Grobfeatures Iterative, natürlichsprachliche Spezifikation von Anforderungen

Autor / Redakteur: Hajo Hoffmann* / Martina Hafner

Grobfeatures erlauben einen modellunabhängigen, natürlichsprachlichen Ansatz, Funktion eines Produktes essenziell und iterativ zu dokumentieren und sie nicht unmittelbar in Detailanforderungen umzusetzen. Sie liegen auf einer analytischen Ebene zwischen Use Cases und Anforderungen und erlauben es, Spezifikationen zu strukturieren, Zusammenhänge zu erkennen und die Features schrittweise zu präzisieren ohne sich zu diesem Zeitpunkt übermäßig mit fachlichen Details auseinandersetzen zu müssen.

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Das vorgestellte Konzept der Grobfeatures ist im Rahmen des folgenden Projektes entstanden: Für einen führenden deutschen Automobilhersteller sollte die natürlichsprachliche Spezifikation eines neuen Telematiksystems auf Grundlage des vorhandenen Systems erarbeitet werden. Der Funktionsumfang des neuen Systems lag bereits in Form von Use Cases vor, die von der Forschungsabteilung des Herstellers gesammelt wurden. Die Abstimmung der Spezifikationsdetails mit der Entwicklungsabteilung war nur sehr eingeschränkt möglich. Um trotzdem die weiterführende Abstimmung auf höheren Management-Ebenen beginnen und andererseits möglichst viel Vorarbeit in Hinsicht auf die neue Spezifikationsstruktur leisten zu können, wurde das Konzept der Grobfeatures entworfen und umgesetzt. Die Prinzipien und der Nutzen dieses Konzeptes und was bei dessen Anwendung zu beachten ist, wird in diesem Text dargelegt.

Was sind Features?

Beispiel für eine Featurebeschreibung (Archiv: Vogel Business Media)

Bevor im nächsten Absatz der Begriff „Grobfeature“ beschreiben wird, ist es sinnvoll zuerst den verwandten Begriff „Feature“ zu definieren. In der Literatur existieren zahlreiche Formulierungen. Zum Beispiel lautet die der FODA-Methode [foda] zugrundeliegende Definition: „A Feature is a prominent or distinctive user-visible aspect, quality, or characteristic of a software system or systems.“ [dict]. In der deutschsprachigen Wikipedia ist die folgende Definition zu finden: „Ein Feature ist im technischen Bereich ein oft verwendeter Marketingbegriff, der die Bedeutung von Funktionalität, Leistungsmerkmal, Ausstattung oder schlicht Merkmal, Funktion oder Eigenschaft hat.“ [wiki].

Dagegen wurde im Kontext des eingangs geschilderten Projektes ein Feature wie folgt definiert: „Eine Ansammlung von Anforderungen, die eine Systemeigenschaft beschreiben, die nicht in mehrere einzelne Systemeigenschaften unterteilt werden kann“. Damit eine Systemspezifikation nicht aus einer unüberschaubaren Reihe von Features besteht, werden diese zu Featuregruppen zusammengefasst. Diese Gruppierung kann anhand verschiedenster Merkmale erfolgen (z.B. anhand des fachlichen Kontextes, Verantwortlichkeiten, Priorität, Use Cases, etc).

Was sind Grobfeatures?

Beispiel für ein Grobfeature. Abgeleitet vom Begriff Feature ist ein Grobfeature ein „umsetzungsneutrales auf die fachliche Essenz reduziertes Feature“ (Archiv: Vogel Business Media)

Abgeleitet vom Begriff Feature ist ein Grobfeature nun definiert als „ein umsetzungsneutrales, auf die fachliche Essenz reduziertes Feature“. Damit ist gemeint, dass Grobfeatures gegeneinander genau so abgegrenzt sind wie Features, aber keinerlei technische oder fachliche Detailspezifikation enthalten. Rein praktisch bestehet ein Grobfeature aus der eindeutigen Bezeichnung und der essenziellen Beschreibung einer Systemeigenschaft. Es kann sich auch hier sowohl um für den Benutzer sichtbare als auch um systeminterne Eigenschaften handeln. Im Gegensatz zu einer pragmatischen oder detaillierten Beschreibung legt eine essenzielle Beschreibung nur Zweck und Verhalten einer Eigenschaft dar - auf weitere Präzisierung in Form von Bedingungen, Aktivitäten, Zuständen und sonstigen Verfeinerungen wird möglichst verzichtet.

Im Laufe des Spezifikationsprozesses müssen die essenziellen Beschreibungen natürlich um die pragmatisch formulierten Details ergänzt werden. Grobfeatures bilden also vorläufige Platzhalter für detaillierte Features, die in späteren Phasen der Spezifikation, wenn z.B. grundsätzliche Abstimmungen abgeschlossen sind, alle relevanten Beschreibungsdetails und Anforderungen enthalten werden. Grobfeatures haben den Vorteil, dass sie abstrakter, lösungsneutraler und übersichtlicher als Features sind. Damit bietet ihr Einsatz eine Reihe von Vorteilen in frühen Phasen der Spezifikation.

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