von 20 Prozent. Tongfu Microelectronics kam auf 13 Milliarden Yuan (aufgerundet 1,6 Milliarden Euro) und steigerte seinen Gewinn damit um fast 28 Prozent.

Die Zahlen zeigen also, dass die Nachfrage entlang der gesamten Halbleiter-Lieferkette in China kräftig angezogen hat. Ein Hintergrund für diesen Boom ist die explosionsartige Verbreitung von KI-Anwendungen. Hochleistungsrechner, Cloud-Training, Edge-Geräte und Konsumprodukte treiben den Bedarf. „High-End-Computing-Chips sind die Kern-Hardware für KI und profitieren am stärksten vom Nachfrageboom“, zitierte die Finanzzeitung „Shanghai Zhengquan Bao“ einen Branchenanalysten.

Was den kometenhaften Aufstieg von Cambricon angeht, so ist er auch mit den jüngsten Fortschritten bei heimischen, chinesischen KI-Modellen verknüpft. DeepSeek, Chinas Antwort auf OpenAI und ChatGPT, hat angekündigt, dass seine neuesten Modelle V3 und V3.1 mit in China hergestellten Chips kompatibel sind.

Selbstversorgungspolitik

Chinas Regierung drängt heimische Hersteller zu größeren Anstrengungen, will mehr „Selbstversorgung“ mit Chips made in China. Sie tut dies unter anderem aus demografischer Notwendigkeit. Chinas Bevölkerung veraltet und schrumpft gleichzeitig mit großer Geschwindigkeit. Schon jetzt gibt es trotz der großen Bevölkerung einen Mangel an hochqualifizierten Arbeitskräften. Peking hat vor diesem ernsten Hintergrund im „Upgrading“ seiner Industrien einen neuen Wachstumstreiber entdeckt – und dafür werden viele Halbleiter gebraucht.

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Gleichzeitig gibt es den geopolitischen Konflikt mit Washington, der diesen chinesischen Marsch in Richtung technologische Eigenständigkeit noch einmal viel dringlicher macht. Seit die US-Regierung Hochleistungs-Chips und Lithografie-Technik für den Export nach China beschränkt oder blockiert, pumpt Peking noch mehr Geld in die eigene Chip-Industrie. Anfang 2025 startete die dritte Runde des nationalen Big Fund, ausgestattet mit über 340 Milliarden Yuan (rund 41 Mrd. Euro) für die kommenden 15 Jahre.

Erste Erfolge dieser alle Ebenen der Lieferkette berührenden Aufholjagd werden jetzt sichtbar. „China wandelt sich vom passiven Empfänger zum aktiven Innovator“, kommentierte die Marktforschungsagentur CINNO in einer Analyse. Das konzertierte Zusammenspiel von politischem Druck und massiven Investitionen zeigt Wirkung. SMIC etwa kündigte an, seine 7-Nanometer-Kapazitäten bis 2026 verdoppeln zu wollen, mit Huawei als größtem Kunden.

Neue Werke sollen zusätzliche KI-Chips liefern und damit die Abhängigkeit von Nvidia reduzieren. Gleichzeitig schieben regionale Regierungen eigene Clusterprojekte an, von Jiangsu bis Chongqing. Dort fließen Milliarden in neue Fabriken zur Fertigung von Speicher- und Leistungshalbleitern.

Langfristigkeit im Visier

Kurzfristig schaden die US-Restriktionen den Halbleiter-Ambitionen Chinas. Gleichzeitig werden sie immer mehr zum Bumerang. „Trump makes China great again“, witzeln chinesische Kommentatoren unter Anspielung auf den „MAGA“-Slogan des amerikanischen Präsidenten. „Die Kapazitätserweiterungen in China sind ein ernst zu nehmendes Risiko für Nvidias Dominanz im KI-Sektor“, zitierte das Fortune-Magazin Ray Wang von der Futurum Group.

Fazit aus den Zahlen für das erste Halbjahr 2025: Die chinesische Halbleiterindustrie wächst rasant, getragen von KI, massiver Nachfrage im größten Verbrauchsmarkt für Chips der Erde (China) und von einer klaren industriepolitischen Agenda ihrer Regierung. Für westliche Konkurrenten braut sich da gerade ein perfekter Sturm zusammen. (sb)

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